Berlin, 16.02.2017, 11:55  Blickpunkt:Film | Festival
Thema: Berlinale 2017

TAG 7: Realität und der Traum davon

Volker Schlöndorff kehrte mit "Return to Montauk" nach Berlin zurück (Bild: Wild Bunch) Großansicht
Volker Schlöndorff kehrte mit "Return to Montauk" nach Berlin zurück (Bild: Wild Bunch)
Nachdem mit Aki Kaurismäkis "Die andere Seite der Hoffnung" Clip an Tag 6 nun auch der lange erwartete, konsensfähige nationale und internationale Kritiker- und Publikumsfavorit gefunden ist,- 3,7 von möglichen 4 Punkten in der Screen-Wertung - beherrschen Sozialrealismus und die Sehnsucht nach gelebten Gefühlen den Wettbewerb am vorletzten Tag. Für frischen Wind mit einem Schuss Surrealismus sorgt das spanische Genrestück "El Bar" außer Konkurrenz.

Die Realität hält Einzug in den Palast mit zwei Wettbewerbsfilmen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. "Colo", der vierte Beitrag einer Frau im Kampf um den Goldenen Bären, handelt von der Krise vor unserer europäischen Haustür. Die portugiesische Regisseurin Teresa Villaverde gibt mit ihrem siebten Film ihr Berlinale-Debüt. Ihre Erzählung um eine Familie - Mutter, Vater, Tochter - im krisengebeutelten Portugal könnte aktueller nicht sein. Sie legt den Finger dahin, wo es wehtut, wenn infolge von Arbeitslosigkeit die Stromrechnung nicht mehr bezahlt werden kann, das Geld für den Schulbus fehlt. Die alten bekannten Strukturen funktionieren nicht mehr, wenn außen die Wirtschaftskrise regiert. Der Vater verfällt in Depression, weil er keine Arbeit findet, die Mutter versucht, mit Doppelschichten eine Normalität aufrechtzuerhalten, die es nicht mehr gibt. Die Tochter geht längst eigene Wege und entwickelt dabei Kreativität und Überlebenswillen. Neue Konzepte sind gefragt statt der bekannten Modelle, das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander verändert sich, die Rollenverteilung gerät ins Wanken bei diesem ebenso intensiven wie radikalen Überlebens-Porträt, das dem Zuschauer 137 Minuten lang bis zu einem Ende mit vorsichtig positivem Ausblick einige Geduld abverlangt. Sozial-Realismus, aber kein Betroffenheitskino - wenn man sich einlässt, ein lohnendes Unterfangen. Die Presse reagierte gespalten, wie so oft in diesem Berlinale-Jahrgang.

"Colo" war einer von vielen Berlinale-Filmen, der zwiespältig aufgenommen wurde (Bild: Berlinale) Großansicht
"Colo" war einer von vielen Berlinale-Filmen, der zwiespältig aufgenommen wurde (Bild: Berlinale)
Ein ganz anderes Lebensgefühl teilen die Figuren in Volker Schlöndorffs "Return to Montauk" Clip. Jenseits von Alltagsnöten reflektieren die beiden Hauptdarsteller ihr Dasein in Gegenwart und Vergangenheit. Sie sind beschäftigt mit der Frage, ob sich Gefühle retten lassen über die Distanz von Ort und Zeit. Haben sie Bestand nach einer langen Zeit eines nicht zusammen verbrachten Lebens? Kann es eine gemeinsame Zukunft geben, oder ist sie nur ein Traum? Ein Traum, aus dem es ein Erwachen gibt für Schriftsteller Max Zorn. Er reist nach New York, um seinen neuen Roman vorzustellen, und trifft dort eine alte große Liebe wieder. Nach dem Drehbuch von Colm Toibin erzählt der Oscar-Preisträger, nach "Diplomatie" Clip, 2014 in einer Special Gala, wieder bei der Berlinale, eine sehr persönliche Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind dabei durchaus beabsichtigt. Laut Schlöndorff handelt es sich ausdrücklich nicht um eine Verfilmung von Max Frischs Erzählung. Gleichwohl sind Motive und Gefühle inspiriert von "Montauk". Dabei verzichtet er bewusst auf Rückblenden und strukturiert die Erzählung in die Kapitel Tag 1 bis 6. Ein filmischer Essay, der um Erinnern, die Trauer um Versäumtes, das Vergehen der Zeit kreist, dem Andenken an den bewunderten Freund Max Frisch gewidmet. Aber auch ein Film um das Klischee des berühmten, in die Jahre gekommenen älteren Mannes zwischen mehreren Frauen, die alle bestimmte Funktionen in seinem Leben erfüllen - und der am Ende als lonely wolf allein im Flugzeug über den Wolken zurück in sein Leben schwebt. Was bleibt, ist der etwas schale Nachgeschmack von versäumter Liebe, vergangener Zeit, falsch getroffenenen Entscheidungen - das sind Max-Frisch-Themen, in denen sich viele wiederfinden können. Auch Hauptdarsteller Stellan Skarsgard erzählte, dass er Züge von sich selbst und von Fehlern der Vergangenheit in der Figur des Max Zorn erkannte. Er ist die perfekte Besetzung für eine glaubwürdige Hauptfigur. Die Frauenfiguren sind allesamt gut, aber sie bleiben seltsam blutleer, gerne würde man mehr über sie erfahren. Nina Hoss glänzt als Zorns Ex-Geliebte in einer bewegenden Szene, in der sie von ihrem eigenen Leben, ihrer eigenen Liebe erzählt. Die (internationale) Presse reagierte gespalten, das Premierenpublikum feierte den Film mit freundlichem Applaus.

Alex de la Iglesia verstörte mit "El Bar" (Bild: Berlinale) Großansicht
Alex de la Iglesia verstörte mit "El Bar" (Bild: Berlinale)
Zum Abschluss des siebten Tages kam frischer Wind in den Berlinale-Palast mit dem wilden Genretrip "El Bar", der außer Konkurrenz läuft. Eine Gruppe von Menschen - zumeist als gängige Prototypen angelegt - findet sich "zufällig" in einer Café-Bar im Zentrum Madrids, als draußen zwei Gäste tödlich getroffen zusammensinken. Nach dem mysteriösen Anschlag in der Bar eingesperrt und von der Außenwelt abgeschlossen, sieht sich die Gruppe einem wahnwitzigen Überlebenskampf ausgesetzt. Jeder kann das nächste Opfer sein, jeder der Täter. In dem Mix aus Thriller, Satire und pechschwarzer Komödie versetzt Álex de la Iglesia (Silberner Löwe für "Mad Circus - Eine Ballade von Liebe und Tod") eine Gruppe in eine Extremsituation. Dabei spielt er mit der Terrorangst ebenso wie mit allen menschlichen Regungen von Zuversicht und Solidarität bis Gier und Hass, und er steigt im Wortsinn und sehr symbolisch in die Tiefen und Abgründe, ins Unterirdische und Eklige hinab. Das ist unterhaltsam und energetisch, ein Windstoß zog durch den Palast.


Quelle: Blickpunkt:Film

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