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Hamburg, 19.11.1999, 00:00  MusikWoche

Porträt Thomas Schenk

Hesse, Feinschmecker, Hobbywinzer, erfolgreicher Manager: Thomas Schenk vereint in seiner Person viele Facetten. Ein Besuch im Büro.

Die Lachnerstraße ist ziemlich unscheinbar; auf Seite 31 des Falk-Plans von Hamburg quetscht sie sich in die linke obere Ecke. Vielleicht tun sich manche Hamburger Taxifahrer deshalb mit der Lachnerstraße so schwer und steuern mit Vorliebe irgendwelche Wohnviertel mit roten Backsteinkirchen an. Da ist der auswärtige Fahrgast fein raus, der den Stadtplan zu lesen und seine Erkenntnisse dem Chauffeuer zu vermitteln versteht. Was aber meistens auch nicht mehr viel hilft. Also kommt man zu spät zum Termin bei Warner Special Marketing. Thomas Schenk scheint das zu kennen und zu tolerieren. Und falls ihn das stört, dann läßt er sich zumindest nichts anmerken. Er ist kein Mann, der blumige Begrüßungsreden schwingt, und wahrscheinlich liegt es ihm auch nicht so sehr, sich wortreich über etwas zu beschweren. Aber wenn er redet, dann hat er auch etwas zu sagen - was sich nicht von vielen Menschen behaupten läßt.

Und wenn er redet, dann redet er so, wie ihm der Schnabel gewachsen ist - auch das ist nicht immer die Regel im Business. An dieser Stelle ein Einschub über die Hessen in der Welt: Man braucht nicht das Wasser mit dem Badesalz auszuschütten und auch nicht zum Papa Hesselbach zurückzublenden, um festzustellen, daß der hessische Dialekt ein besonders drolliger ist. Daß der Hessenanteil in der deutschen Musikbranche von vielen Beobachtern als relativ hoch eingeschätzt wird, das könnte allerdings auch etwas mit dieser hervorstechenden sprachlichen Eigenart zu tun haben. Wie auch immer - Tatsache bleibt: Auch Thomas Schenk zählt zu den Exilhessen der Branche, die in der großen weiten Welt ihr Glück suchten und fanden - wie Wolf Urban, Hubert Wandjo, Gerd Gebhardt. Man munkelt von exzessiven Äppelwoi-Gelagen in der norddeutschen Diaspora... Schenk ist also Hesse, und genau so redet - oder heißt es: babbelt? - er auch. Und weil das, was er in diesem unnachahmlichen Dialekt sagt, ziemlich viel Sinn ergibt, und weil er dabei schnell auf den Punkt kommt, punktet er sozusagen ganz naturgemäß auf der Sympathieskala. Viele Worte sind wahrlich seine Sache nicht. Dafür kann er zuhören und das Gehörte schnell umsetzen. Und wenn er dabei manchmal auch abwesend wirken mag, sollte man sich nicht dem Trugschluß hingeben, er höre nicht konzentriert zu. Im Gegenteil: Er denkt einfach schon mal weiter. Oder er entschlüsselt den Kern der Botschaft, die man ihm vielleicht nur vorsichtig andeuten wollte. Er kommt, wenn es sein muß, schneller zur Sache als andere. Und er ist in der Regel hellwach, auch wenn er sich nicht gerade als hypermotorischer Hektiker gebärdet und stattdessen seinen Zweitagebart pflegt. Es fällt schwer, sich ihn als Choleriker vorzustellen, als zürnenden Manager, der mit der Welt und seinen Mitarbeitern hadert. Aber andererseits möchte man nicht das Risiko eingehen, bei ihm einen schlechten Job zu machen. Denn ganz sicher legt er die Maßstäbe für sich und andere hoch. Weniger psychologisierend ausgedrückt heißt das: Den wirtschaftlichen Erfolg von Warner Special Marketing fährt ein vergleichsweise kleines und deshalb sehr effizient arbeitendes Team ein, und dieses Team macht einen äußerst stabilen Eindruck. Von hoher Fluktuation hält er nicht viel, sagt Thomas Schenk im Interview in diesem Special, und es fällt in der Tat auf, daß er mit vielen seiner engsten Mitarbeiter seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Vielleicht liegt auch in dieser personellen Kontinuität ein Grund für den Erfolg seiner Firma. Schenk jedenfalls weiß in seiner Führungsposition zu motivieren und zu moderieren. Und notfalls klar den Kurs vorzugeben, auch diesen Eindruck vermittelt er. Daß er über hohes diplomatisches Geschick verfügt, ist offensichtlich; seine strategischen Partnerschaften in inhaltlichen Joint Ventures mit den Mitbewerbern erreichen in der Regel für alle Beteiligten ihren Zweck. Nein, ein weltfremder Träumer ist dieser bekennende Hesse an der Waterkant sicher nicht. Aber er ist auch kein kühler Technokrat, der nur seine Planvorgaben im Auge hat.

Thomas Schenk ist immerhin der Erfinder der Trüffelrunde, und als solcher genießt er mittlerweile einen geradezu legendären Ruf. Denn dieses Konzept weist ihn als Lebenskünstler aus, der Genuß und Geschäft aufs Vorteilhafteste und Angenehmste zu verbinden weiß. Und es paßt auch gut ins Bild, daß er mit einer Kuba-Compilation in Anknüpfung an den Erfolg des Buena Vista Social Club in die "Havanna Lounge" einlud, denn einer guten kubanischen Zigarre ist er allemal zugeneigt. Golf spielen sah man ihn hingegen bislang nur selten. Dafür verbringt er seine spärliche Freizeit gern als Hobbywinzer: Rund 1000 Flaschen des seltenen "Riesling Rabe" erntete er auch in diesem Herbst wieder in seinem Weinberg. Daß zu guten Zigarren und selbst angebautem Wein ein delikates Essen gehört, versteht sich da von selbst. Auch in dieser Hinsicht darf sich Thomas Schenk zu den Connaisseuren rechnen. Und wer einmal das Vergnügen hatte, mit ihm zu speisen, der denkt bei sich, es muß mindestens genauso angenehm sein, mit ihm Geschäfte zu machen. Auch dies ist vermutlich ein Grund für seinen Erfolg. Beim Abschied von der unscheinbaren Lachnerstraße, hat sich die Verspätung aufsummiert. Der nächste Termin ist ernsthaft gefährdet.


Quelle: Musikwoche

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