Piraten-Bashing bringt nicht weiter: Thomas Bierling
Piraten-Bashing bringt nicht weiter: Thomas Bierling
Thomas Bierling (Jahrgang 1968) ist Pianist, Komponist und Inhaber der Tonträgerlabels Yeotone und Fidelitas Records. Als politisch interessierter Mensch hat er sich mit der Vertonung des Grundgesetzes ("Recht harmonisch") auch in künstlerischer Hinsicht schon mit den Grund- und Menschenrechten beschäftigt. Hier outet er sich als Mitglied der Piratenpartei.
Ich möchte mich outen - ich bin Mitglied der Piratenpartei geworden. Und das als Urheber und Labelinhaber. Das beschert mir reichlich Gegenwind im Kollegenkreis, bis hin zu übelsten persönlichen Beschimpfungen. Aber bin ich wirklich verrückt geworden? Unterstütze ich jetzt eine Bewegung, die die totale Enteignung aller kreativ Tätigen betreibt? Nein, das tue ich nicht. Die reflexartige Ablehnung der Piratenpartei geht nämlich meist einher mit relativer bis ziemlicher Unkenntnis der Faktenlage. Das Prinzip "Piratenpartei" auf das Urheberrecht zu verkürzen, verkennt die wahre Dimension dieser jungen Bewegung, der ich persönlich noch viel Erfolg wünsche: Denn es geht um Basisdemokratie, Liberalität, Freiheits- und Menschenrechte in Verbindung mit sozialer und ökologischer Verantwortung - genau die Kombination, die ich bislang bei keiner der etablierten Parteien jemals finden konnte.
Was mich verwundert, ist die Heftigkeit der Gegenreaktionen, die dieser noch kleinen Partei entgegenschlägt. Eigentlich steht das in überhaupt keiner Relation zu ihrem tatsächlichen Einfluss, denn was, außer Forderungen aufzustellen, kann eine kleine Oppositionspartei eigentlich tun? Vor was also fürchtet man sich überhaupt? Dazu sage ich: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Dieser bevorstehende Umbruch macht viele Leute aus der Kreativbranche nervös, denn langsam wird allen klar, dass es nicht so weitergehen kann und wird wie bisher. Aber die Piraten sind nur ein Symptom dieses Umbruchs, nicht dessen Ursache.
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KOMMENTARE
Martin Danisch
Büro Nico Kupferberg Film 22.08.2012, 12:22
Für alle kreativen Urheber, es lohnt sicht die Sendung "Breitband"
zu verfolgen. Nur wirklich Ahnung hat kann eigentlich etwas zum Thema schreiben.Seit der Wutrede von Sven Regener beschäftigte ich mig dem Online-Urheberrecht und kann bis heute keine Idee vorschlagen,nur eine Sendung die sich ebenfalls auf die Suche gemacht hat:
Ich glaube eins ist jetzt schon Fakt. Die Zukunft liegt im Netz!
mit herzlichen Grüßen
Michael Teuber
01.06.2012, 19:03
Hallo Herr Bierling,
freut mich, dass man mit Ihnen auch bei gegensätzlichen Ansichten kommunizieren kann, ohne dass Polemik ins Spiel kommt - leider ganz im Gegensatz zum Beitrag von Herrn Seliger, den Sie auf Ihrer Facebook-Seite vorstellen und feiern. Passt irgendwie nicht zu Ihrer Anregung " gemeinsam darüber nachzudenken und die Energie da hinein zu legen statt in gegenseitige Beschimpfungen.", die ich ausdrücklich unterstütze.
Was meinen Vergleich mit den Kapitalverbrechen angeht, gebe ich gern zu, dass ich zur Verdeutlichung meiner Position sicher extreme Beispiele benutzt habe; den Smiley am Ende haben Sie ja hoffentlich auch gesehen.
Was Ihre Ausführungen zum "natürlichen Rechtsempfinden" angeht, nehme ich auch eine andere Position ein. Sie führen die Steuergesetzgebung an: "...kennen Sie jemanden, der bei Steuerhinterziehung wirklich ein schlechtes Gewissen hätte?" Ehrlich gesagt: Wenn jeder so denken würde, würde dieser Staat schlicht nicht funktionieren (das kann man natürlich auch wollen, muss es dann aber auch deutlich sagen). Bei Steuerhinterziehung geht es einfach um einen persönlichen Vorteil, den man sich verschafft, in der Hoffnung, es kommt nicht heraus (übrigens zu Lasten der Allgemeinheit). Genau das ist aber, meiner Ansicht nach, die Motivation für illegale Downloads! Die Begriffe "Freiheit" oder "kulturelle Revolution" für solches Tun werden nur hinterher künstlich aufgepropft, um sich sein Rest-Schlechtes-Gewissen schönzureden. Das zeugt auch leider von Null Respekt gegenüber den Urhebern der Songs/Filme/E-Books, die man gerade gesaugt hat.
Und das "natürliche Rechtsempfinden" ist ja nicht statisch; wenn Urheberrechtsverletzungen nicht (in welcher Form auch immer) geahndet werden, wird in der Tat in der Folge kein Unrechtsbewußtsein entstehen können und ohne das wird es auch kein Aufeinanderzugehen geben können, dass Sie und ich ja begrüßen würden, weil einfach das Gefühl für "Respekt und Anstand" gegenüber den Schöpfern von digitalisierbarem Content fehlt.
Sie schreiben: " "Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben" hat Goethe gesagt - ich gehe soweit und sage "es MUSS uns Freiheit geben". Das Gesetz soll dem Menschen dienen. Wenn es umgekehrt kommt, dann ist es kein gutes Gesetz, sondern quasireligiöser Unfug. (Zitat Ende)" Mit dieser Begründung kann man leider auch "Freibier für alle" gesetzlich festschreiben, weil es die Freiheit vieler, möglichst viel Bier zu trinken, unterstützt, während es die Freiheit weniger Bierbrauer (mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen) einschränkt und die Freiheit vieler nunmal vorgeht. Verzeihen Sie bitte diese, wiederum, überspitzte Formulierung, aber ich denke, Sie verstehen, was ich meine.
Für das Zusammenleben von Menschen sind Regeln wichtig, an die sich jeder zu halten hat. Urheber schaffen Musik, Filme, E-Books etc. und müssen dafür angemessen bezahlt werden – wie angemessen, entscheidet in unserer Gesellschaftsform der Markt; wenn's vielen gefällt, gibt's mehr, wenn's wenigen gefällt, eben weniger oder nix. Wenn's aber zwei Klicks neben dem legalen Angebot alles für umme gibt, werden erstens die oben angesprochenen Regeln gebrochen und zweitens die angesprochenen Kulturgüter entwertet (was nix kost', ist auch nix). Ich würde sogar noch weitergehen: Ich befürchte, wenn sich erstmal im digitalen Bereich die Grundthese der Piraten "Alle privaten Kopien sollen legal sein" als Staatsräson durchsetzt, wird sich diese Einstellung vielleicht auch auf physische Produkte ausweiten; wenn jetzt mit dem Recht auf freie Information argumentiert wird (und damit hauptsächlich Chartsongs, Hollywood-Blockbuster, US-TV-Serien und Bestseller gemeint sind), könnte man dann evtl. mit dem Bürgerrecht auf freie Mobilität argumentieren und damit Autoklau legalisieren (natürlich nur für die nichtkommerzielle Nutzung der Autos) :-) Okay, wieder so ein überspitztes Beispiel, aber ich bin fest davon überzeugt, das die Legalisierung von Filesharing das "natürliche Rechtsempfinden" in diese Richtung verändern würde – das kann man wollen oder nicht. Ich persönlich will es nicht.
Da ich aber so 'ne harmoniesüchtige Flitzpiepe bin, hoffe ich ja auf eine gerechte, auf "Anstand und Respekt" basierenden Lösung für die Urheberrechtsfragen im Internet und wünsche Ihnen viel Erfolg mit Beiträgen dazu!
Mit freundlichem Groove, Michael Teuber
Was meinen Vergleich mit den Kapitalverbrechen angeht, gebe ich gern zu, dass das Beispiel sicher übertrieben war
Thomas Bierling
01.06.2012, 15:02
Hallo Herr Teuber,
vielen Dank für den Kommentar. Da bin ich ja auch ganz bei Ihnen, dass man illegale Dinge möglichst verhindern sollte. Das Problem ist eben nur, dass es praktisch nicht oder nur mit unverhältnismäßigen Folgen umzusetzen ist - das meinte ich mit der geöffneten Büchse der Pandora. Wie das genau aussehen könnten - ja, das weiß ich leider auch nicht, so wie wir doch alle gerade ziemlich ratlos sind auf diesem Gebiet.
Was den Vergleich mit den Kapitalverbrechen anbelangt, so halte ich das für etwas übertrieben. Gute Gesetze immer so gestaltet, dass sie in irgendeiner Art das natürliche Rechtsempfinden in justitiable Form bringen. Dann werden sie auch größtenteils eingehalten. Wenn etwas von der Mehrzahl der Menschen als reine Willkürregel empfunden wird, dann sinkt die Einhaltungsquote drastisch und kann nur mittels flächendeckender Überwachung und drakonischer Strafen gewährleistet werden. Ich denke, dass Mord und Totschlag auch ohne Strafen relativ selten wären, da glaube ich an das Gute im Menschen. Aber nehmen Sie mal die Zeit der Prohibition in den USA, oder alle möglichen anderen Drogengesetze – da fühlt sich doch kein Mensch schuldig, wenn er ein „Vergehen“ begeht. Und umso höher ist der Aufwand, solche unsinnigen Gesetze durchzusetzen. Das kann man von der Art her eher mit religiösen Speisevorschriften vergleichen denn mit wirklich gesellschaftsrelevanten Gesetzen, das gilt für alle sog. „opferlosen Straftaten“. Ähnliches passiert auch, wenn Gesetze zu unverhältnismäßigen Belastungen führen, z. B. im Steuerrecht. Oder kennen Sie jemanden, der bei Steuerhinterziehung wirklich ein schlechtes Gewissen hätte? Das führt nur zu Heuchelei, wohin man auch schaut.
Um es noch ein wenig zu präzisieren: Ein gutes Gesetz wird auch eingehalten. Wenn ein Gesetz nicht eingehalten wird, dann sollte man zuerst das Gesetz überprüfen und nicht die Menschen. Vielleicht ist das Gesetz falsch, aber die Menschen sind weder richtig noch falsch - sie sind, wie sie sind, das kann man nicht ändern. "Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben" hat Goethe gesagt - ich gehe soweit und sage "es MUSS uns Freiheit geben". Das Gesetz soll dem Menschen dienen. Wenn es umgekehrt kommt, dann ist es kein gutes Gesetz, sondern quasireligiöser Unfug.
Und - wie Sie selbst sagen - muss vieles über Respekt und Anstand geregelt werden, aber da hat leider noch nie ein Gesetz geholfen.
Wie gesagt, die Patentlösung (falls es überhaupt eine gibt) kenne ich leider nicht. Ich wollte nur dazu anregen, gemeinsam darüber nachzudenken und die Energie da hinein zu legen statt in gegenseitige Beschimpfungen.
Beste Grüße
Thomas Bierling
Michael Teuber
01.06.2012, 13:23
Es ist ja ein ganz sympatischer Ansatz, zu sagen, dass die Piraten ja gar nicht so böse sind und dass das Bashing von Urheberseite endlich aufhören soll. Aber, sorry, die haben angefangen :-) Ich hab's leider soooo oft erlebt: Bei jedem Diskussionsbeitrag, der einem Piraten nicht passt, kommt das arrogante Totschlagargument: "Du hast das Internet nicht verstanden!". Und immer, wenn man einen Punkt etwas weiter diskutieren möchte, landet man früher oder später bei einem "Das haben wir noch nicht ausdiskutiert", wofür sie dann auch noch Applaus für ihre total frische Herangehensweise und Ehrlichkeit haben möchten. Ich find's da sehr verständlich, dass die meisten Urheber nicht sonderlich gut zu sprechen sind auf eine Gruppe, die Ihnen sagt: "Das, was ihr herstellt, soll ab sofort allen Menschen kostenlos zur Verfügung stehen (während ich meinen gutbezahlten Job in der IT-Branche natürlich behalte). Wovon Ihr dann Eure Miete bezahlen sollt, werden wir irgendwann in der Zukunft klären. Wer nicht dafür ist, stellt sich dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegen und ist ein ewiggestriger Sklave der Content-Mafia."
Und, Verzeihung, aber das Argument "Die Büchse der Pandora ist geöffnet" und nun müssen sich die Leute, die Content schaffen, eben damit abfinden, dass alles, was digitalisierbar ist, kostenlos gesaugt wird und das nicht rechtlich verfolgt werden soll – dieses Argument leuchtet mir nicht ein, vor allem, wenn es noch mit Schlagworten wie "gesellschaftlicher Fortschritt", "kulturelle Revolution" und "Freiheit" veredelt werden soll. Analog (hihi :-) dazu könnte man sagen: Weil seit vielen Jahrhunderten Menschen ermordet werden, obwohl es Gesetze dagegen gibt, muss man endlich mal einsehen, dass der Mensch eben so ist (das Rad der Geschichte lässt sich eben nicht zurückdrehen) und Straffreiheit für Mörder verlangen. Gilt natürlich auch für Vergewaltiger, die Mafia und die Panzerknacker :-)
Gelebte Freiheit braucht Regeln und Respekt – auch im Internet.
Ich werde die Piraten weiter beobachten und bin gespannt, ob da außer Forderungen, sympathischem Chaos und Irgendwie-anders-sein-wollen noch irgendwelche Lösungsvorschläge kommen. Vielleicht kommen ja gerade von Ihnen selbst tolle und realistische Vorschläge, die Sie uns in Ihrem Artikel leider vorenthalten.
Mit freundlichem Groove, Michael Teuber (der es übrigens auch für richtig hält, sich bei Meinungsäußerungen nicht hinter einem Pseudonym zu verstecken – das bezieht sich natürlich nicht auf Sie, sondern auf eine Piratenposition)
Büro Nico Kupferberg Film
22.08.2012, 12:22
Für alle kreativen Urheber, es lohnt sicht die Sendung "Breitband"
zu verfolgen. Nur wirklich Ahnung hat kann eigentlich etwas zum Thema schreiben.Seit der Wutrede von Sven Regener beschäftigte ich mig dem Online-Urheberrecht und kann bis heute keine Idee vorschlagen,nur eine Sendung die sich ebenfalls auf die Suche gemacht hat:
http://breitband.dradio.de/brb120721/
http://breitband.dradio.de/die-alternativen/
Ich glaube eins ist jetzt schon Fakt. Die Zukunft liegt im Netz!
mit herzlichen Grüßen
01.06.2012, 19:03
Hallo Herr Bierling,
freut mich, dass man mit Ihnen auch bei gegensätzlichen Ansichten kommunizieren kann, ohne dass Polemik ins Spiel kommt - leider ganz im Gegensatz zum Beitrag von Herrn Seliger, den Sie auf Ihrer Facebook-Seite vorstellen und feiern. Passt irgendwie nicht zu Ihrer Anregung " gemeinsam darüber nachzudenken und die Energie da hinein zu legen statt in gegenseitige Beschimpfungen.", die ich ausdrücklich unterstütze.
Was meinen Vergleich mit den Kapitalverbrechen angeht, gebe ich gern zu, dass ich zur Verdeutlichung meiner Position sicher extreme Beispiele benutzt habe; den Smiley am Ende haben Sie ja hoffentlich auch gesehen.
Was Ihre Ausführungen zum "natürlichen Rechtsempfinden" angeht, nehme ich auch eine andere Position ein. Sie führen die Steuergesetzgebung an: "...kennen Sie jemanden, der bei Steuerhinterziehung wirklich ein schlechtes Gewissen hätte?" Ehrlich gesagt: Wenn jeder so denken würde, würde dieser Staat schlicht nicht funktionieren (das kann man natürlich auch wollen, muss es dann aber auch deutlich sagen). Bei Steuerhinterziehung geht es einfach um einen persönlichen Vorteil, den man sich verschafft, in der Hoffnung, es kommt nicht heraus (übrigens zu Lasten der Allgemeinheit). Genau das ist aber, meiner Ansicht nach, die Motivation für illegale Downloads! Die Begriffe "Freiheit" oder "kulturelle Revolution" für solches Tun werden nur hinterher künstlich aufgepropft, um sich sein Rest-Schlechtes-Gewissen schönzureden. Das zeugt auch leider von Null Respekt gegenüber den Urhebern der Songs/Filme/E-Books, die man gerade gesaugt hat.
Und das "natürliche Rechtsempfinden" ist ja nicht statisch; wenn Urheberrechtsverletzungen nicht (in welcher Form auch immer) geahndet werden, wird in der Tat in der Folge kein Unrechtsbewußtsein entstehen können und ohne das wird es auch kein Aufeinanderzugehen geben können, dass Sie und ich ja begrüßen würden, weil einfach das Gefühl für "Respekt und Anstand" gegenüber den Schöpfern von digitalisierbarem Content fehlt.
Sie schreiben: " "Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben" hat Goethe gesagt - ich gehe soweit und sage "es MUSS uns Freiheit geben". Das Gesetz soll dem Menschen dienen. Wenn es umgekehrt kommt, dann ist es kein gutes Gesetz, sondern quasireligiöser Unfug. (Zitat Ende)" Mit dieser Begründung kann man leider auch "Freibier für alle" gesetzlich festschreiben, weil es die Freiheit vieler, möglichst viel Bier zu trinken, unterstützt, während es die Freiheit weniger Bierbrauer (mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen) einschränkt und die Freiheit vieler nunmal vorgeht. Verzeihen Sie bitte diese, wiederum, überspitzte Formulierung, aber ich denke, Sie verstehen, was ich meine.
Für das Zusammenleben von Menschen sind Regeln wichtig, an die sich jeder zu halten hat. Urheber schaffen Musik, Filme, E-Books etc. und müssen dafür angemessen bezahlt werden – wie angemessen, entscheidet in unserer Gesellschaftsform der Markt; wenn's vielen gefällt, gibt's mehr, wenn's wenigen gefällt, eben weniger oder nix. Wenn's aber zwei Klicks neben dem legalen Angebot alles für umme gibt, werden erstens die oben angesprochenen Regeln gebrochen und zweitens die angesprochenen Kulturgüter entwertet (was nix kost', ist auch nix). Ich würde sogar noch weitergehen: Ich befürchte, wenn sich erstmal im digitalen Bereich die Grundthese der Piraten "Alle privaten Kopien sollen legal sein" als Staatsräson durchsetzt, wird sich diese Einstellung vielleicht auch auf physische Produkte ausweiten; wenn jetzt mit dem Recht auf freie Information argumentiert wird (und damit hauptsächlich Chartsongs, Hollywood-Blockbuster, US-TV-Serien und Bestseller gemeint sind), könnte man dann evtl. mit dem Bürgerrecht auf freie Mobilität argumentieren und damit Autoklau legalisieren (natürlich nur für die nichtkommerzielle Nutzung der Autos) :-) Okay, wieder so ein überspitztes Beispiel, aber ich bin fest davon überzeugt, das die Legalisierung von Filesharing das "natürliche Rechtsempfinden" in diese Richtung verändern würde – das kann man wollen oder nicht. Ich persönlich will es nicht.
Da ich aber so 'ne harmoniesüchtige Flitzpiepe bin, hoffe ich ja auf eine gerechte, auf "Anstand und Respekt" basierenden Lösung für die Urheberrechtsfragen im Internet und wünsche Ihnen viel Erfolg mit Beiträgen dazu!
Mit freundlichem Groove, Michael Teuber
Was meinen Vergleich mit den Kapitalverbrechen angeht, gebe ich gern zu, dass das Beispiel sicher übertrieben war
01.06.2012, 15:02
Hallo Herr Teuber,
vielen Dank für den Kommentar. Da bin ich ja auch ganz bei Ihnen, dass man illegale Dinge möglichst verhindern sollte. Das Problem ist eben nur, dass es praktisch nicht oder nur mit unverhältnismäßigen Folgen umzusetzen ist - das meinte ich mit der geöffneten Büchse der Pandora. Wie das genau aussehen könnten - ja, das weiß ich leider auch nicht, so wie wir doch alle gerade ziemlich ratlos sind auf diesem Gebiet.
Was den Vergleich mit den Kapitalverbrechen anbelangt, so halte ich das für etwas übertrieben. Gute Gesetze immer so gestaltet, dass sie in irgendeiner Art das natürliche Rechtsempfinden in justitiable Form bringen. Dann werden sie auch größtenteils eingehalten. Wenn etwas von der Mehrzahl der Menschen als reine Willkürregel empfunden wird, dann sinkt die Einhaltungsquote drastisch und kann nur mittels flächendeckender Überwachung und drakonischer Strafen gewährleistet werden. Ich denke, dass Mord und Totschlag auch ohne Strafen relativ selten wären, da glaube ich an das Gute im Menschen. Aber nehmen Sie mal die Zeit der Prohibition in den USA, oder alle möglichen anderen Drogengesetze – da fühlt sich doch kein Mensch schuldig, wenn er ein „Vergehen“ begeht. Und umso höher ist der Aufwand, solche unsinnigen Gesetze durchzusetzen. Das kann man von der Art her eher mit religiösen Speisevorschriften vergleichen denn mit wirklich gesellschaftsrelevanten Gesetzen, das gilt für alle sog. „opferlosen Straftaten“. Ähnliches passiert auch, wenn Gesetze zu unverhältnismäßigen Belastungen führen, z. B. im Steuerrecht. Oder kennen Sie jemanden, der bei Steuerhinterziehung wirklich ein schlechtes Gewissen hätte? Das führt nur zu Heuchelei, wohin man auch schaut.
Um es noch ein wenig zu präzisieren: Ein gutes Gesetz wird auch eingehalten. Wenn ein Gesetz nicht eingehalten wird, dann sollte man zuerst das Gesetz überprüfen und nicht die Menschen. Vielleicht ist das Gesetz falsch, aber die Menschen sind weder richtig noch falsch - sie sind, wie sie sind, das kann man nicht ändern. "Das Gesetz nur kann uns Freiheit geben" hat Goethe gesagt - ich gehe soweit und sage "es MUSS uns Freiheit geben". Das Gesetz soll dem Menschen dienen. Wenn es umgekehrt kommt, dann ist es kein gutes Gesetz, sondern quasireligiöser Unfug.
Und - wie Sie selbst sagen - muss vieles über Respekt und Anstand geregelt werden, aber da hat leider noch nie ein Gesetz geholfen.
Wie gesagt, die Patentlösung (falls es überhaupt eine gibt) kenne ich leider nicht. Ich wollte nur dazu anregen, gemeinsam darüber nachzudenken und die Energie da hinein zu legen statt in gegenseitige Beschimpfungen.
Beste Grüße
Thomas Bierling
01.06.2012, 13:23
Es ist ja ein ganz sympatischer Ansatz, zu sagen, dass die Piraten ja gar nicht so böse sind und dass das Bashing von Urheberseite endlich aufhören soll. Aber, sorry, die haben angefangen :-) Ich hab's leider soooo oft erlebt: Bei jedem Diskussionsbeitrag, der einem Piraten nicht passt, kommt das arrogante Totschlagargument: "Du hast das Internet nicht verstanden!". Und immer, wenn man einen Punkt etwas weiter diskutieren möchte, landet man früher oder später bei einem "Das haben wir noch nicht ausdiskutiert", wofür sie dann auch noch Applaus für ihre total frische Herangehensweise und Ehrlichkeit haben möchten. Ich find's da sehr verständlich, dass die meisten Urheber nicht sonderlich gut zu sprechen sind auf eine Gruppe, die Ihnen sagt: "Das, was ihr herstellt, soll ab sofort allen Menschen kostenlos zur Verfügung stehen (während ich meinen gutbezahlten Job in der IT-Branche natürlich behalte). Wovon Ihr dann Eure Miete bezahlen sollt, werden wir irgendwann in der Zukunft klären. Wer nicht dafür ist, stellt sich dem gesellschaftlichen Fortschritt entgegen und ist ein ewiggestriger Sklave der Content-Mafia."
Und, Verzeihung, aber das Argument "Die Büchse der Pandora ist geöffnet" und nun müssen sich die Leute, die Content schaffen, eben damit abfinden, dass alles, was digitalisierbar ist, kostenlos gesaugt wird und das nicht rechtlich verfolgt werden soll – dieses Argument leuchtet mir nicht ein, vor allem, wenn es noch mit Schlagworten wie "gesellschaftlicher Fortschritt", "kulturelle Revolution" und "Freiheit" veredelt werden soll. Analog (hihi :-) dazu könnte man sagen: Weil seit vielen Jahrhunderten Menschen ermordet werden, obwohl es Gesetze dagegen gibt, muss man endlich mal einsehen, dass der Mensch eben so ist (das Rad der Geschichte lässt sich eben nicht zurückdrehen) und Straffreiheit für Mörder verlangen. Gilt natürlich auch für Vergewaltiger, die Mafia und die Panzerknacker :-)
Gelebte Freiheit braucht Regeln und Respekt – auch im Internet.
Ich werde die Piraten weiter beobachten und bin gespannt, ob da außer Forderungen, sympathischem Chaos und Irgendwie-anders-sein-wollen noch irgendwelche Lösungsvorschläge kommen. Vielleicht kommen ja gerade von Ihnen selbst tolle und realistische Vorschläge, die Sie uns in Ihrem Artikel leider vorenthalten.
Mit freundlichem Groove, Michael Teuber (der es übrigens auch für richtig hält, sich bei Meinungsäußerungen nicht hinter einem Pseudonym zu verstecken – das bezieht sich natürlich nicht auf Sie, sondern auf eine Piratenposition)