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Belfast

Bestechendes autobiographisches Drama von Kenneth Branagh, das aus dem Blick eines Achtjährigen von einer Kindheit im bürgerkriegszerrissenen Belfast des Jahres 1969 erzählt.

Belfast Großansicht
(Bild: Universal)
Verleih Universal
Kategorie/Land/Jahr Spielfilm, Großbritannien 2021
Regie Sir Kenneth Branagh
Darsteller Jude Hill, Jamie Dornan, Caitriona Balfe
Kinostart 24.02.2022
Einspielergebnis D € 1.681.096
Bes. (EDI) 205.151
Bes. (FFA) 198.293
Charthistory
Boxoffice USA $ 9.208.355
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nach oben Ausführliche Besprechung

Bestechendes autobiographisches Drama von Kenneth Branagh, das aus dem Blick eines Achtjährigen von einer Kindheit im Belfast des Jahres 1969 erzählt.

Übermäßig persönlich war es eigentlich nie, das Kino des Iren Kenneth Branagh. Gewiss, seine Shakespeare-Adaptionen kamen von Herzen, sechs Stück an der Zahl. Aber selbst diese liegen 15 Jahre zurück, mussten weichen den professionellen, aber auch gesichtslosen Auftragsarbeiten des letzten Jahrzehnts: Marvel, John Clancy, Agatha Christie, Disney-Märchen, Kinderbestseller, mal mehr erfolgreich, mal weniger. Nun lässt sich formidabel darüber diskutieren, ob er "Belfast" gemacht hat, um sich kreativ wieder freizuschwimmen, oder ob er "Belfast" nur deshalb machen konnte, weil ihn die Hollywood-Großproduktionen Luft holen und allen Mut sammeln ließen. Mut, den man mitbringen muss, wenn man vor einem großen Publikum die eigene Kindheit ausbreiten will, ein "Amarcord" sozusagen oder "Roma". Oder um es noch besser zu treffen: "Belfast" ist Branaghs "Hope and Glory", sein "Sie küssten und sie schlugen ihn", ein unendlich zärtlicher, liebevoller und wehmütiger Film, der eine Liebeserklärung ist an die Heimatstadt, aber vor allem an die eigene Familie und die befreiende Kraft des Kinos und des Theaters.

Es ist ein ganz kleiner Film, festgehalten in bestechendem Schwarzweiß, der sich mehr oder weniger nur in der Wohnung der Familie des achtjährigen Buddy und dem kleinen Straßenzug aufhält, wo mit Ausnahme der protestantischen Familie fast nur Katholiken wohnen - allerdings allesamt auf Augenhöhe, verbunden durch Nachbarschaft und Jahre gemeinsamen Lebens Seite an Seite. Sonst sieht man noch die Schule, das Zuhause der Großeltern und einen Park, in dem Buddy mit seiner besten Freundin Moira spielt und sich von ihr die ach so komplizierte Welt erklären lässt. Wie groß sie sein kann, kann Buddy erahnen, wenn er ins Kino oder Theater geht. Wenn er im Kinosaal Raquel Welch in "Eine Million Jahre vor unserer Zeit" oder Dick Van Dyke in "Tschitti Tschitti Bäng Bäng" erleben darf, dann füllt sich die Leinwand auf einmal in all den prächtigen Farben, die das Leben im Kino übergroß erscheinen lassen: Man ahnt als Zuschauer, dass hier der Samen gesät wird, der Kenneth Branagh als Erwachsener Regisseur werden lässt. Aber "Belfast" ist nicht nur fein erinnerte Details und herzwärmende Momente.

Die Handlung setzt am 15. August 1969 ein, und was gerade noch wildes Kinderspiel mit Holzschwertern und Mülleimerdeckeln als Schutzschilder ist, wandelt sich urplötzlich in eine Kriegszone, als ein protestantischer Mob in die Straße drängt und die dort lebenden Katholiken mit Gewalt und Terror dazu drängt, Belfast zu räumen: Barrikaden und Militär, Kontrollen und über dem Viertel schwebende Hubschrauber sind ständige Begleiter, während Buddys Eltern, gespielt von Caitriona Balfe und Jamie Dornan, überlegen, wie die Zukunft der Familie aussehen soll: Pa ist ohnehin die meiste Zeit in England, um Geld für den Unterhalt aufzubringen. Nun muss eine Entscheidung getroffen werden, ob man die Kinder entwurzeln und das Pulverfass Belfast verlassen soll. "Belfast" ist angefüllt mit intensiven Momenten, untermalt von der Musik von Van Morrison - wenn die Mutter den Mülleimerdeckel nutzt, um ihren Sohn vor herumfliegenden Pflastersteinen zu schützen oder der großartig von Ciarán Hinds gespielte Großvater Lebensweisheiten verbreitet, während er im Plumpsklo sitzt, oder Buddy sich freut, wenn er in der Schule wegen guter Noten weiter nach vorne und damit näher an seine heimliche erste Liebe gesetzt wird. Wie er von Lebensfreude angesichts alltäglicher Bedrohung erzählt, in einer Welt, wie man sie aus den Romanen von Roddy Doyle kennt, lässt einen sofort verstehen, warum dieser Film, der denen gewidmet ist, die geblieben sind, die gegangen sind und die für immer von uns gegangen sind, den Publikumspreis in Toronto gewonnen hat. Und man ihm zutraut, auch bei den Oscars ein Wörtchen mitzureden.

Thomas Schultze.

Quelle: Blickpunkt:Film

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nach oben Film-/Kino-Daten
Verleih Universal
O-Titel Belfast
Land / Jahr Großbritannien 2021
Kategorie Spielfilm
Genre Drama
Kinostart 24.02.2022
Laufzeit 99
FSK ab 12 Jahre
FBW-Prädikat Besonders wertvoll
Einspielergebnis D € 1.681.096
Bes. (EDI) 205.151
Bes. (FFA) 198.293
Charthistory
USA-Start 12.11.2021, bei Focus Features
Boxoffice USA $ 9.208.355
Web-Link https://www.upig.de/micro/belfast
nach oben Cast & Crew
Regie Sir Kenneth Branagh
Drehbuch Sir Kenneth Branagh
Darsteller Jude Hill, Jamie Dornan, Caitriona Balfe, Ciarán Hinds, Dame Judi Dench
nach oben Filmpreise
Preis / Veranstaltung Jahr, Ort, am - von/bis Kategorie Person
79. Golden Globe
Golden Globe Großansicht
2022, Los Angeles, 09.01.2022 Bestes Drehbuch Sir Kenneth Branagh
nach oben Video/DVD-Fassungen des Films
Titel Vertrieb System Handelsform
Belfast Universal Pictures Germany DVD, ab 12, 95 Min. Kauf
Belfast Universal Pictures Germany Blu-ray Disc, ab 12, 99 Min. Kauf
Belfast Universal Pictures Germany DVD, ab 12, 95 Min. Leih
Belfast Universal Pictures Germany Blu-ray Disc, ab 12, 99 Min. Leih
nach oben FBW-Gutachten

Prädikat: Besonders wertvollFBW-Pressetext:

Belfast, Nordirland, 1969: Der neunjährige Buddy lebt mit seiner Familie und Freunden in einer behüteten Gemeinschaft. Doch die politischen Unruhen treiben einen Keil in den Alltag und lassen Buddys idyllische Kindheit jäh enden. Denn aus Nachbarn werden Feinde. Und Buddys Familie muss entscheiden, ob die Heimat noch ein sicherer Platz zum Leben ist. In seinem bisher persönlichsten Film erzählt Regisseur Kenneth Branagh auf berührende Weise die Geschichte eines gesellschaftlichen Konflikts aus der Sicht eines Kindes.

Die Unruhen in Nordirland zwischen Protestanten und Katholiken, die dem Land kriegsähnliche Zerstörung brachten, und die damit einhergehenden Auswanderungen bilden den erzählerischen Rahmen in einer Geschichte, die Branagh aufgrund der eigenen Erinnerungen aus der Perspektive des neunjährigen Buddys erzählt. So gelingt es ihm, die Komplexität und Schwere des Themas mit Leichtigkeit und Unschuld zu verbinden und so findet auch das Alltägliche, das Lustige und das ganz Normale wie das erste Verliebtsein, der Schulunterricht oder ein Kinobesuch seinen Platz. Neben einer großartigen und hochkarätigen Besetzung, allen voran Jamie Dornan und Caitriona Balfe, Ciarán Hinds und Judi Dench als Eltern und Großeltern, sowie einem hervorragenden Ensemble an Nebendarsteller*innen ist es Jude Hill, der sich in seiner ersten Rolle als Buddy in die Herzen der Zuschauer*innen spielt. Die Kamera von Haris Zambarloukus fängt alle Geschehnisse aus seinem Blickwinkel ein, sodass die Liebe zu Buddys Familie und der ganzen Nachbarschaft von der Leinwand auf das Publikum überspringen. Die in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder, die wie Tableaus wirken, werden immer dann einem Sonnenaufgang gleich in bunte Farben gehüllt, wenn Film oder Theater gezeigt werden. Sie sind Ausdruck von Erinnerung und Wehmut und werden doch lebendig und fröhlich inszeniert, wozu auch das erstklassige und authentische Setting und das Kostümdesign beitragen. Unterstützt wird die berührende Stimmung von dem kongenialen Soundtrack, der durch die Songs von Van Morrison bestimmt wird. So wird die Musik zu einem Erzähler. Und die Texte untermalen, was Buddy fühlt. Kenneth Branaghs BELFAST ist ein tragikomischer, nostalgisch wehmütiger und unschuldig leichter Film über große Lebensentscheidungen. Und eine wunderschöne Erinnerung an die kindliche Normalität im Kleinen inmitten der Unruhe im großen Ganzen.

FBW-Jury-Begründung:

Die intensivsten Erinnerungen haben wir alle an die eigene Kindheit, und hier liegen auch die stärksten Quellen für unsere Fantasien. Große Filmemacher wie Fellini, Bergman, Woody Allen und John Boorman haben Filme gemacht, die auf ihren Kindheitserinnerungen basieren, und sie zählen zu ihren besten und schönsten. In diese Reihe fügt sich nun Kenneth Branagh ein, der in BELFAST von seiner Kindheit im Nordirland der späten 1960er Jahre erzählt. In dieser Zeit begannen die "troubles", also die bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen den nordirischen Katholiken und Protestanten. Dies war eine düstere Zeit voller Verletzungen und Ungerechtigkeiten. Und so wurden und werden von dieser Ära in den erzählerischen Künsten fast immer deprimierende Werke voller Verzweiflung und Wut geschaffen. Kenneth Branagh gelingt es dagegen, in BELFAST den hoffnungsvollen Blick heraufzubeschwören, den ein Neunjähriger auf seine Welt hat. Branaghs Alter Ego Buddy wohnt mit seinen Eltern und Großeltern in einer Straße von Belfast, in der Katholiken und Protestanten friedlich miteinander leben. Sie verbindet ihre irische Kultur mehr als ihre Religionen sie trennen, und am Anfang des Films feiert Branagh diese Gemeinschaft der Nachbarn mit einem idyllischen Blick auf das lebendige Miteinander, das sich auch in der Straße selber abspielt. Doch dann marschieren plötzlich protestantische Provokateure in die Straße ein, greifen die katholischen Bewohner an und von diesem Moment an leben Buddy, seine Familie und ihre Nachbarn unter Belagerung. Branagh erzählt die Geschichte konsequent aus der Perspektive des Neunjährigen, und diese Sicht auf die Welt stellt er in schwarzweißen Bildern dar. Dabei arbeitet er aber auch sehr geschickt mit dem Kontrast mit farbigen Bildern. Der Film beginnt und endet mit farbigen Panoramabildern vom heutigen Belfast. Interessanter ist aber, dass Branagh immer dann zur Farbe wechselt, wenn er Bilder aus Filmen zeigt, die der filmbegeisterte Buddy im Kino sieht. Hier zeigt Branagh, wie groß die eskapistische Wirkung des Kinos für ihn und viele andere war - und dies ist natürlich auch ein eleganter Hinweis darauf, dass hier ein zukünftiger Filmemacher von seiner Kindheit erzählt. Branagh gelingt es, ein komplexes und liebevolles Porträt von Buddys Familie zu zeichnen. Seine Mutter kämpft, wenn nötig, mit dem Ritterschild (Mülleimerdeckel) ihres Sohnes für ihre Familie, der Vater ist oft nicht da, weil er in England Geld verdienen muss, und von den Großeltern lernt Buddy unorthodoxe Lektionen für das Leben. All diese Charaktere werden von grandiosen irisch/britischen Darsteller*innen verkörpert, denen eine der besten Ensembleleistungen im Kino der letzten Jahre gelingt. Und mit Jude Hill hat Branagh einen dieser jungen Darsteller gefunden und geführt, die noch so unmittelbar und natürlich spielen können, dass man schon nach den ersten Minuten des Films die Welt mit ihren Augen sieht. Wegen dieser Perspektive wirkt es auch ganz natürlich, wie Branagh hier fast immer zugleich traurig und komisch erzählen kann. Bei einer Plünderungsszene, die eine Katastrophe für Buddys Familie bedeutet, hält dieser die ganz Zeit eine von ihm geklaute Packung Omo umklammert, und so wirkt dieses Sequenz zwar apokalyptisch, aber eben auch ein wenig absurd aufgrund dieses alltäglichen Gegenstands, der für Buddy aber in diesem Moment so wichtig erscheint. Gekonnt orchestriert Branagh immer die Stimmungen des Films. Und der Schmerz wird dabei durch das Lachen noch intensiver spürbar. Sowohl elegisch wie auch hymnisch ist auch die Musik von Van Morrison, die wunderbar das Lebensgefühl der Zeit und des Ortes einfängt und von Branagh in präzise ausgemessenen Dosen eingesetzt wird. Mit Musik gelingt es Branagh auch, BELFAST endgültig zu einem Liebeslied an die Stadt, ihre Bewohner und Buddys (und damit im Grunde auch seiner Familie) werden zu lassen. Bei einer Feier, kurz bevor Buddy mit seinen Eltern Belfast verlässt, singt sein Vater das Lied "Everlasting Love", mit dem die britische Band "Love Affair" Ende der 1960er Jahre einen großen Erfolg hatte. Diese Sequenz ist wie eine Musicalnummer inszeniert, fügt sich aber, weil sie sowohl dramaturgisch wie auch emotional perfekt passt, nahtlos in den Film ein. Mit BELFAST ist Branagh ein großer Wurf gelungen: ein mitreißender, wahrhaftiger Film, bei dem Branagh seine Virtuosität nie ausstellt, sondern sie immer so einsetzt, dass diese Geschichte so intensiv und lebendig wie möglich erzählt wird.

FBW-Jugend-Filmjury:

(www.jugend-filmjury.com)

Für diejenigen, die geblieben sind, für diejenigen, die gegangen sind und für alle, die diesen Film schauen sollen, schreiben wir diese Kritik. Was würden wir tun, wenn wir im Bürgerkrieg wären? Abhauen oder bleiben? Buddy, ein protestantischer Junge aus einer typischen Straße Belfasts in Nordirland steht plötzlich mitten in seinem Viertel im Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken. Auch Buddys Familie muss sich entscheiden, hierzubleiben, wo sie sich auskennen und zu Hause fühlen oder nach England zu gehen und ihre Heimat zu verlassen. Sind sie diejenigen, die bleiben oder diejenigen, die gehen? Religion, Bürgerkrieg, Heimat, Familie, Schulden und Bindungen, das sind nur ein paar der Themen, mit denen sich der Film BELFAST realistisch beschäftigt. Die Bindung zwischen den einzelnen Familienmitgliedern ist innig oder wie Buddys Opa sagen würde MAGISCH. Trotz der dauerhaften Konflikte, die durch Schulden und der "Fernbeziehung" der Eltern entstehen, raufen die sich immer wieder zusammen und versuchen, ihren Kindern das bestmögliche und sicherste Leben zu bieten. Doch ist das in Belfast unter diesem Konflikt möglich? Besonders die Schauspieler des Vaters, des Opas und der Oma haben uns durch ihre authentische, charismatische und philosophische Art verzaubert. Obwohl der neunjährige Buddy eigentlich ein normaler Junge ist, der Catherine, Matchboxes und Filme, Drachen und Ritter mag, ist der intensive Film genau das nicht, denn wir lernen etwas über die Zeit, ohne mitzukriegen, dass wir etwas lernen. Dass der Film in Schwarz-Weiß ist, unterstreicht den historischen Aspekt besonders. Ist Buddy im Theater oder im Kino, ist das in Farbe, was er sich anschaut. Wir glauben, dass dies daran liegt, dass Buddy nicht in einem Film lebt, sondern in der Welt von 1969 mit Armee und Straßensperren, die so gar nicht wie ein schöner Film ist. BELFAST vermittelt historische Informationen zusammen mit Lebensweisheiten und persönlichen Geschichten der Charaktere. Dies macht ihn unserer Meinung nach zu einem einzigartigen Werk. Daher geben wir dem Spielfilm 4,5 Sterne. Die kurzen Einblicke auf den Bürgerkrieg reichen aus, um uns klar zu machen, wie schrecklich solche Gewalt ist. Wir empfehlen diesen Film für Jugendliche ab 12 Jahren, weil er den Nordirlandkonflikt aus Sicht eines Kindes darstellt. Schaut euch den Film an und findet heraus, wer bleibt und wer geht.

tiefgründig: 5 Sterne
ästhetisch: 4 Sterne
berührend: 3 Sterne
historisch: 5 Sterne
realistisch: 5 Sterne

Gesamtbewertung: 4,5 Sterne.

Quelle: Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW)


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