UK Top 15
Der Diktator
Zum dritten Mal in Folge hält Warner Bros. Pictures Germany als Marktführer das Zepter in der Hand. Mit drei bis fünf Tentpole-Pictures pro Jahr will der Major diese Position auch künftig verteidigen. Warner-Chef Wilfried Geike äußert sich im BF-Gespräch zuversichtlich, dass - trotz Piraterie und Konsumzurückhaltung - verlorenes Kinopublikum in den nächsten Jahren wieder zurückkommen wird.
Willi Geike: Sicher nicht. Natürlich spielen dabei die "Herr der Ringe"-Trilogie und "Harry Potter" als eins der großen Warner-Franchises eine bedeutende Rolle. Aber "Harry Potter" wird ja noch fortgesetzt. Wir können insgesamt sieben Bücher verfilmen, von denen fünf bereits vorliegen. Der dritte Teil ist erfolgreich im Kino gestartet, der vierte folgt nächstes Jahr - und dann wieder zu Weihnachten. Wir haben bei Warner Bros. mit der Philosophie Ernst gemacht, jährlich drei bis fünf so genannte Tentpole-Pictures, also Superblockbuster, pro Jahr zu produzieren - und das ist auch für die nächsten Jahre so vorgesehen.
BF: Und was sind die Warner-Blockbuster in diesem Jahr?
WG: Wir haben im Mai "Troja
" gestartet, das ist einer davon. Natürlich "Potter 3
" und zu Jahresbeginn "Last Samurai
". Das ist diese Kategorie, die in Deutschland mindestens zwei Millionen Zuschauer und mehr macht. Als nächster großer Titel folgt "Catwoman
" und dann "Der Polarexpress
", "Ocean's Twelve
", "Blade: Trinity
", "Constantine
" mit Keanu Reeves und "Miss Congeniality 2
". Wir konnten alle diese Filme kürzlich in Burbank bei einem Big-Picture-Event gemeinsam mit deutschen Theaterbetreibern sehen. Ich kann Sie beruhigen, unser Line-up sieht sehr, sehr gut aus.
BF: Zwei Millionen und mehr klingt für einen Superblockbuster bescheiden. Können die großen Kinofilme ihr Potenzial in Deutschland nicht mehr richtig ausspielen?
WG: Wir kämpfen doch derzeit mit zwei Problemen in Deutschland. Da ist zum einen die wirtschaftliche Lage, die auf alle Konsumbereiche durchschlägt. Die Leute geben ihr Geld nicht aus. Davon ist auch das Kino betroffen. Natürlich hat das insgesamt schlechtere Filmangebot im letzten Jahr nicht geholfen. Auch in anderen Ländern war deshalb die Entwicklung rückläufig. Das zweite Problem ist die Piraterie. 2003 waren wir davon massiv betroffen. Das hat uns junge Publikumsschichten gekostet, die es hipper fanden, zu Hause die erste illegale Downloadkopie mit Freunden anzuschauen, statt mit ihnen ins Kino zu gehen. Diese Entwicklung haben wir in den Griff bekommen, etwa mit der gemeinsamen Kampagne gegen Piraterie und den nötigen Gesetzesänderungen, aber auch mit Maßnahmen der einzelnen Filmverleiher, um Kinokopien sicherer zu machen.
BF: Greifen diese Maßnahmen wirklich schon?
WG: Allerdings! Wir haben nach dem großen Schlag der GVU gegen die Release Groups "Troja" herausgebracht. Während im letzten Jahr "Matrix Revolutions
" am Tag nach dem Kinostart in exzellenter Qualität und auf Deutsch im Netz war, benötigte "Troja" dafür fünf Tage - und das in einer schlechten Version mit abgefilmtem Bild und lausigem Ton. Wir haben den Kern derer, die Filme in Bestqualität ins Netz stellen, schwer getroffen. Natürlich schafft die Kampagne ein größeres Unrechtsbewusstsein. Peer-to-Peer-Börsen wie Kazaa haben heute wesentlich weniger Nutzer und brauchbares Material. Wir haben da eine sehr ermutigende Entwicklung.
"Wir befinden uns in einer Konsolidierungsphase"
BF: Der Sommerstart von "Harry Potter" ist kritisiert worden. War das die richtige Entscheidung, um ein optimales Ergebnis zu erzielen?
WG: Warner hat am Anfang versucht, jährlich einen Potter-Film zu starten. Das hat zweimal geklappt, aber nicht öfter. Teil drei musste später produziert werden; und nun gibt es jeweils ein Fenster von 18 Monaten. Das bedeutet, dass der vierte Teil nächstes Jahr wieder im November starten wird. Aber Filme wie "Harry Potter" haben ein so großes Potenzial, dass das Publikum auch zum ungewohnten Sommertermin in die Kinos strömt. In England hatte er den besten Starttag aller Zeiten. Und auch in Deutschland schreiben wir hervorragende Zahlen.
BF: Und der Vorwurf, der Termin sei mit Rücksicht auf eine bessere DVD-Auswertung gewählt worden...
WG: ... ist Blödsinn! Wir schauen auch bei den Superblockbustern zu allererst auf das Kinoergebnis. Natürlich ist DVD für die Erlöse mindestens genauso wichtig, aber wir würden niemals eine Entscheidung gegen das Kino treffen. Nebenbei sind wir mit dem Weihnachts-Oster-Korridor bei den ersten beiden Teilen wunderbar zurechtgekommen. Das Thema ist so langlebig, dass übernächste Weihnachten, wenn der neue Film ins Kino kommt, auch die DVD wieder erfolgreich neu promotet werden kann. Von dieser Crosspromotion profitiert insbesondere das Kino beim Start des neuen Films.
BF: Sicher nicht mehr bei "Herr der Ringe".
WG: Doch. Hier haben wir etwas ganz Spezielles vor. In Deutschland ist nämlich die "Extended Version" nie im Kino gezeigt worden. Wir wollen zum Jahresende den dritten Teil in der Langversion ins Kino bringen. Und zwar mindestens vier Wochen vor dem DVD-Start. Zusammen mit Teil eins und zwei wird das ein Großereignis werden. Wir diskutieren gerade mit den Kinobetreibern, in welcher Form die drei langen Versionen gestartet werden sollen, und versprechen uns davon noch einmal ein Millionenpublikum.
BF: Für Hollywood wird die DVD beim Thema Refinanzierung immer wichtiger. In Deutschland verantworten Sie beide Bereiche: Wie sieht das Umsatzverhältnis von Kino und DVD aus?
WG: Wie im Kino gibt es im Videobereich ein Problem mit der wirtschaftlichen Situation und der Produktpiraterie. Von Letzterer ist die DVD wesentlich stärker betroffen, und zwar fast ausschließlich bei den so genannten New Releases, also alles, was kurz vorher im Kino war. Trotz Verdoppelung der DVD-Player-Haushalte gab es im letzten Jahr im deutschen Markt keine Steigerung bei den New Releases. Die haben wir an die Piraten verloren. Wie groß sie hätte sein können, sieht man an den Katalogverkäufen, wo Piraterie kaum eine Rolle spielt. Auf Stückzahlen bezogen, sind wir hier um 127 Prozent gestiegen. Der DVD-Markt ist nur durch den Katalog überhaupt gewachsen.
BF: Das DVD-Wachstum ist im europäischen Ausland größer. Ist das Problem in Deutschland gravierender?
WG: Bei der Piraterie sind wir in Deutschland tatsächlich "Vorreiter" gewesen. Auch weil die Musikpiraterie hier am größten war und dabei illegales Downloaden "erlernt" wurde. Die Musikindustrie hat viel zu spät reagiert und das Problem nie in den Griff bekommen. Die wachsende Zahl an DSL-Anschlüssen, die spezielle Mixtur aus professioneller Piraterie und Release-Groups und die weite Verbreitung von DVD-Brennern haben Deutschland einen Spitzenplatz ermöglicht. Andere Länder kommen jetzt in die Situation, die wir bereits 2003 erlebt haben. Es ist ein weltweit wachsendes Problem, und Warner Bros. hat daraus Konsequenzen gezogen.
BF: Nämlich?
WG: Wir verfügen im Studio über weltweit Verantwortliche für diesen Bereich. Wir sind in Deutschland bestimmt führend, wenn es um den Kampf gegen Piraterie geht. Wir haben zusammen mit der GVU, der FFA und den betroffenen Verbänden ein sehr gutes und wirksames Antipiraterieprogramm entwickelt. Im DVD-Bereich sind wir froh, dass wir den negativen Trend bei den New Releases gestoppt haben, also nicht zurückfallen hinter die Umsätze, die wir schon erzielt hatten. Der Kampf gegen Piraterie geht mit Sicherheit nicht irgendwann zu Ende, sondern er wird dauernd geführt werden müssen. Der so genannte Zweite Korb bei der Novellierung des Urheberrechtsgesetzes muss noch bessere Möglichkeiten bieten, um den Missbrauch zu bekämpfen. Hier hoffen wir auf die Einsicht des Gesetzgebers.
BF: Ohne Piraterie hätten sich die Gewichte also längst vom Kino stärker zur DVD verlagert?
WG: Richtig. Das Umsatzvolumen bei New Releases ist im Kino nach wie vor größer als auf Video. Bei Titeln, die keine Blockbuster sind, hat Video schon heute die Nase vorn. Aber nach wie vor bleibt für uns der Erst-Release im Kino das Entscheidende! Das schafft die Öffentlichkeit für den Film, und das wird sich auch nicht ändern.
Verstärkte Gewichtung auf Eigenproduktionen
BF: Das Jahr läuft gut für Warner; die großen Kinobetreiber klagen über Einbußen. Finden Sie die Entwicklung im Kinopark Besorgnis erregend?
WG: Natürlich ist die Situation der großen Multiplex-Betreiber nicht schön. Aber man muss immer bedenken, wie sie entstanden ist. In den letzten zehn Jahren sind bei der Planung der Multiplexe gravierende Fehler gemacht worden. Der damalige Boom hat dafür gesorgt, dass beim Thema Auslastung und Wirtschaftlichkeit nicht alle erforderlichen Kalkulationen angestellt wurden. Wir haben diese Kinos nicht gebaut. Bei fünf Multiplexen in einer mittleren Großstadt können nicht alle gutes Geld verdienen. Das Publikum wird nicht in dem Maße wachsen, wie damals angenommen wurde. Wir befinden uns jetzt in einer Konsolidierungsphase. Die ist auch notwendig, damit ein vernünftiger Kinopark wirtschaftlich sinnvoll arbeiten kann.
BF: Steht an diesem Punkt eine neue Leihmietendiskussion bevor?
WG: Wir haben unsere Konditionen erst vor kurzem angepasst und sie zugunsten der Theaterbetreiber verändert. Aber das Entscheidende für die Kinobetreiber sind nicht die Leihmieten, sondern die sonstigen Konditionen. Die Multiplex-Betreiber müssen viel eher mit den Investoren und Immobilienbesitzern diskutieren, was am jeweiligen Standort erwirtschaftet werden kann. Und das tun ja alle längst.
BF: Inwieweit muss sich das Kino auf ein dauerhaft verändertes Nutzungsverhalten der Konsumenten zu seinen Ungunsten einstellen?
WG: Wir bekämpfen natürlich die illegale Nutzung. Wir wollen nicht zulassen, dass sich beim jüngeren Publikum die Gewohnheit etabliert, auf den Kinobesuch zu verzichten und sich stattdessen zu Hause im Freundeskreis anzusehen, was man illegal aus dem Netz geladen hat. Ich glaube, dass man das wieder ändern kann. Wir müssen aber noch mehr tun. "Kino ist das Größte" muss wieder in das Bewusstsein der Jungen gebracht werden. Das Erlebnis Kino auf der großen Leinwand ist einmalig. Das betonen wir aber nicht oft genug. Gerade in diesem Sommer der Blockbuster müssen wir über lokales Marketing und geeignete Aktionen klarstellen, dass große Filme die große Leinwand brauchen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir verlorenes Kinopublikum in den nächsten Jahren wieder zurückholen werden - trotz Piraterie und trotz Konsumzurückhaltung.
BF: Und wie sieht es mit der legalen Nutzungsveränderung aus?
WG: Die hat eine objektive Ursache, die wir nicht ändern können. Wir haben in Deutschland eine Gesellschaft, die immer älter wird. Wir werden in Zukunft aufgrund der anhaltend niedrigen Geburtenrate relativ weniger junge Leute haben, die bis dato die Kernzielgruppe des Kinos gebildet haben. Darauf müssen wir uns einstellen. Wir müssen auch die älteren Jahrgänge wieder stärker ins Kino ziehen. Das ist uns, nebenbei, in den vergangenen Kinorekordjahren gelungen. Die Steigerungsraten wurden damals bei den 25- bis 45-Jährigen erzielt. Und nur hier kann in Zukunft ein vernünftiger Zuwachs stattfinden. Bei "Troja" etwa waren 62 Prozent der Zuschauer älter als 25 Jahre. Das ist heute ein zentraler Bestandteil unseres Marketings. Wir prüfen ganz genau, auf welche Weise wir diese "25plus" ins Kino bringen können.
BF: Und der richtige Produktfluss dafür ist gesichert?
WG: Wir haben bei Warner Bros. eine Liste von Tentpole-Pictures für die nächsten drei Jahre, die größer ist denn je. Wir haben den Vertrag mit New Line um weitere drei Jahre verlängert. Wir werden im Kino alles auswerten, was überhaupt produziert wird: vom kleinsten Arthouse-Movie bis zum dicksten Blockbuster. Mit Warner Bros. Independent Pictures liefert uns eine neue Studio-Unit Filme mit einem Produktionsbudget bis zu 15 Mio. Dollar. Darüber hinaus haben wir uns viel vorgenommen beim Thema Eigenproduktionen. Wir konzentrieren uns auf den animierten und realen Family-Entertainment-Film. Zusätzlich arbeiten wir intensiv an der Produktion romantischer Komödien für ein älteres weibliches Publikum. Und natürlich gibt es noch unsere Kooperation mit X-Filme, die gerade um mindestens drei Jahre verlängert wurde. Wir haben alles in allem gute Aussichten, auch weiter zu wachsen.
Quelle: Blickpunkt:Film
Mit einem Abo können Sie diesen Artikel kommentieren.
Hollywood, 24.05.2012, 09:09
Cannes, 24.05.2012, 07:15
Berlin, 24.05.2012, 11:08
24.05.2012, 10:33
Hamburg, 24.05.2012, 12:49
Cannes, 23.05.2012, 00:17
München, 23.05.2012, 15:19
München, 23.05.2012, 11:14
Cannes, 23.05.2012, 11:52
Hamburg, 23.05.2012, 13:45
München, 21.05.2012, 08:27
New York, 21.05.2012, 15:53
Berlin, 21.05.2012, 10:49
München, 18.05.2012, 14:45
Cannes, 23.05.2012, 00:17
Der Diktator
Dark Shadows
Der Diktator
Dark Shadows
Noch kein Kommentar vorhanden.