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Cannes, 19.05.2017, 11:30  Blickpunkt:Film | Festival
Thema: Festival de Cannes 2017

TAG 2: Schatten des Zweifels

"Loveless" legt die Latte hoch für kommende Titel im Wettbewerb (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
"Loveless" legt die Latte hoch für kommende Titel im Wettbewerb (Bild: Festival de Cannes)
Ist es denn überhaupt statthaft, bereits am zweiten Tag eines Festivals Zweifel zu äußern, zu vermuten, dass es sich womöglich um einen nicht ganz so brillanten Jahrgang in Cannes handeln könnte? Natürlich nicht. Aber während man den ersten Tag verbringt, die ersten Filme zu sehen, vor allem ein Gefühl für den Jahrgang zu entwickeln, mit Kollegen und anderen Leuten aus der Branche zu sprechen - was hört man, wie ist die Stimmung, welche Titel könnten sehenswert sein -, setzt sich schon einmal ein vorläufiges Bild zusammen, was die nächsten zehn Tage bringen. Und natürlich darf man sich fragen, ob Thierry Frémaux wirklich so wenig zugkräftige Titel zur Auswahl standen, dass er seine Jubiläumsausgabe mit Arnaud Desplechins irrlichterndem "Les fantômes d'Ismael" beginnen musste, oder warum es ihm nicht gelungen ist, einen einzigen Hollywood-Studiofilm an die Croisette zu bringen, dafür aber auf zwei Netflix-Produktionen zurückzugreifen, deren Siegeschancen Jury-Chef Pedro Almodóvar gleich am ersten Tag mehr oder minder zunichte machte, als er sich in einem Statement ganz klar für das Erleben von Film auf der großen Leinwand stark machte. Und was hat Cannes geritten, zwei Folgen aus David Lynchs neuer "Twin Peaks"-Serie ausgerechnet zur besten Abendzeit im großen Salle Lumière zu zeigen, von denen zumindest eine schon vier Tage vorher im amerikanischen Fernsehen lief? Da kann man schon einal kurz mit dem Kopf schütteln.

Aber dann sitzt man in der Abendpressevorführung im Salle Debussy und sieht "Loveless", den neuen Film des russischen Filmemachers Andrej Swjaginzew, und man ist wieder ein bisschen mit der (Kino-)Welt versöhnt. Zwar schwingt sich dieses erschütternde Porträt einer vergifteten Ehe und die Auswirkungen nicht nur auf das kurz vor der Scheidung stehende Paar, sondern alle Menschen in ihrem Umfeld, nicht ganz in die schwindelerregenden Höhen von Swjaginzews epischem Meisterwerk "Leviathan Clip" auf, das vor drei Jahren in Cannes mit dem Drehbuchpreis abgespeist worden war. Aber es ist allemal ein Film, dessen Drama fesselt und dessen präziser Einsatz seiner Mittel beeindruckt. Swjaginzew arbeitet auf der Höhe seiner Kunst. War "Leviathan" ein verschwenderisch gestaltetes, mit alttestamentarischer Wucht erzähltes Sittenbild der russischen Gesellschaft im Sinkflug, setzt "Loveless" den Fokus enger. Aus der Beziehung eines Paares, das sich nie wirklich liebte, nun aber nur noch unverhohlenen Hass füreinander empfindet, entwickelt sich eine Art Thriller, dessen Geheimnis im Zentrum eine so große Sogwirkung entfaltet, dass man dem bedingungslosen Film auch durch Szenen einer Ehe folgt, bei denen man eigentlich lieber wegsehen möchte.

Gleich beim ersten großen Streit zwischen Boris und Zhenya geht es an Eingemachte, um die Zukunft ihres ungeliebten zwölfjährigen Sohnes. Beide wollen ihn nach der Scheidung nicht mehr bei sich haben und auf ein Internat abschieben. Der geschockte Junge hört verborgen im Flur zu und flüchtet am nächsten Tag spurlos. Um die Suche nach ihm geht es im Rest des Films, orchestriert von einer paramilitärisch organisierten Einheit Freiwilliger, die nichts unversucht lassen, den Jungen zu finden. In einem amerikanischen Film wäre das Anlass, Mann und Frau wieder zueinander finden oder wenigstens gegenseitiges Verständnis füreinander zu entwickeln. Nicht so bei Swjaginzew, bei dem die Extremsituation eher dazu beiträgt, die beiden noch weiter zu entzweien und auch die Beziehungen zu ihren neuen Partnern in Mitleidenschaft zu ziehen. Ein Mangel an Liebe erzeugt noch mehr Mangel an Liebe in einer Welt, in der Smartphones und soziale Netzwerke allgegenwärtige Trostspender sind, während sich die Menschen selbst nichts mehr zu sagen haben, und die im Hintergrund flimmernden Nachrichten der 2012 angesiedelten Geschichte voll sind mit Beiträgen über Unruhen in der Ukraine und der Aussicht auf den laut Maya-Kalender bevorstehenden Weltuntergang. Da ist "Loveless" dann genau so unerbittlich wie "Leviathan", strenges Kino von einem Mann, den man mittlerweile einen Meister nennen darf.

"Wonderstruck" kann nicht restlos überzeugen (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
"Wonderstruck" kann nicht restlos überzeugen (Bild: Festival de Cannes)
Im Vergleich dazu ist ein anderer Meister mit seinem neuen Film nicht ganz auf der Höhe seiner Schaffenskunst. Vor zwei Jahren noch begeisterte Todd Haynes mit seiner Romanverfilmung "Carol" Clip, nun kehrt er zurück mit einer weiteren Literaturadaption, "Wonderstruck" von Brian Selznick, eine Mischung aus Roman und Comic, wie es zuvor schon "Hugo Cabret" Clip gewesen war. Tatsächlich sind sich die beiden Geschichten auch sehr ähnlich, wobei sich "Hugo Cabret" als Liebeserklärung an die Pioniere der Filmkunst besser eignete für eine filmische Aufarbeitung als dieses Stück magischer Realismus, in dem das hohe Lied auf Museen und Büchereien und die Menschen, die sie mit Leidenschaft am Leben erhalten,angestimmt wird, wenn zwei 50 Jahre voneinander getrennte Kinder, beide einsame, sich ungeliebt fühlende Außenseiter, beide gehörlos, jeweils von Zuhause ausreißen, um in New York Geheimnissen auf den Grund zu gehen, ohne deren Lösung sie ihre Leben nicht mehr weiterführen zu können glauben. Die Geschichte des Mädchen spielt im Jahr 1927, kurz vor der Geburt des Tonfilms, und Haynes erzählt sie schwarzweiß im Stil eines Stummfilms. Die Geschichte des Jungen ist 1977 angesiedelt, dem Jahr des großen Blackouts in New York, und hier findet Haynes mit seinem Kameramann eine visuelle Anmutung, die an die Filme dieser Zeit erinnert, an "French Connection" oder "Taxi Driver". Fließend springt "Wonderstruck" zwischen den beiden Erzählebenen, bis sich schließlich in einem zehnminütigen Crescendo, in dem sich Todd Haynes mit einem Puppenspiel vor seinem eigenen "Superstar" verbeugt, beide Ebenen auf nicht ganz überraschende Weise miteinander verbinden.

Dabei gelingen immer wieder Momente großer Poesie, wie man sie von dem Regisseur von "Velvet Goldmine" Clip oder "I'm Not There" Clip erwartet, dessen Herz schlägt für die Ungeliebten, die Einzelgänger, die Individualisten, die über Kreuz sind mit der Gesellschaft. Aber "Wonderstruck" ist so eingenommen von sich und seiner Absicht, die Herzen rühren zu müssen im Stile eines Steven Spielberg mit einer Art amerikanischem "Amélie Clip", dass der Film auch schlicht und bisweilen banal wirkt: So kunstvoll Haynes auch zwischen den beiden Handlungsebenen schneiden mag, es passiert oft nicht viel mehr als den Kindern dabei zuzusehen, wie sie durch die Straßen eines feindseligen New York laufen. Was mag Haynes, diesen feinfühligsten aller Filmemacher mit einem untrüglichen Gespür für Popkultur geritten haben, ausgelutschte Lieder wie "Space Oddity" von Bowie oder "Fox on the Run" von Sweet einzusetzen oder eine wichtige weibliche Figur zu Beginn des dritten Akts zu den Klängen von Eumir Deodatos Jazzfunk-Version von "Also sprach Zarathustra" auftreten zu lassen. Wirklich? Auch sonst bleibt nicht viel der Fantasie des Zuschauers überlassen, dem alles minuziös erklärt wird, was doppelt schwer wiegt, wo es sich doch um einen Film handelt, der doch von der Macht des Wunders und der Fantasie erzählt.

Dass bei der Pressevorführung in Cannes bei der Einblendung des Amazon-Studios-Logos kräftig gebuht wurde, ist auch noch eine Anmerkung wert: Die Grabenkämpfe zwischen Kino und Streamingdiensten gehen weiter. Wobei es hier die Falschen trifft, wie Todd Haynes auch in der Pressekonferenz klarstellte: Amazon Studios würden von Liebhabern des Kinos und wahren Cineasten betrieben, die sich auch klar für das klassische Auswertungsmodell stark machten: Amazon bringt seine Filme ganz regulär ins Kino, bevor die weitere Auswertung via Amazon Prime stattfindet.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

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