Toronto, 10.09.2018, 00:26  mediabiz.de | Festival | Verkauf

TIFF Tage 2 & 3: Fantastische Frauen

Keine tanzt toller als Julianne Moore in "Gloria Bell" (Bild: TIFF) Großansicht
Keine tanzt toller als Julianne Moore in "Gloria Bell" (Bild: TIFF)
Ein bisschen hat es gedauert, bis das 43. Toronto International Film Festival richtig in Schwung kommt. Was gar nicht so sehr daran lag, dass die Filme nicht gestimmt hätten. Aber fast schien es, als befände sich das Festival in Schockstarre angesichts des Auftritts des größten Stars, den Toronto in diesem Jahr zu bieten hat. Der Freitag gehörte eindeutig Lady Gaga. Die gefeierte Popikone und ihr Regisseur Bradley Cooper, der an ihrer Seite im vierten Remake von "A Star Is Born Clip" auch die Hauptrolle spielte, hielten Hof auf dem größten Filmfestival auf nordamerikanischem Boden und meldeten Anspruch an eine Führungsrolle im diesjährigen Oscar-Rennen an. Nach der euphorisch gefeierten und von (gerechtfertigten) Elogen der Filmkritik begleiteten Weltpremiere der klassischen Geschichte von Aufstieg und Niedergang und vergebener Liebe in Venedig, wo der Film im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt worden war, keine vermessene Angelegenheit: Die Oscar-Blogger sehen "A Star Is Born" gegenwärtig als klaren Favoriten in der diesjährigen Saison und räumen dem Film sogar Chancen ein, in allen fünf Hauptkategorien siegreich sein zu können. Ein solcher Ausnahme-Event kann einem Festival schon einmal zwischenzeitlich sämtlichen Sauerstoff absaugen.

Erst einen Tag später hat sich TIFF #43 wieder einigermaßen erholt. Was dem Chilenen Sebastian Lelio zu verdanken ist, der im vergangenen Jahr in Toronto mit seinem eindringlichen "Disobedience" hohe Wellen schlug (leider wird das intensive Drama mit Rachel Weisz und Rachel McAdams in Deutschland nur als Videopremiere ausgewertet), zwischenzeitlich im Frühjahr mit "Eine fantastische Frau" den Auslandsoscar gewinnen konnte und nun schon wieder einen neuen Film vorlegt, der im Grunde als dreiste Versuchsanordnung seinen Ausgang nahm und nun auf wundersame Weise ein weiterer Triumph für den Filmemacher geworden ist. "Gloria Bell" ist nicht nur einfach das Remake von Lelios eigenem "Gloria", mit dem der Regisseur seine internationale Karriere vor fünf Jahren als Publikumsliebling im Wettbewerb der Berlinale begann, wo Hauptdarstellerin Paulina Garcia mit dem Schauspielerpreis belohnt wurde. Es ist ein Remake, das dem Original Szene für Szene nachempfunden ist. Alles ist wieder da, was man am Original bereits mochte. Wie Gloria in der Disco tanzt, wie sie im Auto ihre Lieblingslieder im Radio mitsingt, wie sie ihrem neuen Liebhaber - hier gespielt von John Turturro - den Bauchriemen mit einem Ratsch öffnet, wie er beim ersten Date unentwegt von seinen Töchtern angerufen wird, wie sie sich von ihm das Paintballschießen beibringen lässt, wie sie ihn wissen lässt, er solle sich ein paar neue Eier wachsen lassen. Und natürlich, wie sie sich rächt und wieder weitermacht mit ihrem Leben, sich nicht unterkriegen lässt.

Mit dem kleinen Unterschied, dass die Handlung jetzt in Los Angeles spielt und Gloria von Julianne Moore gespielt wird, in der vielleicht schönsten und vollkommensten ihrer Darstellungen, die so nackt und roh und faszinierend ist wie der Auftritt in "Short Cuts" Clip unten ohne, der sie vor 25 Jahren zum Star machte. Es ist faszinierend, wie identisch und doch grundlegend anders dieser "Gloria" geworden ist, weil die Ausstrahlung von Julianne Moore doch so anders ist als die von Paulina Garcia. Beide sind sie fantastische Frauen in der Hand des des wohl besten männlichen Frauenregisseurs, der gegenwärtig arbeitet: Wie eine lateinamerikanische Antwort auf François Ozon versteht es Lelio, seinen Darstellerinnen genau den Raum zu geben, den sie benötigen, um ihre Figuren erblühen zu lassen und überzeugend zum Leben zu erwecken. Wenn Julianne Moore hier doch nicht aufgibt und sich tanzend und schwingend zu den Klängen von Laura Brannigans Umberto-Tozzi-Cover "Gloria" wieder in ihr Leben stürzt, das sie aller Niederlagen zum Trotz doch über alles liebt, wird man mit dem bislang schönsten Bild des Festivals aus dem Film entlassen.

Eigentlich nicht vorstellbar, dass sich zu Lady Gaga und Julianne Moore bei den Oscar-Nominierungen für die beste Schauspielerin nicht auch Viola Davis gesellen wird, die ihre Hauptrolle in "Widows" Clip, dem ersten Film von "12 Years a Slave" Clip-Oscargewinner Steve McQueen seit fünf Jahren, mit einer grimmigen Dominanz und greifbaren Verzweiflung spielt, dass man kaum den Blick von ihr wenden kann. Der Clou an dem pulsierenden Heistthriller, der auf einer gleichnamigen BBC-Serie aus den Achtzigerjahren basiert und sich als Gegenentwurf zu "Ocean's 8" Clip positioniert, ist seine Bodenhaftung, seine Erdung in einer realistischen Welt, in der alle Figuren wahrhaftig und glaubwürdig wirken: In dem Drehbuch, das McQueen gemeinsam mit "Gone Girl" Clip-Autorin Gillian Flynn verfasst hat, kommen vier Gangster bei einem gewagten Coup ums Leben, was ihre Witwen zwingt, sich zusammenzutun und einen bereits vorbereiteten Raubzug durchzuziehen, um finanziell nicht unter die Räder zu kommen. Dass die in Verbrechensfragen völlig unerfahrenen und so ungleichen Damen - neben Davis sind das Michelle Rodriguez und Elizabeth Debicki - dabei zusätzlich noch korrupten Politikern und kompromisslosen Gangstern ins Gehege kommen, erhöht den Einsatz um ein Vielfaches. Wie schon im Fall von Spike Lee bei "Inside Man" Clip oder Denis Villeneuve bei "Sicario" Clip lohnt es sich, Regisseure mit Genrestoffen zu betrauen, die eigentlich einen ganz anderen filmischen Background haben. Unter der Leitung von Steve McQueen fühlt sich "Widows" nicht nur faszinierend echt an, wie eine der finsteren Moritaten von Richard Price, er inszeniert auch Action mit einer Unmittelbarkeit und Vehemenz, die man niemals erwartet hätte. Die Krone setzt dem Film Viola Davis auf, die nie besser und nie intensiver war.

Das lässt sich auch über Melissa McCarthy sagen, die in "Can You Ever Forgive Me" auf einmal eine ernste Seite und emotionale Tiefe zeigt, die man von der auf derbe Sprüche abonnierten Ulknudel aus "Brautalarm" Clip und "Taffe Mädels" Clip in dieser Form wohl nicht erwartet hätte. Der zweite Film von Marielle Heller, die mit "The Diary of a Teenage Girl" Clip ein tolles Debüt abgeliefert hatte, erzählt nach einem Drehbuch von Nicole Holofcener und Jeff Whitty eine Art amerikanischen "Schtonk!", eine wahre Geschichte über eine vom Glück verlassene Schriftstellerin, die sich mit der Fälschung von Briefen berühmter Romanciers und Dichter über die Runden bringt und dabei auf eine schräge Weise ihre kreative Erfüllung findet. In den ersten fünf Minuten beleidigt Lee Israel ihre Mitarbeiter, legt sich mit ihrem Vorgesetzten an, verliert ihren Job, trinkt viel zu viel Whisky und düpiert ihre Agentin. Man schließt diese kratzbürstige, schlecht frisierte, ungepflegte, gescheiterte und ruppige Frau sofort ins Herz. Sie ist, wie ihr ganz am Schluss vorgeworfen wird, "a horrid cunt", keine Frage, und doch fiebert man mit ihr bei ihrem Drahtseilakt Leben, wie sie sich bei jedem neuen Rückschlag wieder aufrappelt und weitermacht, eine Mischung aus dem misanthropischen Harvey Pekar aus "American Splendor" Clip und Billy Bob Thorntons "Bad Santa" Clip, die nur ihrer Katze vertraut und schließlich doch Freundschaft schließt mit einer ebenso gestrandeten und noch unzuverlässigeren Seele, dem schwulen Jack Hock, absolut hinreißend gespielt von Richard E. Grant, dem man mehr solche Rollen wünschen würde: Gemeinsam wanken immer mit Schlagseite durch diesen Film, als wäre das Leben einer dieser besoffenen Shantys von Tom Waits während dessen "Rain Dogs"-Ära. Dabei ist alles ganz zauberhaft anrührend, eine beschwingte Verliererballade, in der jede noch so amoralische Untat willkommen ist.

Eine beeindruckende One-Woman-Show liefert auch Nicole Kidman in "Destroyer", dem neuen Film von "Girlfight" Clip-Macherin Karyn Kusama. Man muss schon zweimal hinsehen und sich zwicken, um in der verhärmten, kaputten und verlebten Polizeibeamtin Erin Bell die strahlende Oscargewinnerin zu erkennen, die seit fast drei Jahrzehnten zu den glamourösesten Stars Hollywoods zählt. Aber Kidman hat einen Lauf seit ein paar Jahren und geht keiner noch so fordernden Rolle aus dem Weg, auch wenn das wie hier bedeutet, dass sie so aussieht, als hätte man ihre Haut mit Stahlwolle abgeschmirgelt und ihre Haare von hungrigen Ratten im Form nagen lassen: Dabei ist sie so hartgesotten wie Harry Callahan und zornig wie Harvey Keitels "Bad Lieutenant", ein badass cop durch und durch. Abel Ferraras Absolutionskrimi aus dem Jahr 1992 ist denn auch der nächste Verwandte dieses grungigen Films, der seine Hauptfigur in die Hölle und nicht mehr wirklich zurückschickt, als ein auffälliger Mord Erin an einen Undercoverjob erinnert, den sie vor Jahren hatte, und mit unseligen Gestalten aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. Harter Tobak, aber immer sehenswert, und sei es nur wegen Nicole Kidman, die hier uneitel an ihre Grenzen und bisweilen darüber hinausgeht.

Aus Toronto berichtet Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

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