München, 17.04.1998, 00:00  Blickpunkt:Film

Soundtracks auf Erfolgskurs

Bereits die Pioniere des Kinofilms wußten um die emotionale Wirkung von Musik. So sollte sie nicht nur die störenden Abspulgeräusche der Filmrolle übertönen, sondern auch die Aussagekraft der stummen Bilder erhöhen. Das Konzept hat sich bis heute bewährt, doch längst steht nicht mehr nur allein der sinnlich-ästhetische Aspekt im Vordergrund.

Deutscher Soundtrack auf ungebremstem Erfolgskurs: "Comedian Harmonists"
Deutscher Soundtrack auf ungebremstem Erfolgskurs: "Comedian Harmonists"  
Begann die Branche bereits in den fünfziger Jahren, Soundtracks auf Schallplatten zu verkaufen, so ist Filmmusik inzwischen ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor bei der Finanzierung von Filmprojekten. Auch in Deutschland wächst unter den Filmschaffenden die Zahl derer, die die Notwendigkeit eines guten Soundtrack-Albums einsehen. Daß mit Soundtrack-CDs gutes Geld zu verdienen ist, bewies unlängst Katja von Garniers Film "Bandits" Clip, der im Kino die Erwartungen nicht erfüllte, dessen Filmmusik sich indes über 250.000 Mal verkaufte. Ebenso erfolgreich hält sich der Soundtrack zu "Comedian Harmonists" Clip nach wie vor in den Charts. Nicht zuletzt ist das Oscar-gekrönte "Titanic" Clip-Werk auch deshalb der erfolgreichste Film aller Zeiten, weil James Horners Filmmusik und Celine Dions Hitsingle - der Kinoerfolg bekam jeweils einen Oscar für die beste Originalmusik und den besten Originalsong - nahezu 15 Mio. Zuschauer begeistert. Über 800.000 CDs hat Sony Music bisher in Deutschland verkauft, und in den internationalen Charts steht "Titanic" seit Februar an der Spitze. Dabei kommt der Branche ein Erfolg wie James Camerons Untergangsepos gerade recht. Mit 1,7 Prozent Umsatzanteilen im Soundtrack-Bereich im vorletzten Jahr und einem kaum verbesserten Ergebnis 1997 hat sich das Geschäft im Vergleich zu den beiden Vorjahren fast um die Hälfte verschlechtert, obwohl die Besucherzahlen stiegen.

Andrea Rothaug vom Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg führt die schlechten Zahlen auf das Fehlen großer Filme zurück. Tanja Schäfer von der Colosseum Schallplatten GmbH in Nürnberg ist sich sicher, daß das Repertoiresegment Soundtrack eine große Zukunft hat: "Der Riesenerfolg von 'Titanic' gibt dem gesamten Soundtrack-Geschäft einen gehörigen Auftrieb", meint die Mitarbeiterin der seit über zehn Jahren auf den Vertrieb von Soundtrack-CDs spezialisierten Firma, die sich mit über 900 Titeln im Programm zu den international größten Anbietern zählt. Der Markt boomt, doch werden inzwischen auch kritische Stimmen in der Branche laut, die die Zweckmäßigkeit vieler CD-Publikationen anzweifeln. Nicht nur die Qualität der Musik sei oftmals mehr als dürftig, viele Filmprojekte eigneten sich einfach nicht für eine Soundtrack-Vermarktung. Dennoch werde immer wieder versucht, die enorm gestiegenen Produktionskosten auf diese Weise aufzufangen. In der Hoffnung auf ein gutes Geschäft komme inzwischen fast zu jedem Film das entsprechende Album auf den Markt. Davon seien aber gerade einmal 20 bis 30 Prozent sinnvoll, meint Schäfer.

Potential in Deutschland noch unterschätzt

Unbestritten bleibt, daß ein großes Bedürfnis nach guten Soundtrack-CDs vorhanden ist. Seit der Entstehung großer Multiplexe wächst auch die Nachfrage in Deutschland, ermöglichen diese mit modernster Tonklangtechnik ausgestatteten Kinosäle doch ein erstklassiges Hörerlebnis. Zweifelsohne macht der exklusive Sound den Zuschauer für Filmmusik empfänglicher als es bei herkömmlichen Klangsystemen der Fall ist. In der Konsequenz spielt Musik auch in der Entwicklungsphase des Films eine weitaus größere Rolle. Doch nur langsam freunden sich Filmschaffende hierzulande mit der neuen Situation an.

Klaus Frers, Gründer und Geschäftsführer der Agentur "Daydream", verteidigt die Zunft: "Regisseure denken in visuellen und oft nicht in akustischen Bildern", erzählt der ehemalige DJ und heutige Musik-Supervisor. "Deshalb haben sie oft Schwierigkeiten, die dramaturgischen Möglichkeiten von Musik vollständig einzusetzen, wie beispielsweise Spannung aufzubauen und Figuren emotional aufzuladen." Seit sieben Jahren hilft Frers Regisseuren, die richtigen Entscheidungen im musikalischen Bereich zu treffen. Über 200 Projekte, darunter "Manta - der Film", "Stadtgespräch" und "Widows", hat der ehemalige Geschäftsführer eines BMG-Labels bis jetzt musikalisch betreut. Gerade in Arbeit sind Detlev Bucks "Liebe Deinen Nächsten", Tom Tykwers "Lola rennt" und Sönke Wortmanns "St. Pauli Nacht". Zu seinem Aufgabengebiet gehören dabei auch juristische Beratungen sowie das Vermitteln zwischen Regisseur und Produzent auf der einen Seite und Plattenfirmen beziehungsweise Komponisten auf der anderen Seite.

Daß die Firma Daydream in dieser ganzheitlichen Form konkurrenzlos in Deutschland agiert, zeigt, daß das musikalische Potential eines Films noch immer unterschätzt wird. Allerdings machen es die deutschen Tonträgergesellschaften den Filmschaffenden in Deutschland auch nicht gerade leicht. "Deutschland ist mit Abstand das teuerste Land im Handel mit Tonträgereinschneidungs - oder Synchronisationsrechten", klagt Frers und spricht von einer selbstzerstörerischen Art der ganzen Szene.

In der Konsequenz bleiben Filmschaffenden oftmals keine anderen Möglichkeiten, als im Ausland zu produzieren, wie es beispielsweise bei der spanisch- deutschen Produktion "Airbag" der Fall war. Der Film wurde in Spanien produziert, wo die Musikrechte im Vergleich zu Deutschland laut Frers um einiges günstiger sind. Nur ein Drittel des Betrages, der hierzulande angefallen wäre, mußte letztendlich dort gezahlt werden.



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