Berlin, 16.12.1997, 00:00  Blickpunkt:Film

Streit um die Standorte von Multiplex-Kino in Berlin ist eskaliert - Kulturbrauerei: Bezirk gegen Warner-Pläne

Der Streit um die Standorte von Multiplex-Kinos in Berlin ist eskaliert. In der vergangenen Woche votierten die Bezirksverordneten von Berlin-Prenzlauer Berg gegen das neue Multiplexkino von Warner Bros. International Theatres Inc. in der ehemaligen Schultheiss-Brauerei.

Warner wollte im Rahmen des Projekts Kulturbrauerei ein Kino mit acht Sälen und 1800 Sitzplätzen einrichten. Hans-Joachim Flebbe und seine Partner von der Berliner Sputnik-Gruppe eröffneten am 18. Dezember ihr Colosseum-Cinemaxx mit zehn Kinos und 2800 Sesseln - rund einen Kilometer entfernt. Um ein Overscreening am Prenzlauer Berg zu verhindern, sprachen sich die Bezirksverordneten gegen die Warner-Pläne aus. Damit steht zum ersten Mal in Deutschland ein fertig geplantes Multiplex kurz vor dem Beginn der Bauarbeiten auf der Kippe. Im Vorfeld der Entscheidung hatte Flebbe angekündigt, gegen die Pläne der Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) zu klagen, sollte es in dieser Woche grünes Licht vom Bezirksamt Prenzlauer Berg für die Sanierung eines denkmalgeschützten Brauereikomplexes geben.

Kein zweites Magdeburg

Hans-Joachim Flebbe will ein zweites Magdeburg verhindern. In Berlin ist der Zweikampf zwischen Warner und Flebbe jedoch um eine pikante Facette reicher: Nicht genug, daß hier erstmals zwei Kinoneubauten in unmittelbarer Nachbarschaft gegeneinander antreten. Flebbe und seine Partner werfen der TLG unsaubere Geschäftsmethoden vor. Denn die TLG war es, die den Standort "Colosseum" verkauft hat, mit der Auflage, dort mindestens zehn Jahre Kino zu betreiben. Jetzt sorgt sie selber für direkte Konkurrenz. Die Lage sei juristisch geprüft, heißt es, man werde nicht davor zurückschrecken, vor Gericht zu ziehen. Das Dilemma um die Multiplexstandorte in Berlin wurzelt in der Entscheidungshoheit der Bezirke. Denn die Baugenehmigungen für Kinos erteilen die Bezirksämter, und davon gibt es in Berlin 23 Stück. Alle sind darauf festgelegt, ihre eigenen Claims abzustecken. In Prenzlauer Berg handelt es sich um eine doppelte Misere. Denn das TLG-Projekt der Brauereisanierung ist den Bezirkspolitikern eine Herzensangelegenheit. Die Sanierung des Komplexes ist aufwendig und teuer: Die TLG hat jetzt ein 100-Millionen-Mark-Konzept vorgestellt, um die Sanierungskosten selbst tragen zu können.

"Kulturbrauerei" mit gültigem Mietvertrag

Und dann gibt es noch eine weitere Fußangel. Jahrelanger Mieter in der Brauerei ist der soziokulturelle Verein "Kulturbrauerei", der sich in Berlin einen Namen gemacht hat. Der Verein hat einen über Jahre gültigen Mietvertrag, mit einer subventionierten Miete. Die Kulturbrauerei soll aus Imagegründen weiter dabeibleiben und auch die Bezirkspolitiker sind sich einig, den Verein erhalten zu wollen. Das macht der TLG die Argumentation leicht: Bei niedrigen Einnahmen müsse eben auf den jetzt zur Verfügung stehenden Flächen möglichst gewinnbringend vermietet werden. Da war der TLG das Angebot von Warner wie gerufen gekommen. Warner garantierte nicht nur einen langjährigen Mietvertrag, sondern auch die Finanzierung des Innenausbaus mit einer zweistelligen Millionensumme. Ein ähnliches Szenario wie in Prenzlauer Berg bahnt sich im Nachbarbezirk Friedrichshain an. Dort betreibt die Ufa das Kosmo-Mulitplex und in nur knapp einem Kilometer Entfernung wird UCI im kommenden Jahr ein Kinozentrum eröffnen. Die Ufa kontert und präsentierte am 12. Dezember neue Mulitplexpläne für den Ost-Berliner Stadtteil Treptow. Auch die Geschwister Kieft haben - nach dem Start des Cinestar in Hellersdorf - neue Pläne vorgestellt. Sie wollen 1999 in einem neuerrichteten Einkaufszentrum in Tegel einen weiteren Cinestar aufgehen lassen. Und auch Hans-Joachim Flebbe bleibt nicht untätig. Bereits im kommenden Mai will er am Potsdamer Platz 19 Kinosäle eröffnen, die auch als künftiger Standort der Filmfestspiele dienen sollen.

Multiplex Rausch

Der Multiplex-Rausch in Berlin kennt kein Halten. Mit dem Colosseum sind vier Multiplex-Kinos in Betrieb. Neben den jetzt in Bau befindlichen Kinos sind noch weiter Standorte im Gespräch. Werden alle Pläne umgesetzt, wird sich die Zahl der Kinosessel vor Berliner Leinwänden bis zum Jahr 2003 nahezu verdoppelt haben.


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