Berlin, 03.12.2012, 13:13  MusikWoche | Medien
Kreativität schützen Thema: Kreativität schützen

Studie berechnet den Schaden durch Piraterie

Piraterie zeigt Wirkung: Der Sampling-Effekt spielt nur eine marginale Rolle (Bild: Foto: Noam/Fotolia.com) Großansicht
Piraterie zeigt Wirkung: Der Sampling-Effekt spielt nur eine marginale Rolle (Bild: Foto: Noam/Fotolia.com)
Immer wieder werden diverse Studien durchs digitale Dorf gejagt, die den Schaden der Kreativbranchen durch illegale Nutzungen schönfärben wollen. Ende November zum Beispiel machten zwei Jungforscher via "Süddeutsche Zeitung" auf sich aufmerksam: Sie wollen herausgefunden haben, dass die Schließung des Hosters Megaupload im Januar 2012 für die Filmwirtschaft eher von Nachteil war. "Man schaut sich einen Film eben erst einmal an, bevor man dafür Geld ausgibt", sagten Christian Peukert und Jörg Claussen im Interview und offenbaren damit nicht unbedingt das, was man gesunden Menschenverstand nennen könnte.

Anders - nämlich gründlich - geht eine Studie des Berliner Marktforschungsinstituts House of Research mit dem Titel "Auswirkungen digitaler Piraterie auf die Ökonomie von Medien" an das Thema heran. Besonders groß seien die Verluste in der Musikindustrie, schreiben die Autoren Dirk Martens, Jan Herfert und Tobias Karbe nach Auswertung vieler Forschungsergebnisse. Die von einigen Fachleuten propagierte "Single-Markt-These", nach der ein vermehrter Absatz von (MP3-)Singles für den Absatzrückgang von Alben verantwortlich sei, werde von ihrer Untersuchung widerlegt: "Weltweit gingen die Singleverkäufe erst ab ca. 2004 nach oben - also sieben Jahre nach dem Beginn des Absatzeinbruchs bei den Alben."

Ausführlich setzt sich die Berliner Studie mit dem sogenannten Sampling-Effekt auseinander. Hierbei wird davon ausgegangen, "dass illegale Downloads gerne zum Probehören heruntergeladen werden, aber im Anschluss trotzdem, bei Gefallen, ein legaler Kauf stattfindet. Da dieses Verhalten zur Entdeckung bisher unbekannter Künstler führe, wirke sich das Filesharing positiv auf die Musikverkäufe aus". Auf diesen Effekt berufen sich diverse Untersuchungen, die zum Schluss kamen, illegale Downloads würden den Umsatz der Musikwirtschaft ankurbeln, während andere Studien zumindest keinen statistischen Zusammenhang zwischen den Umsatzverlusten und der Selbstbedienung im Netz erkennen wollten.

Die Frage nach einem Sampling-Effekt sei eng verknüpft mit der Frage, warum Personen, die besonders viel Musik herunterladen (Heavy User), auch besonders viel Musik kaufen, heißt es in der Berliner Studie. Gehe man davon aus, dass sich die Musikaffinität in der Kaufaktivität von Musik widerspiegelt, so zeige sich zweifelsfrei, dass die Altersgruppen mit der größten Musikaffinität heute zu den Gruppen mit den meisten Musikdownloads zählen. "Zwar kaufen diese Gruppen auch immer noch verhältnismäßig viel Musik, was die Illusion eines Sampling-Effekts erzeugt, doch sind diese Käufe bei den 20- bis 29-Jährigen seit 1999, also seit Beginn des digitalen Musikbezugs, im großen Stil um 56 Prozent zurückgegangen. Die Sampling-Effekt-These sieht einen positiven kausalen Zusammenhang zwischen Downloadhäufigkeit und Musikkäufen. Tatsächlich besteht ein negativer Zusammenhang, der von einer dahinterliegenden Musikaffinität der Jugendlichen überdeckt wird."

In der Musikwirtschaft spiele ein Sampling-Effekt nur eine marginale Rolle, fassen die Autoren der Berliner Studie zusammen: "Nur sehr musikaffine Personen sind bereit, für ein Musikstück oder ein Album Geld auszugeben, das sie schon als illegale Kopie besitzen. Die Mehrheit besitzt keine hohe Musikaffinität, und hier führt der Besitz einer illegalen Kopie in den seltensten Fällen zu einem zusätzlichen Kauf desselben Stücks, vor allem wenn das illegale Digitalisat von seinem Original nicht zu unterscheiden ist. Saldiert man dies, sind die Auswirkungen der Piraterie im Musikbereich stark negativ."

Hier geht es zum Interview mit Dirk Martens, dem Gründer von House of Research. Hier gibt es die gesamte Studie.


Quelle: MusikWoche

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KOMMENTARE

  • Volker Rieck
    Halycon Media GmbH & Co. KG
    03.12.2012, 13:59

    Die Autoren des Papiers Peukert und Claussen haben noch mehr Highlights. Sie sind ganz offenbar davon aus, dass es neben Megaupload keine anderen Hoster gibt. Filehosting nach der Schließung also obsolet war. Ganz klar, immerhin hat Kim Schmitz doch selber gesagt, er ist für 4% des weltweiten Traffics verantwortlich. Das wurde ungeprüft so hingenommen. Und nach der Schließung war das Problem dann einfach weg.
    Nun, es hat keine zwei Wochen gedauert, da war der Traffic von Megaupload umverteilt.
    Daraus könnte man ganz andere Schlüsse ziehen.
    Beim Box Office wurde keine Zahlen der Verbände genommen, sondern von einem Dritten, der von sich selber sagt, er betrachtet nur die USA und Kanada.
    Und so reiht es sich aneinander. Man kann nur fassungslos den Kopf schütteln, vor allem aber darüber, dass sich solche Schlüsse als Bloggermärchen fortpflanzen.

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