München, 28.04.2006, 10:04  Blickpunkt:Film

"Sophie Scholl" unter der Lupe

Als anschauliches Beispiel für eine innerdeutsche Koproduktion, die nach komplett deutscher Finanzierung auch international zum Erfolg wurde, stand "Sophie Scholl Clip" im Mittelpunkt des ersten Tages des MBA-Workshops "Spielfilm und Koproduktion". Bereits am Vormittag wurden rechtliche Aspekte und die Kofinanzierung mit dem Bayerischen Rundfunk analyisiert, knapp 80 Branchenvertreter folgten auch am Nachmittag den Ausführungen zu Finanzierungsstrategien, Verleihkooperationen und internationalem Vertrieb des Oscar-nominierten Films.

"Der Film kann sich zu den glücklichen Produktionen zählen, bei denen aus eigenen Mitteln und Fördermitteln finanziert wird", so Ulrich Fuchs von Schwarz Kelwing Wicke Westpfahl, der die Finanzierung von Sophie Scholl begleitete. Die klassische Finanzierungsstrategie für das Drei-Mio.-Euro-Budget wurde vor allem durch Koproduktionsbeiträge, Rückstellungen (zu denen auch Referenzmittel zählten), Verleihgarantien und Förderungen gestemmt. Etwa 650.000 Euro kamen vom FFF Bayern, als Koproduzenten schoss der Bayerische Rundfunk eine Million Euro zu. Arte, SWR, FFA und BKM waren weitere Finanzierungsquellen, auch X Verleih und Bavaria Film International gaben Garantien. Die anfängliche Budgetplanung von 1,5 Millionen Euro wurde durch die Berlinale endgültig gesprengt. Das Kammerspiel wurde mit teilweise digitalen Außenaufnahmen international wettbewerbsfähig gemacht. Notwendige Banksicherheiten dafür wurden mit Hilfe des "Vaterkonzerns" von Goldkind, TV60, realisiert. An größere Firmen anzudocken, um Bankensicherheiten zu bekommen, empfehle sich für alle kleinen Produktionen.

Auch die Vereinbarung eines "Korridors" mit dem X-Verleih, der eine frühzeitige Beteiligung der Produktion an den Erlösen ermöglichte, sicherte die Kapitalisierung von Goldkind. Aufgrund von Screening-Ergebnissen, so X-Verleih-Chef Anatol Nitschke, hätte man auf eine zweiteilige Kampagne gesetzt, bei Schülern und über 30-Jährigen. Bei 1,13 Mio. Kinozuschauern wären deshalb - außergewöhnlich hoch - ungefähr ein Drittel Schüler gewesen. Das "Erfolgsgeheimnis" von X-Verleih sah Nitschke im Austausch mit den Kreativen: Nach einer ersten "unrealistisch dicken Drehbuchfassung" habe sich Sophie Scholl selbstständig in die gewünschte Richtung entwickelt.

Das P&A-Budget erhöhte sich nach dem Berlinale-Erfolg auf insgesamt 1,4 Mio. Euro, dazu kamen Media-Leistungen in Form von öffentlich-rechtlichen Werbespots im Gegenwert von 400.000 Euro. "Ein absolut relevantes Vorkostenbudget für einen deutschen Film", so Nitschke weiter. Wichtig für die Kampagne sei es gewesen, nicht nur das Drama, sondern auch Unterhaltung zu verkaufen. "Keine falsche Fährte", so Nitschke, aber eine Modernisierung des Stoffs statt Betonung der Nazi-Zeit. Mit dem Bärenerfolg sei "Sophie Scholl" schnell in die meisten Territorien verkauft worden, so Thorsten Ritter von Bavaria Film International. Als Weltvertrieb müsse man Arthouse-Verleiher oft gewähren lassen, die Spaß hätten an ihrer eigenen Kampagne. So wurde der Film im Ausland stärker unter dem Nazi-Aspekt verkauft, besonders auch in den USA, wo der Film erst gekauft wurde, als sich die Oscar-Nominierung abzeichnete. Insgesamt eine Erfolgsgeschichte, die auch ein "Quentchen Glück" erforderte. Darunter fällt auch das außergewöhnliche Engagement der Produzenten, wie Christoph Müller von Goldkind berichtete: "Wir haben richtig investiert. Wenn der Film gefloppt wäre, wäre unser Risiko eingetreten."

Quelle: Blickpunkt:Film

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