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Toronto, 13.09.2017, 11:50  Blickpunkt:Film | Festival

TORONTO Tag 4 & 5: Oscar-Kandidaten

Kam, sah und nahm Toronto im Sturm: "Shape of Water" (Bild: Fox) Großansicht
Kam, sah und nahm Toronto im Sturm: "Shape of Water" (Bild: Fox)
Der Gewinner von Venedig ist endlich auch in Toronto gelandet, nachdem er zuvor schon in Telluride die Zuschauer verzückt hatte, zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht mit dem Zusatzgewicht eines Goldenen Löwen ausgestattet war. In Toronto war es nun der Film, auf den alle gewartet haben, weil er perfekt in das klassische TIFF-Narrativ: In Toronto werden die künftigen Oscar-Gewinner gemacht. Was natürlich wahr ist: Seit 2008 lief jeder Gewinner des Academy Awards für den besten Film auf dem Festival, der letztjährige Sieger, "Moonlight Clip", war sogar eine Weltpremiere und nicht zuvor in Venedig und/oder Telluride gelaufen. Die Chancen sind grundsätzlich also ganz gut, auch wenn man natürlich auch die neuen Filme von Richard Linklater und Woody Allen (Weltpremieren beim Filmfestival in New York) sowie Steven Spielberg und Clint Eastwood, die im Dezember an den Start geschickt werden, abwarten muss.

Zunächst war Toronto natürlich gespannt auf "The Shape of Water" von Guillermo Del Toro, der nicht nur mit dem Goldenen Löwen sondern auch auf einer Woge der Begeisterung mit Umweg über Telluride in Kanada ankam. Und die Erwartungen erfüllte: Für die beiden parallelen Pressevorführungen waren die Schlangen schier endlos, so viele Journalisten kamen nicht ins Kino, dass noch einmal zwei weitere Vorführungen angesetzt wurden für diese intensive und hoch romantische "Schöne und das Biest"-Variante, eine Liebende-auf-der-Flucht-Geschichte, wie sie das Kino vermutlich noch nicht gesehen hat. Fox Searchlight hat einen sicheren Oscar-Kandidaten an der Hand, wobei unklar ist, wie Academy auf diesen so originellen und ungewöhnlichen Film reagieren wird.

Margot Robbie ist eine Wucht in "I, Tonya" (Bild: TIFF) Großansicht
Margot Robbie ist eine Wucht in "I, Tonya" (Bild: TIFF)
Aber wer hat sich sonst empfohlen? Gerade wird Margot Robbie gefeiert für ihre Darstellung der notorischen Eiskunstläuferin Tonya Harding in "I, Tonya" von Craig Gillespie, der sich getraut hat, diese eigentlich zutiefst tragische Geschichte einer jungen Frau, die Zeit ihrer Kindheit von ihrer dominanten Mutter missbraucht wurde und ihr erst entkommen kann, als sie sich in einen Mann verliebt und ihn heiratet, der sie ebenfalls missbraucht, als pechschwarze Komödie zu erzählen. Aber er macht es so geschickt, dass der Humor nicht verniedlicht und schon gar nichts entschuldigt, sondernden nötigen Puffer erzeugt, damit man die Szenen einer White-Trash-Ehe überhaupt ertragen kann. In einer Art "Rashomon"-Struktur erhalten alle Beteiligten die Chance, in die Kamera ihre Sicht der Dinge zu erzählen, während sich die Handlung zuspitzt hin zu dem Moment, an dem zwei Bekannte von Hardings Ehemann ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan mit einem Polizeiknüppel so schwer an den Knien verletzen, dass sie monatelang pausieren muss. Es ist eine Sequenz wie aus einem Film aus einem Film der Coen-Brüder, eine Art Slapstick des nackten Schreckens.

Alldieweil hält "I, Tonya" bedingungslos zu seiner Titelheldin. Harding, wie sie von Robbie in einer Darstellung gespielt wird, die wohl am ehesten mit Charlize Theron in "Monster Clip" zu vergleichen ist, ist weit davon, als Heilige dargestellt zu werden. Sie ist laut, aggressiv, unangenehm, unflätig, aber Craig Gillespie gibt der von den Boulevardblättern geteerten und gefederten und an den Pranger gestellten Frau ihre Würde zurück - und er stellt sie nicht als Opfer dar. Das war sie im eigenen Leben lang genug. Und auch Margot Robbie sieht man nach diesem wilden, nach allen Seiten austeilenden Film mit anderen Augen, nicht mehr nur als die blonde Sexbombe, sondern als Schauspielerin, die sich in einem guten Jahr für Frauenrollen - Sally Hawkins in "Shape of Water", Emma Stone in "Battle of the Sexes Clip", Jessica Chastain in "Molly's Game", Glenn Close in "The Wife" oder Judi Dench in "Victoria & Abdul" Clip (und angeblich soll Kate Winslet in dem neuen Film von Woody Allen, "Wonder Wheel" Clip, wunderbar sein) - durchaus Oscar-Chancen ausrechnen kann - wie übrigens auch die gewohnt großartige Allison Janney als Tonya Hardings Mutter, jetzt schon eines der legendären Muttermonster der Filmgeschichte - "Mommie Dearest" Clip lässt grüßen.

Denzel Washington läuft als "Roman J. Israel, Esq." zu großer Form auf (Bild: TIFF) Großansicht
Denzel Washington läuft als "Roman J. Israel, Esq." zu großer Form auf (Bild: TIFF)
Auf Männerseite bringt sich einmal mehr Denzel Washington ins Gespräch, dem das Kunststück gelingt, in "Roman J. Israel, Esq." so zu spielen und sich zu bewegen, wie man es noch nie gesehen hat - eine ziemliche Leistung für einen Mann, der seit mehr als drei Jahrzehnten im Geschäft und einer der letzten verbliebenen großen Filmstars ist. Allerdings kann der Film von "Nightcrawler" Clip-Regisseur Dan Gilroy, der erst so spät ins Festivalprogramm rutschte, dass er nicht einmal im Festivalkatalog vertreten ist, nicht mit seinem Hauptdarsteller mithalten. Vielleicht auch gerade deshalb, weil er weiß, dass der Star hier die Show ist, und ihm entsprechend viel Raum gibt, das Porträt dieses eigenwilligen Rechtsanwalts zu formen, ein Mann, der aus der Zeit gefallen scheint: Seit den Siebzigern hat er seinen Afro nicht abgelegt, an der Wand seines Wohnzimmers hängen Bilder von ungebeugten Black-Power-Ikonen, und er hört auf seinem iPod kämpferische Funkhymnen von Marvin Gaye, Eddie Kendricks oder Jimmy Castor, während er in seinem unmodischen burgunderroten Anzug mit seinem schweren Aktenkoffer durch die Straßen von Los Angeles geht, weil er keinen Führerschein hat. Um den Kampf um Israels Seele, seine Überzeugungen und seinen Idealismus geht es in dem Film. Nach dem Tod seines langjährigen Geschäftspartners, der stets vor Gericht auftrat, während der menschenscheue, an einer milden Form von Asperger zu leiden scheinende im Hintergrund die Fälle vorbereitete, wird seine Kanzlei aufgelöst, und Israel muss erstmals unter Menschen, wo er feststellt, dass es gar nicht so einfach ist, seinen Idealismus aufrecht zu erhalten. Was letztlich auch zu seiner Höllenfahrt führt. Wie schon "Nightcrawler" wirken die Geschichte und die Hauptfigur - bei aller Brillanz Washingtons - einen Tick zu ausgedacht, zu perfekt und rund geformt, um wirklich überzeugen zu können. Aber Washington sieht man begeistert zu. Mal sehen, wie weit er bei den Oscars kommt.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

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