München, 01.08.2003, 14:45  VideoMarkt

Vertriebsumfrage: Wird Verleihfenster bald geschlossen?

Es gilt als offenes Geheimnis, dass viele Anbieter das Warner-Vermarktungsmodell ohne Verleihfenster eigentlich gern längts adaptiert hätten. Auch lassen internationale Major-Strategien den Schluss zu, die Fensterfrage stelle sich auch hierzulande eher früher als später.

Das wollte Videowoche wissen
  1. Welche Rolle spielt das Verleihfenster in Ihrer künftigen Vermarktungsstrategie?
  2. In UK gehen immer mehr Anbieter dazu über, Filme zeitgleich in Rental und Retail zu veröffentlichen, allerdings mit höheren Handelspreisen für Videotheken. Wäre dies auch für den deutschen Markt ein Modell?
  3. Tests von Anbietern zeigen, dass Direktvermarktungen insgesamt einen höheren Erlös erwirtschaften als zweistufig ausgewertete Filme. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht? Wenn ja, welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
  4. Glauben Sie, dass der Verleihhandel ohne exklusiven Vorlauf "überleben" kann?


Kann nichts ausschließen
Hans-Joachim Jupe, Sales Manager Rental Columbia TriStar Home Entertainment (CTHE)
    Hans-Joachim Jupe
    Hans-Joachim Jupe  
  1. Wir sind froh und stolz darauf, dass wir als einziges CTHE-Territorium ein vierwöchiges Fenster haben. Zurzeit gibt es keine Pläne, dies zu ändern. Klar muss jedoch auch sein, dass in unserer schnelllebigen Branche alle Strategien immer wieder auf den Prüfstand müssen.
  2. Das Modell aus UK (zeitgleiche Veröffentlichung) wird von uns sehr genau beobachtet. Grundsätzlich kann ich im Moment für den deutschen Markt nichts ausschließen.
  3. Wir haben immer wieder Filme direktvermarktet. Die Entscheidung wurde individuell für das jeweilige Produkt getroffen. Die Erfahrungen, die wir hierbei gemacht haben, sind für uns noch nicht Anlass gewesen, unsere Strategie grundsätzlich zu ändern.
  4. Ich bin überzeugt, dass sich der Verleihhandel, wenn er sich auf seine Stärken konzentriert, sich mit seinen Serviceleistungen dem Endverbraucher richtig darstellt, auch ohne exklusiven Vorlauf behaupten wird.
Zweites Standbein nötig
Franz Masella, Senior National Sales Manager Rental BVHE
    Franz Masella
    Franz Masella  
  1. Verleihfenster haben ihren Preis. Solange der Handel dies honoriert und akzeptiert, werden wir an dieser Politik festhalten. Mittelfristig halte ich ein Fenster von zwei Monaten für denkbar.
  2. Auch BVHE kann sich nicht der hohen Geschwindigkeit widersetzen, der die Home-Entertainment-Branche ausgesetzt ist. Ich glaube allerdings, dass sich nicht alles aus USA und UK eins zu eins übertragen lässt.
  3. Nicht alle Produkte sind für eine Direktvermarktung geeignet. Es macht aber durchaus Sinn, große Kinofilme mit keinem oder einem Acht- bis Zehn-Tage-Fenster zu versehen. Groß angelegte Werbekampagnen können so für den Rental- und Retailbereich genutzt werden.
  4. Ein klares Ja, denn Totgeglaubte leben länger. Der Rentalmarkt hatte es in den letzten 20 Jahren nicht immer leicht, und wenn die Industrie und der Handel weiterhin partnerschaftlich zusammenarbeiten, wird auch dieses Tief überwunden. Es wird für den Handel unumgänglich sein, ein ernst gemeintes zweites Standbein weiter auszubauen, sich am DVD-Verkaufsgeschäft flächendeckend stärker zu beteiligen und sich damit zur Mediathek zu entwickeln. Wenn wir uns derzeit von 2,2 Prozent Verkaufsmarktanteil innerhalb von zwölf Monaten auf fünf Prozent zubewegen könnten, wäre dies eine große Leistung, und das Rentalgeschäft hätte wieder eine größere Bedeutung imMarkt.
Potenziale nicht ausgeschöpft
Horst Soltysiak, Vertriebsleiter Rental Universum Film
    Horst Soltysiak
    Horst Soltysiak  
  1. Solange es möglich ist, wird es eine Fensterpolitik in unserem Hause geben. Wir sind sicher, dass ausgewogene Fenster derzeit die optimale Form für Handel und Industrie sind. Handel und Industrie müssen positive Erträge erwirtschaften können. Erst wenn dieses nicht mehr möglich ist, müsste die Fensterpolitik überdacht werden.
  2. Die Anbieter in UK haben sicherlich ihre Gründe. Ich denke, man kann beide Märkte nicht eins zu eins vergleichen. Wenn beide Kanäle in Großbritannien, Handel und Industrie, mit dieser Form der Vermarktung bessere Ergebnisse erzielen, ist dieses sicherlich zu betrachten und könnte auch für den deutschen Markt eine neue Chance sein. Grundsätzlich für morgen diese Strategie zu übernehmen, halte ich für falsch. Es muss immer eine Win-Win-Situation für beide Partner sein, sonst ist der Markt kein Markt.
  3. Pauschal kann ich das nicht bestätigen. Es kommt auf den Film an. Große Titel sind als direkte Vermarktungen sinnvoll, da alle Marketingaktionen gebündelt werden können. Es gibt aber genügend Titel, die ein hohes Verleihpotenzial besitzten. Hier macht es doch keinen Sinn, Potenzial zu verschenken. Es ist auch die Frage, wie man rechnet. Rechnet man verkaufte Menge minus retournierter Menge abzüglich Kosten = X, muss man sich die Erlöse anschauen und dem Gegenüber die zweistufige Vermarktung hochrechnen. Ich glaube nicht, dass man zu dem Schluss kommt, grundsätzlich die Form der Direktvermarktung zu wählen.
  4. Die Frage ist falsch gestellt. Meiner Meinung nach stellt sich doch nicht die Frage des Überlebens. Vielmehr stellt sich die Frage: Hat der Verleihhandel alle Potenziale ausgeschöpft? Mehr Engagement bei Kundenbeziehungssystemen, mehr Engagement im Verkauf, mehr Engagement bei der Qualifikation von Mitarbeitern, mehr Engagement für besseres Marketing, mehr Engagement bei Preis-Leistungs-Analysen der Sortimente und mehr Engagement bei Outlets, die offene Begegnungstätten für Volksentertainment sein sollen. Ich könnte noch zig Beispiele nennen, aber dafür bräuchte man einen seperaten Artikel in der VideoWoche. Grundsätzlich muss man in unserem Business etwas wollen. Der Wille, etwas Eingefahrenes zu verändern, ist vonnöten. Wir haben genügend Potenzial, im Verleihhandel gute Geschäfte zu generieren. Nur - von allein kommen diese nicht.
Vernünftiges Fenster wichtig
Roman Kowalski, Vetriebsleiter Süd Sunfilm Entertainment
    Roman Kowalski
    Roman Kowalski  
  1. Solange es, durch die entsprechende Preisstruktur für den Verleihhandel für uns tragbar ist, wird das Verleihfenster nach wie vor in der Vermarktungsstrategie der Sunfilm Entertainment eine große Rolle spielen. Da der Verleihhandel für uns ein wichtiger Partner ist und wir der Meinung sind, dass ein vernünftiges Verleihfenster für das entsprechende Produkt für den Verleih wichtig ist, wird es auch in Zukunft keine Veränderung in der Fensterpolitik der Sunfilm Entertainment geben. Natürlich wird es aber nichtsdestotrotz Titel geben, bei denen eine Durchvermarktung für beide Seiten sinnvoll ist.
  2. Nein. Ein derartiges Konzept empfinden wir dem Verleihhandel gegenüber, der ein gleichwertiger Partner ist, nicht fair.
  3. Eine Durchvermarktung kann, je nach Titel, durchaus sinnvoll sein.
  4. Ein Ablösen der bewährten Vermarktungsketten durch eine ausschließliche Durchvermarktung halten wir für wenig sinnvoll.
UK-Strategie nachvollziehbar
Bernd Lückel, Vertriebsleiter Rental e-m-s sales
    Bernd Lückel
    Bernd Lückel  
  1. Auch künftig planen wir mit einem Fenster für den Verleihhandel. Wir glauben, dass gerade unser Proramm sehr gut zweistufig vermarktet werden kann.
  2. Ich kann das für UK nachvollziehen. Der Kaufmarkt erlebt durch die DVD einen Zuwachs; der Anteil der Erlöse aus dem Rentalmarkt ist dadurch zwangsläufig rückläufig. Für den deutschen Markt sehe ich Direktvermarktungen bei großen Titeln; hier können Marketingaktivitäten gebündelt werden. Allerdings gibt es viele Filme, die erfolgreich und gut sind und stark den Konsumenten der Videothek ansprechen. Hier spricht einiges für ein Fenster. Des Weiteren kann man den deutschen und den englischen Markt nicht ohne weiteres vergleichen.
  3. Mit einer Ausnahme (Kinderprodukt "Leif Eriksson") haben wir keine Erfahrungen mit Direktvermarktungen.
  4. Überleben kann der Verleihhandel sicherlich. Nur, wer betreibt sein Geschäft schon, nur um "zu überleben"? Damit alle Beteiligten erfolgreich sind, bin ich grundsätzlich für ein Verleihfenster, besonders bei der jetzigen Marktsituation.
Bessere Rendite mit Gebrauchtverkauf
Gerd Porzelt, GF Vertrieb MC One
    Gerd Porzelt
    Gerd Porzelt  
  1. Wir sehen derzeit keine Notwendigkeit, unsere Fensterpolitik zu ändern. Mit Ausnahme der Direktvermarktungen haben wir ein Acht-Wochen-Fenster eingeführt, das von nahezu allen Handelspartnern positiv aufgenommen wurde. Bei einem Titel wie jetzt aktuell "The Musketeer" kann der Verleihhandel auch in der derzeit schwierigen Zeit gute Umsätze machen.
  2. Grundsätzlich spricht wahrscheinlich nichts gegen ein Modell in dieser Form. Ich bin aber der Ansicht, dass der Verleihhandel bei der Mehrzahl der veröffentlichten Filme eine bessere Rendite erzielen kann, wenn ihm ein Fenster eingeräumt wird, da er diese Titel auch rechtzeitig "gebraucht" abverkaufen kann.
  3. Bei Blockbustern ist eine Durchvermarktung absolut sinnvoll, da hier Rental- und Retailhandel gemeinsam von der Werbekampagne profitieren und ihnen dadurch Kunden zugeführt bzw. diese wieder aktiviert werden.
  4. Es wird auf jeden Fall für einen Großteil der Videotheken schwieriger. Nur wer rechtzeitig seine Kaufabteilung ausgebaut hat, hier bereits über einen festen Kundenstamm verfügt sowie zusätzliche Aktivitäten unternommen hat, wird sicher auch ohne einen exklusiven Vorlauf überleben. Mein Wunsch ist jedenfalls, dass sich der Verleihhandel wieder stabilisiert, da wir alle davon profitieren.
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Quelle: VideoWoche

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