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Das Ereignis

Schonungsloses Drama um eine junge Frau, die 1963 abtreibt. Ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen.

Das Ereignis Großansicht
(Bild: Prokino (Studiocanal))
Verleih Prokino (Studiocanal)
Kategorie/Land/Jahr Spielfilm, Frankreich 2021
Regie Audrey Diwan
Darsteller Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Luàna Bajrami
Kinostart 31.03.2022
Einspielergebnis D € 96.867
Bes. (EDI) 12.128
Bes. (FFA) 11.310
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Boxoffice USA $ 176.542
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nach oben Inhalt & Info

Als Annie realisiert, dass sie nach einem kurzen Abenteuer mit einem Jungen aus Bordeaux schwanger ist, ist ihr klar: Sie kann dieses Kind nicht zur Welt bringen. Es wäre das Ende all ihrer Träume, das Ende ihres Studiums, ihrer Hoffnungen, dem kleinbürgerlichen Milieu ihrer Familie zu entfliehen. Doch 1963 ist Abtreibung illegal und selbst mit engen Freunden kann sie nicht darüber reden. Also muss sie alleine einen Weg finden, wie sie den Fötus los wird.

Für ihre zweite Regiearbeit hat sich Audrey Diwan, bislang bekannt als Drehbuchautorin, u.a. von "BAC Nord", den autobiographischen Roman "Das Ereignis" von Annie Ernaux vorgenommen und ein schonungsloses Drama daraus gemacht. In ungekünstelten Bildern und im alten Fernsehformat von 1,33 zu 1 folgt sie ihrer beharrlichen Heldin auf ihrem Spießrutenlauf zu Ärzten und einer Engelmacherin. Noch erschütternder als zwei harte Szenen, die eine versuchte und die endgültige Abtreibung zeigen, ist die Schilderung der grausamen Nachkriegsgesellschaft.

Quelle: Blickpunkt:Film

nach oben Ausführliche Besprechung

Schonungsloses Drama um eine junge Frau, die 1963 abtreibt.

Ein Film, der an die Nieren geht. Tatsächlich war von Zuschauern bei der Premiere in Venedig zu hören, denen bei den Schlüsselszenen von "Das Ereignis" so blümerant wurde, dass sie sich erst einmal hinlegen mussten. Dazu muss man wissen: Für ihre zweite Regiearbeit hat sich Audrey Diwan, bislang vornehmlich bekannt als versierte Drehbuchautorin, u.a. als Koautorin des Polizeithrillers "BAC Nord", der in Cannes Weltpremiere feierte und Platz eins der französischen Charts war, den autobiographischen Roman "Das Ereignis" von Annie Ernaux aus dem Jahr 2000 vorgenommen. Darin thematisiert die gefeierte Schriftstellerin die Abtreibung ihres drei Monate alten Fötus im Alter von 23 Jahren im Jahr 1963, zu einer Zeit, als Abtreibung nicht nur eine Gefängnisstrafe nach sich zog, sondern tatsächlich so sehr in der Gesellschaft geächtet war, dass man sich bisweilen nicht einmal trauen konnte, es seinen besten Freunden anzuvertrauen. Der Roman ist schonungslos. Der Film ist es ebenso.

In ungekünstelten Bildern und im alten Fernsehformat von 1,33 zu 1 folgt Audrey Diwan ihrer Heldin, die von Anfang an eines weiß, als sie realisiert, schwanger zu sein, nach einem kurzen Abenteuer mit einem Jungen aus Bordeaux in einem Hotelzimmer: Sie kann dieses Kind nicht zur Welt bringen. Es wäre das Ende all ihrer Träume, das Ende ihres Studiums, ihrer Hoffnungen, dem kleinbürgerlichen Milieu ihrer Familie zu entfliehen. Ein Spießrutenlauf beginnt, von einem Doktor zum nächsten und schließlich zu einer Engelmacherin. Zwei Szenen sind es, die das Publikum besonders fordern. Einmal versucht Annie, mit Hilfe eines zum Glühen gebrachten Hakens selbst den Abort zu Wege zu bringen. Nach dem Besuch bei der Engelmacherin sieht man, wie sie, unter unerträglichen Schmerzen auf der Toilette sitzend, das Baby verliert. Kurz schwenkt die Kamera nach unten, zeigt die Nabelschnur und den kleinen Fötus. Gewiss, das sind zwei Härteproben. Aber sie sind nicht so erschütternd wie die Momentaufnahmen der grausamen Nachkriegsgesellschaft, in der soziale Ächtung und öffentliche Demütigung als mächtige Waffen eingesetzt werden. Rock'n'Roll mag bereits aus den Jukeboxen klingen und von einem freiheitlicheren Geist künden, aber die sozialen Mores sind unverändert strikt erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Fasziniert folgt man der Beharrlichkeit der Hauptfigur, gespielt von Anamaria Vartolomei, die keine Sekunde an ihrer Mission zweifelt, aber doch mehr und mehr verzweifelt, wenn ihr von ihrer Umwelt die kalte Schulter gezeigt wird. Umso bewegender sind die kleinen Momente der Menschlichkeit, die man ihr vereinzelt angedeihen lässt: Selbst in diesem düsteren Frankreich muss man nicht ganz allein sein. Ob man indes überlebt und ob man ins Gefängnis muss, wenn man überlebt, sind reines Glücksspiel. Das bleibt intensiver haften als die beiden Szenen, wegen derer "L'évenément" kurz zum Tagesgespräch am Lido wurde.

Thomas Schultze.

Quelle: Blickpunkt:Film

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nach oben Film-/Kino-Daten
Verleih Prokino (Studiocanal)
O-Titel L' événement
Alternativ-/Arbeitstitel Happening
Land / Jahr Frankreich 2021
Kategorie Spielfilm
Genre Drama
Kinostart 31.03.2022
Laufzeit 100
FSK ab 12 Jahre
FBW-Prädikat Besonders wertvoll
Einspielergebnis D € 96.867
Bes. (EDI) 12.128
Bes. (FFA) 11.310
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USA-Start 06.05.2022, bei IFC Films
Boxoffice USA $ 176.542
Web-Link https://prokino.de/movies/details/Das_Ereignis
nach oben Cast & Crew
Regie Audrey Diwan
Buchvorlage Annie Ernaux
Darsteller Anamaria Vartolomei, Kacey Mottet Klein, Luàna Bajrami
nach oben Filmpreise
Preis / Veranstaltung Jahr, Ort, am - von/bis Kategorie Person
78. Internationale Filmfestspiele in Venedig
Internationale Filmfestspiele in Venedig Großansicht
2021, Venedig, 11.09.2021 Goldener Löwe - Bester Film  
nach oben FBW-Gutachten

Prädikat: Besonders wertvollFBW-Pressetext:

Frankreich, 1963: Anne ist 23 Jahre alt und studiert Literatur. Ihr Traum ist es, zu unterrichten. Als sie ungewollt schwanger wird, entscheidet sie sich gegen das Kind. Doch die Gesetze und Konventionen der Zeit machen es Anne schwer, eine selbstbestimmte Entscheidung über ihr Leben zu treffen. Der Spielfilm von Audrey Diwan erzielt seine erzählerische Wucht über die autobiografische Vorlage, eine grandiose Darstellerinnenleistung und sein fesselndes und erschreckend zeitloses Thema.

Man spürt, dass die Geschichte, die die Regisseurin Diwan zusammen mit ihrer Co-Autorin Marcia Romano in DAS EREIGNIS erzählt, auf einer autobiografischen Erzählung beruht. Sowohl die vermittelte Zeit, als auch das Verhalten der Figuren, ihre Aussagen und ihre Konflikte - all das wirkt lebensnah und authentisch. Und dazu erstaunlich zeitlos - auch und gerade in Bezug auf die Ereignisse, die sich aktuell weltweit abspielen. Anne, grandios verkörpert von der Hauptdarstellerin Anamaria Vartolomei, gerät zunehmend unter Druck: In einer Zeit, in der Schwangerschaftsabbrüche in Frankreich gesetzlich verboten sind und von der Gesellschaft verurteilt werden, würde sie mit einer Entscheidung für ihr Kind ihre gesamte berufliche Zukunft aufs Spiel setzen - und vor allem das verlieren, was sie sich als Kind einer Arbeiterfamilie hart erarbeitet hat: Ihr Recht auf Selbstbestimmung. Und so kämpft Anne. Entschlossen und mit radikaler Härte, auch gegen sich selbst. Annes innere Konflikte werden durch die Kameraarbeit des kongenialen Laurent Tangy eindrucksvoll in Szene gesetzt: Er folgt Anne auf Schritt und Tritt. So wird es den Zuschauer*innen ermöglicht, Anne auf ihrem Weg zu beobachten, sie zu begleiten und zu ihrer Komplizin zu werden. Mit ungeschönt realistischen Blick erzählt die Regisseurin Audrey Diwan in ihrem Film eine Geschichte über Emanzipation, die eigene innere Stärke und weibliche Selbstbestimmung - ohne dabei jemals die Empathie für ihre Hauptfigur zu verlieren. Das macht ihr Drama zu einem komplexen, vielschichtigen und eindrucksvollen Plädoyer für das Recht der Frau am eigenen Körper.

FBW-Jury-Begründung:

Obwohl er zu Beginn der 60er Jahre spielt, ist Audrey Diwans DAS EREIGNIS ein absolut gegenwärtiger Film. Das betrifft nicht nur sein Thema, sondern vor allem die Art und Weise, in der die Regisseurin es angeht. Der Film beruht auf einer autofiktionalen Erzählung der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux, die darin die Erfahrung einer illegalen Abtreibung im Frankreich der frühen 1960er Jahre schildert. Anamaria Vartolomei spielt Anne, eine junge Studentin in der Provinzstadt Angoulême, die sich aus einer einfachen Herkunft heraus die Möglichkeit eines Hochschulstudiums erarbeitet hat. Die ungewollte Schwangerschaft droht all ihre Lebenspläne und das bisher Erreichte zunichte zu machen. Der Film heftet sich gleichsam an die Fersen von Anne, während sie von Station zu Station läuft auf der Suche nach einer "Lösung". Abtreibungen waren damals in Frankreich nicht nur verboten - sie waren auch so stark tabuisiert, dass im ganzen Film kein einziges Mal das Wort fällt.

Diwans Film beeindruckt durch die Intensität, mit der er die Notlage Annes schildert, ohne dabei je pathetisch oder sentimental zu werden. Mit seiner quasi-dokumentarischen Herangehensweise fächert er zugleich die verschiedenen Haltungen in der damaligen Gesellschaft auf: die vorgebliche Unschuld von Anns Mitbewohnerinnen, die ihrer wohlmeinenden Freunde, die aber die Verantwortung scheuen, die der teils kaltblütigen Menschen, die aus ihrer Notlage Profit schlagen. Wobei es der Regisseurin gelingt, stets genau im Blick zu behalten, dass es hier um das Erleben einer Frau geht, um ihre Sichtweise, ihre Gefühle und Erfahrungen.

Mit seiner recht bündigen Dauer von 100 Minuten entwickelt der Film eine spannende, sich steigernde Wucht, die seinem Anliegen große Wirkung verleiht. Der Film führt exzellent vor Augen, dass die Zeiten des absoluten Abtreibungsverbots und damit der Praxis illegaler und deshalb hochriskanter Abbrüche noch nicht sehr lange her sind. Dazu trägt bei, dass Anne als Figur den modernen Frauenfiguren von heute sehr nahe steht: Sie ist keine Frau, die ihre Weiblichkeit herauskehrt, sondern eine selbstbewusste Studentin, die ihr Studium ernst nimmt und die, von einem starken Wunsch nach Selbstbestimmung getrieben, auch ihre sexuellen Erfahrungen danach ausrichtet.

Die Jury bewunderte ausdrücklich die effektive und ökonomische Erzählweise, in der jede Sequenz ihre Funktion hat und jede Nacktszene inhaltlich und nicht voyeuristisch begründet scheint. Sämtliche formalen Elemente greifen stimmig ineinander: der Handkamera-Stil und das 4:3-Format, die Kostüme und Frisuren, das Provinz-Setting in Angoulême - nichts davon ist ausgestellt oder übertrieben aufwändig, alles kommt zur subjektiv geprägten Erzählung von Anne zusammen, deren reale Lebenswelt - sie trägt eben die immer gleichen vier Blusen - geschildert wird. Ohne sie mit Gefühlen zu überfrachten, macht der Film ihr Verhalten sehr nachvollziehbar. Man begreift und versteht ihre Entscheidung, und respektiert sie.

Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)


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