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Toronto, 13.09.2018, 14:01  mediabiz.de | Festival | Verkauf

TIFF Tag 7: Letzte Höhepunkte

Black lives matter: "If Beale Street Could Talk" (Bild: TIFF) Großansicht
Black lives matter: "If Beale Street Could Talk" (Bild: TIFF)
Obwohl es noch bis Samstag andauert, beginnt sich das Toronto International Film Festival bereits sichtbar zu leeren. Käufer und Journalisten reisen bereits ab. Wenn man sich mit Kollegen unterhält, erfährt man auch von ersten Abeschlüssen: Koch hat sich ein paar Titel geangelt, darunter wohl "The Public" von Emilio Estevez (schon sein Vorgänger als Filmemacher, der 2010 entstandene "Dein Weg" Clip, war bei dem Independent gelandet) und ein noch nicht gedrehter Film eines hochkarätigen asiatischen Filmemachers, auch Wild Bunch soll aktiv geworden sein, einige andere Verleiher sind an Produktionen aus dem aktuellen Festivalangebot dran. Und es soll wohl zu einer ungewöhnlichen Einigung für den Goldene-Löwe-Gewinner "Roma" von Netflix gekommen sein, der wohl ohne Mithilfe eines Verleihs und mit Vorlauf vor seinem Netflix-Start auf deutschen Leinwänden landen könnte. Da "Roma" dem Weltpublikum bereits im November zugänglich gemacht werden soll, dürfte eine Bekanntgabe in Bälde folgen.

Ein paar Highlights hat das Filmfest aber selbst noch in petto. Nachdem zuletzt die ganz großen Filme aus Venedig im Fokus standen (darunter auch der fabelhafte "Roma"), die in Toronto entweder amerikanische oder - wenn sie schon in Telluride gezeigt worden waren - kanadische Premieren feierten, gab es auch noch hochkarätige Weltpremieren zu feiern. Allen voran natürlich der neue Film von Barry Jenkins, der vor zwei Jahren mit "Moonlight" ebenfalls in Toronto Weltpremiere gefeiert hatte und im Anschluss, in einer legendären Veranstaltung, den Oscar für den besten Film gewinnen konnte (der Preis für die beste Regie ging indes an Damien Chazelle): "If Beale Street Could Talk" ist eine Herzensangelegenheit, das sieht man dem Film in jeder seiner penibel komponierten Einstellungen an: eine Verfilmung des vorletzten Romans des berühmten schwarzen Schriftstellers James Baldwin, den dieser 1974 in Südfrankreich geschrieben hatte und der in Deutschland unter dem Titel "Beale Street Blues" wurde. So verliebt ist Jenkins in die eigenwillige Diktion Baldwins, den wogenden und wispernden und dann wieder wütenden Wortstrom, dass er bisweilen ganze Passagen direkt aus dem Buch in den Off-Kommentar packt, gleichzeitig aber auch eindringliche Bilder findet, als würde Wong Kar Wai versuchen, einen Film über die schwarze Erfahrung in den Siebzigerjahren machen. In the mood for jazz: Film als Tondichtung, als Sinfonie, als Poesie, als Jazzimprovisation, um seine Handlung nicht einfach nur zu erzählen, sondern immer auch eine Schönheit zu finden, die mit einfachem Erzählen nicht möglich wäre.

Nur oberflächlich geht es um zwei junge Liebende im Schmelztiegel New York, um die 19-jährige Tish, die selbst noch nicht einmal weiß, dass sie von ihrem Freund Fonny schwanger ist, als er ihr schon wieder entrissen wird: Der unschuldige junge Mann soll eine puertorikanische Frau vergewaltigt haben und wird eingesperrt. Während Tishs Familie alle ihr möglichen Hebel in Bewegung setzt, um Fonny nicht im Mahlstrom der Justiz verschwinden zu lassen und seine Unschuld zu beweisen, ist Tish gefangen zwischen ihren Erinnerungen an die wenigen gemeinsamen zärtlichen Momente mit Fonny und der Aussicht darauf, wie sie ihr Leben mit dem Baby in ihrem Bauch ohne Mann an ihrer Seite zu meistern. Natürlich ist "If Beale Street Could Talk" eine Anklage, ein Plädoyer für die Bedeutung von black life lange vor "Black lives matter". Aber mehr noch geht es um den Kitt, der alles zusammenhält, die Bedeutung von Familie angesichts unüberwindbarer Hürden. Barry Jenkins holt den Zuschauer ab und lädt ihn ein mit ihm zu schweben, eine Erfahrung zu machen, die man so noch nicht hatte. Das ist ambitioniert. Und wenn sich alle Elemente zu der angestrebten Sinfonie verbinden ist, kann man sich nichts Besseres vorstellen. Aber es ist auch überambitioniert, so fasziniert von sich und seinen Kompositionen, dass es einem vorkommen kann, wären die Szenen in Bernstein gegossen, leblose Nachstellungen, wo sie doch mit Leben und Lust pulsieren sollten.

Immer ganz nah dran an seiner Story ist Jason Reitman mit "The Front Runner", einer Politsatire in der Tradition von "Bill McKay - Der Kandidat", mit der er an seine alten Erfolge wie "Thank Your For Smoking" oder "Up in the Air" Clip anschließen will. Mit ihnen war er vor einem Jahrzehnt als neue führende Erzählstimme Hollywoods gefeiert worden, bevor er mit "Labor Day" Clip und " Clip, den man fast nicht wiedererkennen kann als Gary Hart, der 1988 der haushohe Favorit war, als Kandidat der Demokraten gegen den republikanischen Kandidaten George Bush in der Wahl zum Präsidentenamt anzutreten, bis ein aufgebauschter Skandal alle seine Hoffnungen vernichtete. Das Tempo ist pure Screwball-Comedy, ein verbaler Schlagabtausch, der einen nicht zu Atem kommen lässt. Die Geschichte selbst ist allerdings eine amerikanische Tragödie, sozusagen das Ground Zero für den Politzirkus (Betonung auf "Zirkus"), in dem wir uns heute in der Ära Trump befinden, im dem politische Positionen längst Platz gemacht haben für einen Personenkult und eine absurde Konzentration aufs Private. Der Tod der Demokratie, sagt Reitman, er beginnt 1988, er beginnt mit Gary Hart, dem eine außereheliche Affäre vorgeworfen wird, die ihn als Politiker zu Fall bringen wird. Das menschliche Drama um diesen Mann voller progressiver Überzeugungen packt, rührt an, beschäftigt. Aber gleichzeitig sitzt man auch achselzuckend vor der Leinwand: Was hier als Grenzüberschreitung der Medien und der Öffentlichkeit lamentiert wird, wirkt angesichts sich täglich überschlagender Schlagzeilen über einen von Moral und ethischen Standards unberührten Präsidenten harmlos. Und das ist das eigentlich schockierende an "The Front Runner", der eine tickende Zeitbombe ist, wenn es dann aber "Bumm" machen sollte, macht es nur "Ffffft". So weit wir sind wir also gekommen.

Aus Toronto berichtet Thomas Schultze.


Quelle: Blickpunkt:Film

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