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Berlin, 20.11.2017, 12:17  MusikWoche | Unternehmen

O-Ton Florian Drücke: "Wir bekommen jetzt noch einmal einen anderen Zug"

Die Vorstände des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) beförderten Geschäftsführer Florian Drücke nach dem Abschied von Dieter Gorny zunächst zum CEO und wählten ihn nun im Rahmen der Mitgliederversammlung darüber hinaus auch zum Vorstandsvorsitzenden. Im Gespräch erläutert Florian Drücke die Weichenstellung.

Arbeitet im Main Board nun auch international an der Lösung zentraler Fragen mit: Florian Drücke (Bild: Markus Nass) Großansicht
Arbeitet im Main Board nun auch international an der Lösung zentraler Fragen mit: Florian Drücke (Bild: Markus Nass)
Kam die Entscheidung von Dieter Gorny, nicht noch einmal anzutreten, für Sie unverhofft?

Wir kennen uns ja eine Weile, insofern nein, da sich die Entscheidung über den Sommer als Prozess entwickelt hat. Uns war wichtig, dann im Rahmen des Reeperbahn Festivals Klarheit über Dieter Gornys Entscheidung zu schaffen. Nach zehn Jahren, die für mich ja eine prägende Zeit waren. Mich hat damals Michael Haentjes im Verband angestellt, als er noch Präsident war. Danach kam Dieter Gorny, von dem ich in den vergangenen Jahren sehr viel lernen durfte, und mit dem ich in Partnerschaft viel entwickeln konnte.

Was bedeutet die Entscheidung, dass Sie nun auch CEO und Vorstandsvorsitzender sind, für Ihre Position?

Der Vorstand hat beschlossen, mich noch stärker in den Ring zu schicken.

Wie bemisst sich dieser Ring?

Das Spektrum unserer Tätigkeit ist bekannt, die Maßeinheit liegt meines Erachtens jetzt in der Fokussierung. Ganz konkret stehen zwei zusätzliche, ganz aktuelle Aspekte im Mittelpunkt, nämlich das IFPI Main Board auf internationaler Ebene und der Posten als Gesellschaftervertreter in der GVL auf nationaler Ebene. Die internationale Ebene der Verbandsarbeit und damit auch die Frage, wie man sich ausrichtet, wird in einer immer globaler werdenden Branche immer wichtiger. Die GVL steht gerade vor großen Herausforderungen und befindet sich mitten in einem sehr fordernden Veränderungsprozess.

Welches Signal gibt der Vorstand um Frank Briegmann, Bernd Dopp und Philip Ginthör mit Ihrer doppelten Beförderung?

Der Vorstand gibt damit ein Signal des Vertrauens und zeigt, dass er mich in der zentralen Rolle sieht, branchenintern, aber vor allem auch nach außen. Das ehrt mich sehr. Ziel dieser Konzentration ist das Anliegen, unsere Positionen noch direkter einfließen zu lassen.

Welche Auswirkungen hat das?

In erster Linie heißt das, dass wir noch fokussierter an den anliegenden Themen arbeiten werden.

Was für Herausforderungen bringt das mit sich?

Es wird jetzt darum gehen, im Verband bei Aufgaben, Zuordnungen und Prioritäten Akzente zu setzen. Dabei geht es ja nicht um eine große Struktur, die es umzubauen gilt, aber trotzdem um Klarheit und immer wieder um die Frage, wie ich mein gutes Team am besten einsetze.

Will im Verband bei Aufgaben, Zuordnungen und Prioritäten neue Akzente setzen: Florian Drücke (Bild: Markus Nass) Großansicht
Will im Verband bei Aufgaben, Zuordnungen und Prioritäten neue Akzente setzen: Florian Drücke (Bild: Markus Nass)
Wie beurteilen Sie die Entwicklung des BVMI?


Wir haben den Verband in den vergangenen Jahren deutlich auf Lobbying und Kommunikation getunt, ohne dafür Branchendienstleistungen über Bord geworfen zu haben. Das bringt uns weiter nach vorn, bleibt aber eine Herausforderung, weil unser Portfolio vergleichsweise breit aufgespannt ist.

Wie sehen Sie die internationale Wahrnehmung des BVMI?

Deutschland als weltweit viertgrößter Musikmarkt hat den Anspruch, international gehört und vor allem auf der europäischen Bühne mit einbezogen zu werden. Obwohl wir in Brüssel kein eigenes Büro haben, war mir das als überzeugtem Europäer von Anfang an wichtig, und ich war immer wieder vor Ort, um unsere Positionen auch dort zu vertreten.

Das Main Board trifft sich also nicht nur regelmäßig in London, sondern ist auch in Brüssel als ständige Vertretung mit dabei?

Nein, das Main Board trifft sich zumeist zweimal im Jahr an unterschiedlichen Orten. Zudem gibt es ja auch andere internationale Gremien, in denen die politische Positionierung diskutiert wird. Im Main Board tauchen unter anderem strategische Fragen auf, dort geht es um das sehr wertvolle und sehr starke Netzwerk der Musikindustrie. Das Main Board ist international besetzt, auch mit Repräsentanten der verschiedenen Musikunternehmen, nicht nur mit Verbandsleuten. Mit dabei sind unter anderem Vertreter aus Key Markets wie England, Frankreich oder auch Japan, von unserem Schwesterverband RIAA aus Amerika oder von Organisationen aus Asien.

Was bedeutet das Mitwirken im Main Board für Sie persönlich?

Mir bedeutet das viel, da ich an zentralen Branchenfragen mitarbeiten will. Damit ist auch der Anspruch verknüpft, dass Deutschland mit seinen spezifischen Themen in dieser Struktur bestmöglich, das heißt direkt aus dem Kern des Verbandsgeschäfts heraus, repräsentiert wird.

Hat Deutschland hier einen ständigen Sitz?

Ja, Dieter Gorny war bereits dabei, davor auch schon Michael Haentjes.

Gibt es Beispiele für die Arbeit des Gremiums?

Am sichtbarsten sind die firmenseitigen Vertreter des Main Board sicher bei der Veröffentlichung des »Global Music Reports«. Aber nehmen wir das Beispiel Streamripping, das wir unter anderem aufgrund der hierzulande in Hinblick auf die Privatkopie schwierigen Rahmenbedingungen früh lokal identifiziert haben. Dieses Phänomen hat sich auch auf internationaler Ebene ausgebreitet, und wir haben jüngst sehen können, dass Amerika und England aktiv geworden sind. Das ist auch Teil eines Bewusstwerdungsprozesses.

Zurück zum BVMI: Vor zehn Jahren fiel im Verband die Entscheidung, auf einen hauptamtlichen Vorsitzenden anstelle des ehrenamtlichen Präsidenten zu setzen, warum?

Michael Haentjes fungierte damals ausdrücklich als ehrenamtlicher Präsident mit einem hohen Gestaltungswillen und -auftrag. Er hat den Verband maßgeblich umgebaut. Ich durfte zu seiner Zeit beispielsweise die Verbände verschmelzen, was ein sehr deutliches Zeichen für die Veränderungen war. Die vergleichsweise kurze Zeit mit ihm hat mich sehr geprägt. Das war damals meines Erachtens die erste Zündstufe des Umbaus. Danach aber, in dieser schwierigen Zeit mit Feuer auf dem Dach, mit der Filesharing-Problematik und dem anhaltendem Abschwung in der Musikbranche, wurde entschieden, einen hauptamtlichen Repräsentanten einzusetzen, der zugleich ein homo politicus ist - und das ist Dieter Gorny, qua Person und qua Netzwerk. In dieser Rolle ist er uns nicht nur Sparringspartner, sondern mir an vielen Stellen auch ein Lehrer gewesen.

Das war die zweite Zündstufe der Professionalisierung, zu der übrigens Stefan Michalk in einem extrem fordernden Umfeld erheblich beigetragen hat. Nun haben wir im Verband einen Punkt erreicht, an dem sich Vorstands- und Geschäftsführungstätigkeit gut in einer Person verbinden lassen, und diese Verantwortung nehme ich gern an.

Steckt viel Energie in die politische Positionierungen, Diskussionen und Überzeugungsarbeit: Florian Drücke (Bild: Monique Wüstenhagen) Großansicht
Steckt viel Energie in die politische Positionierungen, Diskussionen und Überzeugungsarbeit: Florian Drücke (Bild: Monique Wüstenhagen)
Übernehmen im Verband auch weitere Mitarbeiter andere Aufgaben?


Ja, wir werden entscheiden müssen, welche Aufgaben wir wie verteilen, und wie das im laufenden Betrieb funktioniert. Es gibt bereits Dinge, die ich delegiere. Zum Beispiel vertritt Sigrid Herrenbrück uns seit einem Jahr bereits im Beirat des Reeperbahn Festivals. Das hat auch etwas damit zu tun, das ich nicht nur schauen muss, was ich gern alles wahrnehmen möchte, sondern auch, was ich denn wirklich alles leisten kann. Manche Aufgaben sind bekanntermaßen besser aufgehoben bei Leuten, die dafür auch mit ihrer ganzen Expertise und ihrem Kopf einstehen. Das alles werde ich bald offiziell klarstellen.

Apropos klarstellen: Hatten Sie das Gefühl, dass die Stimme und die Position des Verbands durch die Zweiteilung zwischen Dieter Gorny und Ihnen nicht klar war?

Nein, wir haben, glaube ich, unsere beiden Rollen sehr gut ausgespielt. Wenn man diese Rollen verteilt, muss man damit sehr bewusst umgehen, sonst bekommt man ein Stimmengewirr im Raum. Bei uns hat es gut funktioniert. Ich glaube aber dennoch, dass wir jetzt im Verband noch einmal einen anderen Zug bekommen werden.

Angesichts der verschiedenen Aufgaben von Dieter Gorny dürfte es auch künftig Berührungspunkte in der Öffentlichkeit und Parallelen in den Positionen geben, oder?

Sicherlich, und das ist auch gut so, aber nicht direkt mit dem Verband verbunden. Wenn er zum Beispiel beim Deutschen Musikrat oder der Initiative Musik weiter aktiv sein will, dann ist das gut. Er macht das dann aber privat und natürlich als ein wichtiger Branchenkopf, der er ja bleibt. Wir sind uns dabei vollkommen einig, dass keine Unklarheiten entstehen dürfen darüber, ob er bei einer Veranstaltung vielleicht doch im Auftrag des BVMI auftaucht.

Es kann also durchaus passieren, dass bei einer Podiumsdiskussion Dieter Gorny für den Musikrat spricht und Sie für den BVMI?

Ja, genau. Das dürfte für den Moderator spannend werden, wenn er versucht, zwischen Dieter und mir etwas herauszukitzeln. Denn verschiedene Hüte bedeuten auch oftmals verschiedene Perspektiven.

Wie sieht Ihre Arbeit im Verband nun im Anschluss an die Bundestagswahlen aus, und was erwarten Sie vom Koalitionsvertrag?

Da kommt sicher viel auf uns zu. Der Koalitionsvertrag ist ja der Moment, wo sich das politische Umfeld für die kommenden vier Jahre definiert. Es wird dann darum gehen, zu analysieren und zu priorisieren. Hier stellt sich aber dann auch immer die Frage, wo und an welcher Stelle so ein Vertrag in Stein gemeißelt ist. Das gilt in beide Richtungen: Es sind einerseits Versprechen nicht erfüllt worden, obwohl sie im Koalitionsvertrag standen, andererseits sind ja auch schon Dinge gelungen, die nicht ausdrücklich enthalten waren. Darüber hinaus müssen wir sehen, wie sich dieser Koalitionsvertrag in eine größere, europäische Welt einpasst.

Es geht uns - bei allen anderen europäischen Großbaustellen - um den digitalen Binnenmarkt. Und schließlich, da dürfen wir uns nichts vormachen, kommen auch große Veränderungen im Parlament auf uns zu, die nicht nur mit einer neuen Partei zu tun haben, sondern auch damit, dass einige Abgeordnete, mit denen wir gut zusammengearbeitet haben, keinen Sitz mehr bekommen haben.

Wen meinen Sie?

Zum Beispiel sind mit Stefan Heck von der CDU und Christian Flisek von der SPD zwei Urheberrechtspolitiker nicht wieder in den Bundestag eingezogen. Das sind zwei fachlich sehr gute Politiker - was leider noch nicht heißt, dass wir in allen Positionen übereingestimmt haben, aber trotzdem geht mit solchen Veränderungen ja immer auch Kompetenz verloren.

Was zeichnet einen guten Politiker Ihrer Meinung nach aus?

Anders als viele vielleicht glauben, ist meines Erachtens ein guter Politiker nicht derjenige, der einfach nur unsere Wünsche einszu-eins übernimmt, so wie man sich das vielleicht fernab der Hauptstadt vorstellen würde, wenn man sich ausmalt, wie Lobbyisten leben. Es ist vielmehr jemand, der sich mit unseren Anliegen auseinandersetzt und sich dabei auch dem inhaltlichen Ringen um Positionen nicht verschließt. Klar ist, dass jetzt ein neuer Abschnitt kommt.

Inwiefern?

Machen wir uns nichts vor: Die politische Arbeit bedeutet für uns immer auch eine Investition über eine gewisse Periode. Nicht in Geld, aber doch in Positionierungen, Diskussionen und Überzeugungsarbeit, in die sehr viel Energie fließt.

Haben Sie nicht Sorgen, dass eine Partei mit ans Ruder kommt, deren Kandidat Plakate mit »Digital first, Bedenken second« kleben ließ?

Das Spannende ist, dass dieser Wahlspruch, wenn er denn auf den Plakaten einer Partei steht, bei den anderen Parteien eher Reaktionen auslöst, die in eine Richtung gehen, wie »Oh, wie kann man das so bloß sagen?«. Dabei hätte dieser Slogan genauso gut auch von den anderen Parteien besetzt werden können, wenn ein Politiker einen digital coolen Akzent hätte setzen wollen. Solche Slogans sind immer sehr stark verkürzt, daher sollte man sich an vielen von ihnen nicht verbeißen. Ich bin ja generell für »Denken first«.

Sie sind inzwischen auch Gesellschaftervertreter bei der GVL. Was genau sind hier Ihre Aufgaben?

Der Gesellschaftervertreter hat die Aufgabe, die Position des Gesellschafters in den jeweiligen Gremien zu vertreten, also die Position der Deutschen Orchestervereinigung beziehungsweise des BVMI. Die DOV repräsentiert Gerald Mertens, den BVMI nun ich. Wir reden dabei von einer treuhänderischen Tätigkeit. Deshalb besteht die Aufgabe in den Gremien der Verwertungsgesellschaft abseits regelmäßiger Treffen eben auch darin, die Positionen der Mitglieder des BVMI zu den aktuellen Themen der GVL zu erarbeiten und entsprechend zu vertreten.

Wie beurteilen Sie die Lage dort?

Die Landschaft der Verwertungsgesellschaften ist derzeit ausgesprochen spannend. Die GVL befindet sich in einer extremen Umbauphase, weil sich in Hinblick auf strukturelle Fragen und auch Datenfragen sehr viel verändert. An all diesen Themen muss und werde ich als Gesellschaftervertreter viel detaillierter dran sein, als das vielleicht noch vor zehn Jahren der Fall gewesen ist. Zudem attackiert der VUT die GVL momentan, wo es nur geht.

Was halten Sie von dieser Auseinandersetzung?

Ich finde die Art und Weise falsch, halte sie für kontraproduktiv und glaube, dass hier manches zu kurzsichtig passiert, aber da müssen wir nun durch. Wenn man solche Themen nicht abbiegen, sondern sich streiten will, kann ich das als Rechtsanwalt akzeptieren. Aber als Repräsentant des Schwesterverbands muss ich die Stirn runzeln und mir meinen Teil dazu denken.

Gibt es in dieser Sache einen neuen Zwischenstand?

Nach der Beschwerde des VUT haben nun einzelne unabhängige Musikunternehmen Einzelverfahren eingeleitet. Das geht weiter seinen Gang.



Zur Person


Der 1975 in Heidelberg geborene Florian Drücke studierte Rechtswissenschaften in Berlin und Toulon, schloss in Frankreich das rechtswissenschaftliche Studium mit der Maîtrise ab und wurde 2004 an der Universität Greifswald promoviert. Im Januar 2006 kam er als Justiziar zum BVMI und übernahm dort zwei Jahre später als Leiter Recht & Politik die Verantwortung für die Rechtsabteilung und das politische Lobbying. Seit dem 1. November 2010 ist er Geschäftsführer des BVMI. Florian Drücke ist unter anderem Mitglied im Deutsch-Französischen Kulturrat und im Global Future Council »The Future of Information and Entertainment« des World Economic Forums. 




Quelle: MusikWoche

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