München, 13.03.2018, 15:46  GamesMarkt | Märkte
Thema: #DCP

Kommentar: Der DCP braucht einen Neuanfang!

Stephan Steininger, Chefredakteur GamesMarkt
Stephan Steininger, Chefredakteur GamesMarkt  
Eines vorweg: Ich bin ein begeisterter Unterstützer des Deutschen Computerspielpreis. Und das gilt erst recht für GamesMarkt. Als Ausrichter der LARA standen wir dem DCP zur Seite, als der Preis aufgrund der Debatten über die Auszeichnung internationaler 18er-Spiele zu scheitern drohte. Und als diese Gefahr gebannt war, traten wir ohne zu zögern zur Seite.

Doch trotz aller Verbundenheit - oder auch gerade wegen ihr - ist es Zeit, ein großes Problem des DCP anzusprechen: Für den Deutschen Computerspielpreis wurden über die Jahre viele, sogar zu viele Kompromisse geschlossen. Und einige davon haben ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten.

Natürlich ist nicht jeder Kompromiss per se falsch. Zum Beispiel bei der Jury. Es handelt sich um eine politisch hoch sensible Zusammenstellung aus Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten und Branchenvertretern, die man leichtfertig als zu weit weg vom Thema oder zu nah dran, als zu theoretisch oder geschwätzig bei diversen Eklats bezeichnen könnte. Eine echte Alternative gibt es nicht - es sei denn natürlich man macht aus dem DCP einen Publikumspreis oder gründet analog zum Film eine Computerspielakademie (wieso eigentlich nicht?).

Aber es gibt auch Regelungen und Statuten, die so nicht mehr sein dürften. Warum beispielsweise darf ein Spiel eingereicht werden, das noch nicht fertig ist? Hätte Bruno Mars 2018 etwa auch dann einen Grammy bekommen, wenn vom Album "24k Magic" nur die Hälfte aller Tracks abgemischt gewesen wären? Oder hätte Guillermo del Toro einen Oscar für seine Regiearbeit bei "Shape of Water" bekommen, wenn der Jury nur der Rohschnitt vorliegen würde? Wohl kaum! Übertragen auf den DCP hätte sich der Preis zumindest das 2018er Skandälchen um "The Surge" sparen können.

Zumal das veröffentlichte Statement, das Jurymitglieder jetzt als Anlass für detailreiche Erklärungen nutzen, was warum passiert sei, vor allem versucht abzulenken. Blickt man hinter den Nebel ist es doch so. Erstens: Das Award-Büro hat 2017 das unfertige "The Surge" für beurteilbar erklärt und zugelassen, die Jury hat es - weil unfertig - ignoriert. Einer von beiden halt also Mist gebaut.

Zweitens: Weil die Statuten sagen, dass ein Spiel nur einmal eingereicht werden darf, heißt es für "The Surge": Pech gehabt. Klappe zu, Affe tot. Und damit sich der Fall nicht wiederholt, darf künftig auch die Jury eine Einreichung für das nächste Jahr "zurückstellen". Und schon wären wir beim nächsten faulen Kompromiss! Das eigentliche Problem ist, dass der DCP zwar jährlich verliehen wird, aber Spiele zugelassen sind, die in einem Zeitfenster von 18 Monaten erscheinen, sechs davon in der Zukunft der Einreichphase! Da ist Ärger schlicht vorprogrammiert!

Natürlich verstehe ich, dass Entwickler und Publisher gerne mit dem Gewinn des DCP werben würden. Und deshalb ist es praktisch, wenn die Auszeichnung vor Release erfolgt. Aber entweder kürt ein Preis eine vergangene Leistung oder ein bevorstehendes Produkt, so wie es beispielsweise bei Messeawards auf der E3 oder der gamescom der Fall ist. Nicht Fisch, nicht Fleisch, das kann man zwar probieren, geht aber in den seltensten Fällen gut.

Was also tun? Konzentriert sich der DCP auf Konzepte und künftige Spiele, ist die Gefahr groß, dass Spiele ausgezeichnet werden, die schlecht oder gar nicht fertiggestellt werden. Konzentriert sich der DCP aber drauf, die besten Produktionen des Vorjahres auszuzeichnen, dann entfällt die Werbewirkung und man könnte sich beispielsweise die Dreingabe von "Mediavolumen" sparen, mit dem man einst den Wert der Auszeichnung aufblähte. Übrigens auch das ein fauler Kompromiss, der notwendig wurde, weil die Gamesbranche die einzige Kreativbranche ist, die ihren Preis größtenteils selbst bezahlen muss.

Aus meiner Sicht ist es deshalb höchste Zeit für einen Neuanfang. Und da wiederhole ich mich gerne: Der Deutsche Computerspielpreis gehört ins Kanzleramt. Er gehört aber auch in die alleinige Verantwortung der künftigen Staatsministerin für Digitales im Kanzleramt, Dorothee Bär. Und er sollte die in Deutschland fertig produzierten Spiele des Vorjahres würdigen und nur diese. Und wenn er dann noch von den Mitgliedern einer Akademie von Spieleentwicklern oder dem Publikum gewählt würde, dann hätten wir endlich, was der Deutsche Computerspielpreis schon immer hätte sein können: Ein Kulturpreis der Bundesregierung für die kreativen Compterspieleentwicklerinnen und -entwickler in Deutschland.


Quelle: GamesMarkt.de

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