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Cannes, 13.05.2015, 22:47  Blickpunkt:Film | Festival
Festival de Cannes 2015 Thema: Festival de Cannes 2015

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Harter Tobak: "La tête haute" (Bild: Les Films du Kiosque) Großansicht
Harter Tobak: "La tête haute" (Bild: Les Films du Kiosque)
Das 68. Festival de Cannes ist eröffnet. Wie von Thierry Frémaux angekündigt, markierte der Eröffnungsfilm in diesem Jahr eine Abkehr von den Glamourstarts der letzten Jahre: "La tête haute" von Emmanuelle Bercot hat zwar Catherine Deneuve und Benoît Magimel in zwei tragenden Rollen, bietet aber leidenschaftliches Sozialkino. Die schnörkellos und kompromisslos Geschichte eines Jugendlichen auf der schiefen Bahn, um dessen Zukunft eine engagierte Jugendrichterin und ein Sozialarbeiter aufopfernd kämpfen, erinnert sofort an vormalige Cannes-Gewinner, nämlich "Das Kind" Clip von den Dardenne-Brüdern und "Die Klasse" Clip von Laurent Cantet. Vor allem aber ist eine gerade Linie von diesem mit fast journalistischer Präzision festgehaltenem Porträt einer verkorksten Jugend zu "poliezei" Clip von Maiwenn zu ziehen, der 2011 in Cannes im Wettbewerb gelaufen war und den Bercot geschrieben hatte: Beide Filme zeigen ungeschminkt soziale Missstände, sind aber nicht an Anklage interessiert, sondern hinter den menschlichen Schicksalen hinter den Schlagzeilen. Gleichermaßen interessiert sich Bercot für den Jungen Malony, der auf die Ablehnung seiner überforderten Mutter und einen Mangel an Zuneigung mit unkontrollierter Wut reagiert, wie die Menschen, die ihm aller Widerstände zum Trotz helfen wollen, sein Leben in den Griff zu bekommen. Das ist oftmals harter Tobak: Über weite Strecken ist das Gesicht der von dem Laien Rod Paradot in seinem Schauspieldebüt absolut überzeugenden Hauptfigur eine in Aggression gegossene Grimasse: Selbst wenn er schreibt, ist die Faust des Jungen geballt. Aber da sind immer wieder kleine Momente menschlicher Regung, verletzten Stolzes und unendlicher Traurigkeit, die klarmachen, dass die harte Schale nur schützen soll vor weiterer Verletzung und Ablehnung. Der Film sieht der Entwicklung nüchtern zu, er verfolgt die Fortschritte und Rückschläge. Und er stellt seine Figuren nicht bloß. Wenn Malony den Film schließlich mit - der Titel sagt es - erhobenem Haupt verlässt, lässt sich das nach den vergangenen harten 120 Minuten fast als Happy End werten.

Die Presse bekam am ersten Tag gleich noch zwei weitere Filme zu sehen, die offiziell erst am morgigen Donnerstag an den Start gehen. Der japanische Filmemacher Hirokazu Kore-eda ist zwei Jahre nach seinem Wettbewerbserfolg "Like Father, Like Son" Clip, der den Preis der Jury gewann, wieder in Cannes mit "Our Little Sister Clip", der die bekannten Themen des Regisseurs einmal mehr aufgreift. Wieder einmal geht es ihm um einen Blick auf eine unkonventionelle Familienkonstruktion, wieder lässt sich die Prämisse des Films in einem griffigen High-Concept-Satz zusammenfassen: Drei erwachsene Schwestern nehmen nach dem Tod des Vaters, der die Familie wegen einer anderen Frau verlassen hatte, ihre 15-jährige Halbschwester bei sich auf. Eingerahmt von zwei Beerdigungen, verfolgt der Film seine Figuren mit sanfter Hand und tiefer Menschlichkeit bei ihrem Alltag, legt nach und nach die Dynamik in den Beziehungen der Frauen offen: Es wird tief in die Seelen geschaut, es wird viel gekocht, und ganz unmerklich schält sich auch ein dramatischer Kern heraus: die Unfähigkeit der drei älteren Schwestern, ihre Vergangenheit und die Abwesenheit des Vaters hinter sich zu lassen. Aber wie bei Kore-eda üblich, ist sein Blick versöhnlich. Entsprechend verbringt man gerne Zeit mit dem Film. Allerdings ist er nicht so effektiv und emotional packend wie der Vorgänger.

Einen ziemlich schrägen Film hat Matteo Garrone abgeliefert, der zuletzt mit seinem Vorgänger "Reality" 2012 in Cannes war und den Großen Preis der Jury gewinnen konnte - einer von drei italienischen Beiträgen im Wettbewerb. Mit einem internationalen Starensemble besetzt, zu dem Salma Hayek, Vincent Cassel, John C. Reilly, Toby Jones und Alba Rohrwacher gehören (auch wenn manche von ihnen Auftritte haben, die kaum länger als zwei Minuten sind), nimmt sich Garrone in "Tale of Tales Clip" auf ziemlich unkonventionelle Weise dreier Märchen von Giambattista Basile an, die in drei benachbarten Königreichen angesiedelt sind. Das wirkt dann oft, als würde man einem tschechischen Märchenfilm für Erwachsene beiwohnen. Denn es werden nicht nur wundersame Geschichten erzählt mit Ungeheuern, Ogern, Hexen und verwunschenen Wäldern, sondern auch mit bizarrer Gewalt und hemmungslosem Sex gewürzt. Ein bisschen fühlt man sich an Valerian Borowczyks "Unmoralische Geschichten" erinnert oder auch an Pasolinis "Erotische Geschichten aus 1001 Nacht", aber letztlich bleibt man doch ein wenig ratlos zurück: "Tale of Tales" hat starke Bilder und große Momente, aber so recht wollen sich die disparaten Teile doch nicht zu einem Ganzen fügen.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

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