Toronto, 12.09.2018, 13:43  mediabiz.de | Festival | Verkauf

TIFF Tag 6: Jetzt kommen die Schwergewichte

"Roma" ist ein Film, dessen Schönheit seinesgleichen sucht (Bild: Netflix) Großansicht
"Roma" ist ein Film, dessen Schönheit seinesgleichen sucht (Bild: Netflix)
Fast eine Woche musste man warten, jetzt ließ das Toronto International Film Festival endlich die großen Hits aus dem Wettbewerb von Venedig vom Stapel rollen. Prompt spielten sich bei den Pressevorführungen tumultartige Szenen ab. Zumindest gab es bisher - mal abgesehen von "A Star Is Born Clip", der ja ebenfalls schon in Venedig gezeigt worden war - keine so langen Schlangen und kein so großes Hauen und Stechen als jetzt für "Aufbruch zum Mond" Clip, den Goldener-Löwe-Gewinner "Roma" und "The Sisters Brothers". Gleichzeitig spricht man in Toronto jetzt auch über "Green Book", den ersten Film, den Peter Farrelly von den Farrelly-Brüdern jetzt als Soloregisseur gemacht hat, ein Drama mit Viggo Mortensen und Mahershala Ali in den Hauptrollen, das bisher niemand so richtig auf dem Schirm gehabt hatte (und das vom Zurich Film Festival klug als Eröffnungsfilm ausgewählt wurde). Die Geschichte eines schwarzen Musikers aus New York, der sich 1962 von einem weißen Mafia-Handlanger auf eine Konzertreise durch ein zutiefst rassistisches Amerika fahren lässt, wurde bei der gestrigen Weltpremiere euphorisch gefeiert und gilt mit einem Schlag als ernstzunehmender Oscar-Kandidat.

Wo er dann vermutlich auf "Roma" prallen wird, Alfonso Cuaróns zum Sterben schöner Film über Leben und Sterben und Familie. Es ist Cuaróns "Fanny und Alexander", sein "Amarcord", in Film gegossene Erinnerungen an eine Kindheit im Mexiko des Jahres 1971 - die Carte blanche, die der mexikanische Filmemacher nach dem weltweiten Erfolg seines bahnbrechenden Science-Fiction-Films "Gravity" Clip einlöst, ein ganz nach seinen Vorstellungen realisiertes Werk, das ihn auf der Höhe seines Könnens und in hundertprozentiger Kontrolle aller Gestaltungsmittel zeigt: In Schwarzweiß und in spanischer Sprache mit außerhalb Mexikos unbekannten Schauspielern gedreht, taucht Cuarón ein in das Leben einer Mittelklassefamilie in dem Stadtbezirk Roma in Mexico City. Man ist einfach nur dabei, wie sich in langen, sanften Einstellungen Alltag entfaltet. Man sieht der Haushälterin Cleo bei ihrem Tagwerk zu, nach und nach kommen die vier Kinder Familie ins Bild, danach ihre Mutter Sofía, und schließlich parkt auch noch der Patriarch, Doktor Antonio, in der engen Einfahrt des Hauses ein, in einem Ritual, in dem er minuziös hin und her rangiert, um keine Kratzer in der Limousine zu hinterlassen: ein angesehener Arzt, der kurz darauf auf eine nicht näher benannte Dienstreise nach Kanada geht, von der er nicht mehr zurückkehrt. In Wahrheit hat er seine Frau verlassen. Was heißt, dass der Haushalt fortan von den Frauen geführt wird. Männer schneiden ohnehin nicht gut ab: Als Cleo schwanger wird, lässt ihr verantwortungsloser Freund sie sitzen. Später wird man ihn wiedersehen, bei einer paramilitärischen Ausbildung, deren Bedeutung bei dem verblüffendsten von vielen verblüffenden Setpieces offenbar wird. In zahllosen virtuosen Kamerafahrten begleitet man die Frauen und Kinder Straßenzüge entlang, das ist so realistisch und echt, wie man es sich nur wünschen kann, und doch auch eine echte Wundertüte voller Magie und satter Kinobildeer. Und während man sich noch wundert, wie Cuarón, der erstmals sein eigener Kameramann ist, einen Schuss choreographiert hat, folgt schon die nächste Einstellung, die einen in ihren Bann schlägt und sich ins Gedächtnis brennt.

Der kumulative Effekt ist hypnotisch: Ohne jemals einen Plot zu forcieren oder dass die Figuren in irgendeiner Form auf klassische Weise etabliert oder vertieft würden - sie sind einfach nur da und... leben -, werden dem Zuschauer diese Menschen immer vertrauter, nimmt man immer intensiver Anteil an ihrem Treiben. Als die mittlerweile hochschwangere Cleo in der Stadt ein Kaufhaus aufsucht, bricht auf der Straße ein Militärstreich gegen demonstrierende Studenten aus. Jeder andere Filmemacher würde die Einladung annehmen und diesen Aufstand in den Mittelpunkt der Szene rücken. Cuarón zeigt ihn einfach nur durch das Fenster des Kaufhauses, in das der Schrecken dann auch noch einbricht und die Figuren ganz hautnah mit Gewalt und Tod und einer schockierenden Erkenntnis konfrontiert. Es ist ein Film über die Lust am Zeigen und Erzählen und Erinnern: die Mutter, die immer Schrammen ins Auto fährt, die Hundehaufen, die sich in der Einfahrt ansammeln, Songs im Radio wie "Mamy Blue" oder "Yellow River" - das sind nicht einfach Filmideen, es sind Splitter aus Cuaróns eigener Kindheit. Und "Roma" ein Ausrufezeichen, sie niemals zu vergessen, wenn man Mensch bleiben will.

Auf seine Weise ebenso großartig ist "Aufbruch zum Mond". Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man verrät, dass es Neil Armstrong in dem Film gelingen wird, als erster Mensch einen Fußabdruck auf dem Mond zu hinterlassen. Wenn es dann passiert in dem ersten Film von Damien Chazelle, seit er für seinen Vorgänger "La La Land" Clip als jüngster Regisseur aller Zeiten einen Oscar gewinnen konnte, und obwohl man weiß, dass es passieren wird, ist es ein bemerkenswerter, merkwürdig erhebender und erhabener Moment: Weil Armstrong hier nicht einfach nur einen der großen Träume der Menschheit erfüllt, sondern weil man im Kino eine mehr als zweistündige Reise hinter sich hat, die nicht minder bemerkenswert war: Jetzt ist hier auf der Oberfläche des Erdtrabanten nicht einfach der einsamste Mensch auf dem Mond, weil er der einzige ist, sondern weil er davor der einsamste Mensch auf der Welt war, angetrieben nicht nur von grenzenlosem Pflichtbewusstsein und wissenschaftlicher Neugier, sondern auch von einem traumatischen Ereignis fast zehn Jahre zuvor, das ihn sich abkapseln ließ in seine eigene Welt, seinen eigenen Schmerz und seine eigene Trauma: Das winzige Menschlein in dem ihn wie in einem Vakuum einschließenden Raumanzug ist die perfekte Beschreibung, wie Neil Armstrong sich fühlt.

Dass es Damien Chazelle und seinem großartigen "La La Land"-Hauptdarsteller Ryan Gosling in ihrer zweiten Zusammenarbeit gelingt, den Zuschauer nicht nur die außerordentliche NASA-Mission hautnah miterleben zu lassen, im Stil eines "Der Stoff, aus dem die Träume sind", mit all ihren Erfolgen und Rückschlägen, sondern diese Mission tatsächlich durch die Augen Armstrongs zu erzählen, in seinem Kopf zu sein, zu verstehen, wer dieser wortkarge, zurückgezogene Mensch ist, ist die besondere Leistung dieses Films, der so episch und doch intim und ganz privat ist. Es ist ein impressionistisches Home-Movie über den größten Triumph der Menschheit. Und erfüllt das von Chazelle gegebene Versprechen, hautnah mitzuerleben, wie es sich angefühlt haben muss, nicht nur dabei, sondern mitten drin zu sein. Schon die erste Szene gibt einen Vorgeschmack, was passieren wird. Mit der Hauptfigur wird man durchgerüttelt in einem Düsenjet, mit dem neue Geschwindigkeits- und Höhenrekorde aufgestellt werden. Man fühlt sich nicht wie in einem perfekten High-Tech-Gerät, sondern wie in einem knarzenden, ächzenden, quietschenden Blechsarg, dessen dünne Metallhaut die einzige Trennwand zwischen Leben und Tod ist. Aber auch diese Nahtoderfahrungen zu Beginn der Sechzigerjahre können ihn nicht darauf vorbereiten, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Armstrong ist 31 Jahre alt, als seine zweijährige Tochter Karen 1962 an einem Hirntumor stirbt, ein Ereignis, das er nie völlig verkraftet hat. Trauer und Schmerz lassen ihn in sich kehren und zum Einzelgänger werden, was das Familienleben mit seiner Frau Janet und den beiden Söhnen schwer belastet, aber sie verleihen ihm auch eine Todesverachtung und Entschlossenheit, dass keine noch so schwere Mission nicht zu meistern ist. Und so sehen wir zu, wie die Erlebnisse als Astronaut und die Vorbereitung auf die Mondmission im Grunde doch immer nur Spiegel für das Innenleben dieses Mannes sind, dem Damien Chazelle nicht von ungefähr immer wieder tief in die traurigen und so wachen Augen blickt. Das Ergebnis ist ein Film, der einen packt. Weil er technisch herausragend gut geworden ist, weil all die großen Szenen noch größer aussehen, als man es sich ausgemalt ist. Und weil er einem so nahe geht, weil das Heldentum hier nichts mit dem Hissen von Fahnen oder Nationalismus zu tun hat, sondern weil selbst im Moment der größten Leistung immer mitschwingt, wie hoch der Preis war, den man dafür zahlen musste.

Einen ganz anderen existenzialistischen Ansatz wählt Jacques Audiard für seinen ersten in englischer Sprache gedrehten Film, "The Sisters Brothers", der ihm in Venedig den Regiepreis einbrachte. Als der gleichnamige Roman des kanadischen Schriftstellers Patrick deWitt 2011 veröffentlicht wurde, merkten diverse Kritiker bereits an, die Ballade zweier Mitte des 19. Jahrhunderts mordend durch den Wilden Westen ziehender Brüder mit dem klingenden Nachnamen Sisters erinnere sie an einen Mix aus der kaltblütigen Entschlossenheit eines Cormac McCarthy und dem trockenen schwarzen Humor, wie man ihn aus den Filmen der Coen-Brüder kennt, eine Art surrealer "True Grit" Clip. Das beschreibt die filmische Adaption schon ziemlich gut. Und doch überrascht der visuelle und erzählerische Ansatz Audiards, der sich mit Filmen wie "Ein Prophet" oder "Der Geschmack von Rost und Knochen" Clip als führender europäischer Genreregisseur etablierte, aber schon mit seinem - von den Coens als Präsidenten der Jury! - mit der Goldenen Palme ausgezeichneten jüngsten Film "Dämonen und Wunder - Dheepan" abwandte vom typischen Look & Feel des Genrekinos. "The Sisters Brothers" führt den eingeschlagenen Weg fort, ein Western, den Audiard fast schon verachtend schmuck- und farblos aussehen lässt, wie auf Video gedeht, weil es ihm nicht um Ästhetisierung oder Verbrämung geht. Er will die Zuschauer direkt an die Seite seiner komischen Antihelden versetzen, gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, ein ungleiches und unzertrennliches Brüderpaar, das an Terrence Hill und Bud Spencer erinnert, aber als Sympathieträger nicht viel taugt.

Die Sisters-Brüder sind Killer. Das Morden fällt ihnen leicht, es belastet sie nicht, sie sehen als notwendigen Bestandteil, um zu überleben, und das lässt sie auch haarige Situation unbeschadet überstehen. Nun befinden sie sich im Auftrag des ominösen Commander - Rutger Hauer in einem Auftritt, der kaum länger als fünf Sekunden dauert - unterwegs von Oregon nach Kalifornien, wo sie einen jungen Chemiker töten sollen, der bereits von einem ebenfalls in den Diensten des Gangsterbosses stehenden Detektiv beschattet wird. Um die Reise geht es zunächst, in der die Brüder sich endlos über Gott und die Welt unterhalten, wenn sie es nicht gerade mit Bären, verendenden Pferden, Spinnenbissen und feindseligen Kontrahenten zu tun haben. Dass der Film aber eigentlich erst so richtig losgeht und dann eine ganz andere Richtung einschlägt als erwartet, als sie endlich ihrem Opfer gegenüberstehen, ist das wunderbare Wunder in diesem respektlosen Film, dem der Wilde Westen eigentlich egal ist, dem es nur um die beiden Brüder geht und die Möglichkeit, ob man sein Leben denn wirklich noch einmal ganz neu beginnen kann. Die Antworten, die Audiard gibt in dieser absurden Variation von "Der Schatz der Sierra Madre" sind verstörender als die brennenden Pferde (Winterbottoms "Das Reich und die Herrlichkeit" Clip lässt grüßen), in Mundhöhlen nistenden Spinnen, verführerisch leuchtenden Flüsse und endlosen Tötungen, die er auf dem Weg ansammelt.

Aus Toronto berichtet Thomas Schultze.


Quelle: Blickpunkt:Film

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