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Mannheim, 23.11.2009, 16:34  MusikWoche | Events

Geschichtenerzähler unter sich

Journalisten unter sich: Dirk Peitz, Andreas Borcholte, Uli Frank, Dirk Rothenbücher, Ossi Urchs, Dietmar Schwenger, Thomas Venker (von links) (Bild: MuskWoche) Großansicht
Journalisten unter sich: Dirk Peitz, Andreas Borcholte, Uli Frank, Dirk Rothenbücher, Ossi Urchs, Dietmar Schwenger, Thomas Venker (von links) (Bild: MuskWoche)
Beim Kongress Zukunft Pop 2009 stand am 21. November in Mannheim auch das traditionelle Rollenverständnis des Musikjournalismus auf dem Prüfstand scharfsinniger Diskussionsbeiträge. In einem Panel mit dem Titel "Medien von Print bis 2.0" ging es trotz Twitter, Facebook und Blogosphäre letztlich aber doch wieder um die grundsätzliche Frage, wodurch sich guter Journalismus auszeichnet.

In einem Punkt waren sich alle Diskussionsteilnehmer weitgehend einig: Das Internet und mit ihm die neuen Kommunikationsmöglichkeiten haben die Rahmenbedingungen für Journalisten allgemein und damit auch für Musikjournalisten drastisch verändert. Das neue Werk eines Künstlers besprechen und ins Netz stellen kann jeder; Bewertungssysteme, ob Sternchen, Lautsprecher oder sonstwas, gibt es massenweise; Nachrichten verbreiten sich schneller, als man ihren Wahrheitsgehalt nachrecherchieren kann. Und echte Fans kommen oft genug näher an ihr Idol ran und wissen deshalb vieles schon früher als jeder Profijournalist.

Was also tun? Umsatteln? Moderator Dirk Rothenbücher (Leiter des Südwestrundfunk (SWR)-Studios Mannheim) wollte denn auch von den Panelisten wissen, was in ihren Augen sozusagen das Alleinstellungsmerkmal des Profijournalisten im Vergleich mit den Legionen von Bloggern, Twitterern, Fans und Facebooklern sei. Für den Internauten Ossi Urchs, der vor 20 Jahren schon Zukunftsminister von Philip Morris war und sich, wie er verriet, seit 1994 im World Wide Web als Experte und Berater tummelt, ist klar, dass die bisherigen Geschäftsmodelle wenn überhaupt nur "indirekt" funktionieren; die journalistischen Inhalte könnten also noch so attraktiv sein - die Nutzer würden allenfalls für Zusatzleistungen drumherum bezahlen. "Information als knappes Gut - das war letztes Jahrhundert. Der sogenannte Fachjournalismus ist heute nicht mehr gefragt." Als positiv stellte Urchs heraus, dass aus der Einbahnstraße des journalistischen Geschichtenerzählens dank der Feedbackmöglichkeiten im Internet ein Dialog des Autors mit den Lesern geworden sei.

Schreiben, was ihnen am Herzen liegt: Ossi Urchs (links) und Dietmar Schwenger (Bild: MuskWoche) Großansicht
Schreiben, was ihnen am Herzen liegt: Ossi Urchs (links) und Dietmar Schwenger (Bild: MuskWoche)
Das bestätigte Andreas Borcholte, Redakteur bei "Spiegel online": "Kaum hat man was geschrieben, kriegt man auch schon eine Reaktion des Lesers." Das habe anfangs zwar genervt, sei aber Ansporn zum Besseren. "Man muss sich was einfallen lassen." Man müsse sich andere Standbeine aufbauen, sprach Thomas Venker, Chefredakteur Intro, aus Erfahrung: Konzept des "intro"-Verlags war schließlich schon immer, das Heft kostenlos zu verteilen und über Anzeigen sowie Zusatzaktivitäten wie Eventagentur und Festival zu subventionieren. Was Ossi Urchs als typische Konsequenz aus den veränderten Nutzungsgewohnheiten im Internet erkannt hat, gab es also durchaus schon in der analogen Welt (und natürlich auch vor "intro"). Hier hätte man sich eine vertiefende Debatte über den Wert von journalistischen Inhalten gewünscht und über Marketingkonzepte, die diesen untergraben.

Musikchef Uli Frank von SWR3 fasste die Situation zusammen: "Eine Plattenkritik wie früher reicht nicht mehr. Die Leute wollen das ganze Rundum-Wohlfühlpaket und alles sofort haben." Auch habe sich das Interesse verändert: "Die meisten Nutzer bleiben an der Oberfläche." Das gelte besonders fürs Radio, wo man längere Interviews allenfalls im Abendprogramm senden könne; tagsüber wolle keiner so etwas hören. Dafür befassten sich dann aber die Fans und Spezialisten intensiver mit der Materie als die Journalisten. Dirk Peitz, freier Journalist für "Süddeutsche Zeitung", "Zeit" und andere, wies auf den materiellen Aspekt hin und verglich die Lage der Freien mit der von Harz-IV-Empfängern: "Man bekommt als freier Journalist keinen Gegenwert mehr für die Arbeit, die man leistet; man braucht deshalb noch andere Erlösmodelle." Er selbst holt die Brötchen als Schlussredakteur rein.



Aus dem Publikum kam der kritische Hinweis, dass Musikjournalismus viel zu sehr von Vermarktungszyklen der Musikbranche abhängig sei, sozusagen in erster Linie als Recommendation Engine fungiere - worauf Ossi Urchs feststellte: "Wir leisten grundsätzlich alle einen Beitrag zu den Vermarktungsmechanismen." Kein Einspruch, Euer Ehren.

Was also kann man tun, um zu überleben und seine Existenzberechtigung als Profi zu untermauern? Da waren sich alle einig: "Der Journalismus muss Geschichten erzählen, das kann der User-generated Content nicht", sagte Dirk Peitz. "Wir haben den Zugang zum Künstler, den der Fan nicht hat." MusikWoche-Redakteur Dietmar Schwenger postulierte: "Wir müssen neue Zugänge zu den Themen finden, uns was einfallen lassen. Wir brauchen mehr Kreativität." Ossi Urchs und Andreas Borcholte griffen das Motiv auf und skandierten im Zweiklang: "Wir müssen Geschichten erzählen." Und Borcholte ergänzte: "Wir sind immer noch näher dran. Und irgendwie kommt unsere Art der Berichterstattung an. Spannende Geschichten werden immer gelesen." Für Thomas Venker gilt: "Wir müssen uns den neuen Medien öffnen." Und Uli Frank meinte: "Es lohnt sich immer, interessante Menschen darzustellen."

Man müsse über das schreiben und reden, was einem am Herzen liegt, mahnte Urchs. "Wenn man das kann, wird man Publikum finden." Ein bisschen was hat diese Einsicht vielleicht auch beim Mannheimer Panel gebracht. Denn während anfangs schlappe acht Zuhörer den sieben Panelisten ihre Aufmerksamkeit schenkten, wuchs das Publikum bis zum Ende der eineinhalbstündigen Veranstaltung immerhin auf gut 20 Follower an. Keine Atempause, Geschichten werden gemacht, es geht voran … (Fehlfarben)


Quelle: MusikWoche

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