Berlin (hr), 21.11.2001, 12:56  MusikWoche

Def Jam Germany: Läsker redet Klartext

Als Antwort auf den Abwärtstrend im deutschen HipHop plant Def Jam Germany eine A&R-Offensive sowie eine interaktive "aufsehenerregende" Website.

... sowie DMX mit dem neuen Album "The Great Depression"
... sowie DMX mit dem neuen Album "The Great Depression"  
Große Hoffnung für die Zukunft: Christina Milian und ihre Single "AM To PM"...
Große Hoffnung für die Zukunft: Christina Milian und ihre Single "AM To PM"...  
Andreas "Bär" Läsker, Präsident von Def Jam Germany, ist ein Freund offener Worte. So redet er auch nicht lange um den heißen Brei herum: "Der deutsche HipHop steckt in einer Krise", stellt er fest. "Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Rein inhaltlich interessiert es hunderttausende potenzielle Konsumenten nicht, was irgendwelche inzestuösen, auf Sofas kiffende Spastiker sich gegenseitig zu erzählen haben. Trotz der vielen Silben ist ihr Zeug leider sehr einsilbig. Zum zweiten ist es für HipHop-Fans extrem cool, keine CDs zu kaufen, sondern sie zu klauen oder zu brennen."

Während des Booms der letzten Jahre habe die Industrie "alles gesignt, was nicht bei drei auf dem Baum war, und das für eine irre Kohle. Die Jungs sagten sich: Ich habe einen Bandübernahme-Vertrag, ich mache, was ich will. Sie lieferten alles ab, außer Singles, und erwarteten, dass sich ihre Alben zu hunderttausenden verkaufen - was natürlich nicht funktioniert hat."

Nimmt kein Blatt vor den Mund: Andreas "Bär" Läsker
Nimmt kein Blatt vor den Mund: Andreas "Bär" Läsker  
Für "Bär" Läsker ist klar: "Die Single muss her. Ohne sie geht kein Mensch in den Plattenladen, abgesehen mal von der Hardcore-Szene." Zudem neigen HipHop-Fans dazu, im eigenen Saft zu schmoren, so Läsker. Von einer Reihe Acts habe sich Def Jam Germany deshalb getrennt: "Es lohnt sich nicht, Künstler zu signen, denen es auch nach dem dritten Album darum geht, 15.000 Stück zu verkaufen."

Noch ein Fazit zieht der Def-Jam-Chef aufgrund seiner eigenen Erfahrungen aus den letzten sechs Monaten: "Im deutschen Soul-Bereich hat kaum etwas funktioniert. Es ist aber auch ungleich viel schwerer, amerikanischen Soul ins Deutsche zu transformieren als HipHop."

Compilations und US-Acts fürs Fest

Um das Weihnachtsgeschäft zu nutzen, bringt Def Jam Germany einige Compilations heraus, darunter eine Kooperation mit der Sportschuhkette "Footlocker" sowie die Ausgabe "Battle Of The Year" in Zusammenarbeit mit dem Müchner Label Masters On Broadway. Seine Hoffnung setzt der schwergewichtige Black-Music-Experte weiterhin auf Christina Milian, deren Single "Am To Pm" in den USA in den Top 30 landete. "Das wird ein Brett, die Single wird durchmarschieren", frohlockt er. "Die Presse steht bereits Schlange."

Daneben präsentiert die Company eine Reihe amerikanischer Rapper: Ja Rule, Jay-Z und DMX. Geplant sind weiterhin Releases von Method Man und Redman. Für 2002 setzt Läsker auf neue Namen: "Ich habe Benji aus Hannover gesignt", berichtet er. "Generell suche ich nach Themen, die internationaler ankommen." Dafür sei ein verstärktes A&R notwendig. "Man kann nicht erwarten, dass Leute in 5000-Mark-Homestudios Produktionen abliefern, die so viel verkaufen wie Robbie Williams und so viel kosten wie eine Wurstsemmel - das kann nicht funktionieren. Man muss länger am Thema arbeiten. So lange, bis die Nummer stimmt. Das ist im Pop und Rock seit langem üblich, nur im deutschen HipHop mit seiner autarken Entwicklung glaubt jeder zu wissen, wo es lang geht."

Der Qualitätsunterschied zwischen amerikanischen und deutschen Produktionen sei riesig, findet er. "Auf einem höheren Niveau hätten deutsche Künstler ganz andere Chancen. Die Zeiten, in denen man drei Beats im Keller zusammen nagelte, bekifft was drauf faselte und ein halbe Million Platten verkaufte, sind vorbei. Das finde ich persönlich auch gut so."

Neben intensivem A&R strebt Läsker eine stilistische Erweiterung an: "Wir überlegen uns, ob wir auch Crossover machen. Ich würde gerne Dog Eat Dog bei Def Jam signen. Das passt genauso in urbane Musik wie HipHop und Ragga. So kann man sich zusätzlich noch auf die Skater stürzen, die entspannter sind als die Hip-Hopper, was ihre Attitüden angeht." Für den 7. Januar 2002 planen die Berliner, eine Website an den Start zu bringen, "die ziemlich viel Aufsehen erregen dürfte", erwartet "Bär". "Sie wird Def City heißen." Es sei eine Mischung aus Computerspiel und Labelwebsite, die die Kids zum Kaufen motivieren und so das Brennen eindämmen soll.

Neuer Marketingweg mit Def City

"Es wird eine Community werden. Mitglied wird man, indem man eine CD von uns kauft. Auf den Platten sind Nummerncodes. Mit diesem Code kommst du auf die Seite, wo dir eine bestimmte Summe Def-Dollars gutgeschrieben wird", erläutert Product Manager Oliver Dallmann das Prinzip. "Damit kannst du die verschiedensten Sachen machen, dafür musst du das virtuelle Geld einsetzen. Unsere Künstler sind auf der Site natürlich auch aktiv. Unter den Kids mit den meisten Def-Dollars werden Preise verlost, die es nur bei uns gibt."


Quelle: MusikWoche

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