Cannes, 18.05.2018, 00:07  VideoMarkt | Verkauf
Thema: Festival de Cannes 2018

CANNES Tag 10: Mit dem Gesicht im Dreck

Härte zehn aus Italien: "Dogman" (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
Härte zehn aus Italien: "Dogman" (Bild: Festival de Cannes)
Cannes ist fast auf der Zielgeraden, und nach zehn Tagen lassen die Kräfte und die Konzentration doch merklich nach, deshalb Nachsicht: Der Text wird jetzt etwas kürzer ausfallen als an den Tagen davor. Der große Name des Tages war Matteo Garrone, der mit seinen letzten drei Filmen bereits im Wettbewerb war, mit "Reality" auch den Großen Preis der Jury gewinnen konnte und nun nach dem kuriosen Fehlschuss "Das Märchen der Märchen" Clip wieder zu Form zurückfindet mit "Dogman", einer traurigen Geschichte über einen ganz simplen, bescheidenen Mann, Matteo, der in einer nicht weiter genannten italienischen, im Verfall begriffenen Hafengemeinde sein Geld damit verdient, sich um Hunde anderer Leute zu kommen. Matteo sieht aus wie ein älterer Buster Keaton, und so ist er auch, ein Clown von der traurigen Gestalt. Ein paar Lire nebenbei verdient sich er als kleiner Koksdealer, was sich als sein Schicksal erweist, weil der Tyrann der Nachbarschaft, ein Gebirge von einem Mann namens Simone, sich ausgerechnet Matteo als Zielscheibe seiner Menschenverachtung aussucht - und Matteo ihm nicht wiederstehen kann. Das ist etwa eine Stunde lang brillant, bis Garrone sein Blatt etwas überreizt, sein Drama zum alleinigen Duell der beiden Männer zuspitzt und auf die zu erwartende Tragödie hinausläuft.

Unvergesslich: "Capharnaüm" (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
Unvergesslich: "Capharnaüm" (Bild: Festival de Cannes)
Den Jackpot knackte allerdings "Capharnaüm" von der französisch-libenesischen Filmemacherin Nadine Labaki, der mit einem Schlag an die Spitze der Palmen-Favoriten rückt: Ihr Film ist ein emotional zutiefst erschütterndes Drama in der Tradition des italienischen Neorealismus, aber eben im Hier und Jetzt angesiedelt, ein zutiefst trauriges und mitreißendes Porträt entsetzlicher Armut in Beirut. Dort trifft der zwölfjährige Junge Zain, gerade erst zu fünf Jahren Haft verurteilt wegen einer Gewalttat, im Gerichtssaal auf seine Eltern, die er verklagt hat. Seine Anklage: ihm das Leben geschenkt zu haben. Warum es dazu gekommen ist, hält Labaki in ganz unmittelbaren, hautnahen Bildern fest, als wäre man mit dabei in diesem Elend, dieser Verzweiflung, dieser Ausweglosigkeit, in der mittellose Eltern ihre elfjährige Tochter zur Ehe freigeben, um weiter ein Dach über dem Kopf zu haben. In der einer jungen afrikanischen Mutter fünf Tage bleiben, um das Geld für sich und ihren einjährigen Sohn aufzubringen, vielleicht doch nach Europa übersetzen zu können. In der ein zwölfjähriger, völlig mittelloser Junge dafür sorgen muss, dass er und ein Kleinkind überleben können. Das Ganze ist erzählt mit einem Maximum an Kompromisslosigkeit in einem Mahlstrom unfassbarer Ereignisse, die zu einer Kettenreaktion des Schreckens führen. Wenn Zain - Achtung: Spoiler - am Ende des Films von einem Polizeibeamten angeordnet wird, sich mehr nach rechts zu drehen und endlich einmal zu lächeln, es ginge doch nicht um sein Todeszertifikat, sondern seine Ausweispapiere, und der Junge dann die Mundwinkel nach oben zieht, dann ist das, als würde die Sonne aufgehen, der schönste Moment des 71. Festival de Cannes. Eine Palme winkt. Garantiert.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

Mit einem Abo können Sie diesen Artikel kommentieren.


KOMMENTARE

  • Volker Wiem
    18.05.2018, 07:53

    Ich muss mal ein großes Lob an Herrn Schultze verteilen. Sie schreiben so enthusiastisch und begeisternd über Film. Es ist eine echte Freude die Berichte zu lesen. Vielen Dank.

Mehr zum Thema

Produkte

  • Land/Jahr: Italien, Frankreich 2012
  • Verleih: Concorde
    Land/Jahr: Italien, Frankreich u.a. 2015
    Kinostart: 27.08.2015
  • Verleih: Alamode (Filmagentinnen)
    Land/Jahr: Italien 2018
    Kinostart: 18.10.2018
  • Verleih: Alamode (Wild Bunch)
    Land/Jahr: Libanon, USA 2018
    Kinostart: 17.01.2019

Videocharts

Unser kostenloses Angebot

Programmplaner