Mit "Brothers Grimm" (Concorde, 6. Oktober) meldet sich Terry Gilliam nach siebenjähriger Kinopause zurück. Bei der Realisierung seines Märchenabenteuers musste er etliche Kämpfe überstehen, vor allem mit den Brüdern Weinstein.
Blickpunkt:Film: "Brothers Grimm" ist kommerzieller als die meisten Ihrer Filme. War das Absicht?
Terry Gilliam: Als wir den Dreh zu "Don Quichote" abbrechen mussten, sagte ich zu Johnny Depp: "Lass uns etwas kommerziell Erfolgreiches machen, damit wir dieses Projekt eines Tages wieder starten können." Er hat seinen Teil getan, aber ob mir das mit "Brothers Grimm" gelingt, weiß ich noch nicht. Es war eher ein Film, der von mir gemacht werden wollte. Chuck Roven, mit dem ich bei "12 Monkeys" zusammengearbeitet hatte, verfolgte mich regelrecht mit dem Drehbuch. Ich mochte es eigentlich nicht.
BF: Warum haben Sie es dann trotzdem verfilmt?
TG: Ich mochte die Grundidee von den Hochstaplern, die in eine Welt echter Magie geraten. Und meine Filme bewegen sich immer an der Grenze zwischen Fantasie und Realität. Das ursprüngliche Drehbuch war mir zu harmlos. Die Figuren waren zwei moderne Klugscheißer im alten Deutschland, die zeitgenössische Dialoge sprachen. Wir machten einen der Brüder zum Pragmatiker, den anderen zum Träumer - wie die beiden Seiten des Gehirns.
BF: Das war aber nur die erste Hürde. Danach mussten Sie sich mit den Weinsteins auseinander setzen.
TG: Am Anfang meinte ich zu Bob Weinstein: "Wir sind beide in unserem Denken unabhängig, wir haben beide auf unsere Weise Erfolg gehabt. Daher könnte unsere Ehe schwierig werden." Und das hat sich bewahrheitet. Sie wollten manche Besetzungsvorschläge nicht akzeptieren. Es gab auch viele Diskussionen über Make-up-Fragen, etwa ob Matt Damon eine gebrochene Nase haben durfte.
Matt Damon mit gerader Nase als Bruder Grimm, der einen Frosch küssen muss
Matt Damon mit gerader Nase als Bruder Grimm, der einen Frosch küssen muss
BF: Durfte er?
TG: In diesem Punkt gab ich nach. Dabei hätte er damit wie ein junger Marlon Brando ausgesehen. Aber die Weinsteins fürchteten, die Fans würden ihn auf dem Poster nicht wiedererkennen. Sie drohten deshalb, das Projekt abzublasen - einen Tag vor Drehbeginn! Eines muss ich ihnen zugestehen: Sie glauben wirklich an ihre Sache, anders als die Leute in den Studios, die nie eine feste Meinung haben. Es gab zwar viel Blutvergießen, aber letztlich erlebten wir ein Happyend. Denn am Schluss mochte jeder den Film.
BF: Mögen Sie solche Kämpfe?
TG: Ich kann darauf verzichten. Bei dem Film, den ich in der Zwischenzeit drehte, "Tideland", ging es ganz friedlich zu. Aber ein guter Kampf treibt das Adrenalin hoch und er klärt, was wichtig und unwichtig ist. Ich will einen Bereich schaffen, in dem ich und die Schauspieler arbeiten können, und den verteidige ich mit Zähnen und Klauen. Denn dieser Bereich muss sicher sein, damit wir ungestört herumspielen können.
BF: Was verstehen Sie unter "herumspielen"?
TG: Ich ermutige die Schauspieler, Risiken einzugehen und sich auch mal zum Narren zu machen. Nur so kommt etwas Interessantes heraus. Weil ich weite Linsen verwende, stehe ich dicht bei ihnen, und sie können meine Reaktionen sehen. Wenn sie lustig sind, lache ich, wenn sie tragisch sind, dann gibt es Tränen. Bestätigung ist wichtig.
Chuck Roven produzierte "Brothers Grimm" mit Mosaic Media.
BF: Hing das Schicksal von "Brothers Grimm" tatsächlich von Matt Damons Nase ab?
Chuck Roven: Sämtliche Tests für Frisuren, Make-up und Kostüme wurden von den Geldgebern überprüft. Drei Dinge fanden keine Zustimmung: die Brille für Heath Ledger, Matt Damons Koteletten und die gebrochene Nase. Terry und mir gelang es, Miramax von den ersten beiden Punkten zu überzeugen. Gleichzeitig hatten wir aber noch ein großes Budgetproblem. Wir gaben bei der Nase auf, im Gegenzug handelten wir Konzessionen bei der Finanzierung aus.
BF: Woher kamen die Geldprobleme?
CR: MGM, das den Film kofinanzieren sollte, war ausgestiegen, und Miramax wollte das Budget, das im sehr hohen achtstelligen Bereich lag, um mehrere Mio. Dollar herunterfahren. 85 Prozent davon konnten wir kürzen. Über den Rest der Summe und die Zahl der Drehtage konnten wir uns nicht einigen - bis die Sache mit der Nase kam.
BF: Ursprünglich sollte der Film schon Ende 2004 herauskommen.
CR: Wir wollten bestimmte Spezialeffekte wie die Bäume und den Wolf mechanisch herstellen. Doch das funktionierte nicht. Wir mussten alles mit Computertricks machen, was noch einmal fünf, sechs Monate dauerte. Ich hatte das erwartet, aber um Geld zu sparen, hatten wir diese Konzession gemacht. Am Schluss jedoch blieb den Weinsteins nichts anderes übrig, als noch einmal zu investieren.
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