Ivola, 23.02.2018, 14:57  Blickpunkt:Film | Produktion

"Scandi Blanc" - Über die Dreharbeiten zu "Arctic Circle"

Mit der deutsch-finnischen Koprduktion "Arctic Circle", die gerade unter der Regie von Hannu Salonen in Lappland gedreht wird, betreten alle Beteiligten Neuland. Für die finnischen Partner der Bavaria ist es die erste Serieneigenproduktion überhaupt.

Am Set von "Arctic Circle" in Lappland (Bild: Elisa Viihde/Yellow Film) Großansicht
Am Set von "Arctic Circle" in Lappland (Bild: Elisa Viihde/Yellow Film)
Die weiße Winterpracht in der kupfergoldenen Nachmittagssonne bei kuscheligen -15 Grad auf dem 438 Meter hohen Gipfel des Kaunispää hat etwas Erhabenes. Verschneite Tannenwälder soweit das Auge reicht, hier und da ein gefrorener See. Sonst nichts. Im fernen Lappland, jenseits des Polarkreises im Norden Finnlands entsteht derzeit etwas Einzigartiges. "Arctic Circle" - die erste deutsch-finnische oder besser finnisch-deutsche Serienkoproduktion. Die erste Serie überhaupt, die in Lappland gedreht wird. Und dass es sich dabei um etwas ganz Besonderes handelt, mag man gerne glauben, an einem Ort, wo die Väter und Mütter ihre Töchter Kirsikka, auf Deutsch Kirsche, taufen, wo die Menschen schon mal 300 Kilometer unterwegs sind, um sich mit Alkohol einzudecken und wo, so war zu erfahren, eine Verabredung zum ersten Date impliziert, dass man auf jeden Fall über Nacht bleibt. Der langen Strecken wegen. Ein Ort übrigens, nicht allzu weit entfernt von Inari, wohin Peter Lichtefeld in seinem wunderbaren Roadmovie "Zugvögel" Clip im Jahr 1997 den wunderbaren Joachim Krol schickte. Aber das war ja im Sommer.

Jetzt im Februar 2018 ist natürlich alles viel extremer. Tags zuvor war es -30 Grad kalt und ein grimmiger Wind peitschte über das Fjell. Für Regisseur Hannu Salonen, in Finnland geboren, mit 19 nach Deutschland gezogen, seit mehreren Jahren am Bodensee lebend und im deutschen Fernsehen dank diverser "Tatorte", der Schirach-Serie "Schuld" oder den "Toten vom Bodensee" eine feste Größe, ist der drei Monate anhaltende Lappland-Dreh ein Abenteuer, bei dem er nach zwei Drehtagen noch nicht weiß, was alles auf sein Team zukommt. "Das ist für alle Neuland und daher ein Abenteuer, bei dem es zum Teil um ganz banale Sachen geht. Halten die Kabel in der Kälte oder brechen sie. Funktionieren die Kameras noch bei -35 Grad. Wir wissen es noch nicht und ich finde gerade heraus, wie sich diese extremen Bedingungen auf die Regieführung auswirken." Auf jeden Fall rührt aus ihnen eine Energie, die man den Schauspielern und dem ganzen Team anmerkt. "Das macht ja auch die ganze Serie aus. Temperatur, Landschaft, Setting. So gesehen ist Lappland einer der Hauptdarsteller."

Neuland betritt im Grunde jeder der Beteiligten, deren Zusammensetzung hoch interessant ist. Elisa Viihde ist der Hauptauftraggeber. Kein Sender, sondern die führende digitale Entertainment Plattform in Finnland, die 300.000 Haushalte mit einer breiten Auswahl an einheimischen und Hollywoodfilmen, Serien, exklusiven Fernsehsendungen und Sportübertragungen erreicht. "Für uns ist 'Arctic Circle' die erste eigenproduzierte Serie und daher ein ganz besonderes Programm", erzählt Ani Korpela, Head of Content. Und gegen die Konkurrenz von Netflix und Konsorten will man sich mit Eigenproduktionen wappnen. YLE, der öffentlich-rechtliche Rundfunk aus Finnland, fungiert als Partner von Elisa für die Zweitverwertung auf dem heimischen Markt.

Finnischer Produzent ist Yellow Film & TV, nach eigenen Angaben das größte unabhängige Produktionsunternehmen in Skandinavien, mehrfach preisgekrönt, auch mit dem Jussi, dem finnischen Pendant zur Lola. Zum Portfolio gehören zahlreiche Filme, aber auch Comedy-, Entertainment und Sportformate. "'Arctic Circle' hat für uns eine ganz besondere Bedeutung. Das Budget ist zwei- bis dreimal so hoch wie sonst bei finnischen Produktionen. Wir wollen damit das nächste Level erreichen", so Milla Bruneau, Executive Producer von Yellow Film.

Dass Bavaria Fiction mit an Bord ist, liegt in erster Linie an Regisseur Hannu Salonen, beziehungsweise an dessen gemeinsamer Vergangenheit mit Bavaria-Produzent Moritz Polter. Als dieser noch bei Tandem Productions war, arbeitete er mit Salonen sehr eng bei der internationalen Crimeserie "Crossing Lines" zusammen. "Wir hatten uns da kreativ sehr gut verstanden, erinnert sich Polter. Salonen pitchte "Arctic Circle" zu der Zeit, als er in München war und sich um den Schnitt der zweiten "Schuld"-Staffel kümmerte. Salonen warb auch bei Yellow Film für die Bavaria Fiction als Produktionspartner. Bei der Messe Content London kam es im Dezember 2016 zum ersten Kontakt mit Yellow Film in Person von Produzent Olli Haikka, der das Projekt aus der Produzentenperspektive pitchte. Das erste Drehbuch und die skizzierte Storyline gab es da schon zu lesen. "Das hat uns wirklich überzeugt. Und da wir kreativ-inhaltlich noch richtig mitentwickeln konnten, wollten wir das Projekt auf jeden Fall machen."

Regisseur Hannu Salonen, Maximilian Brückner, die Produzenten Moritz Polter und Milla Bruneau, Clemens Schick (Bild: Bavaria Fiction/Fedyk) Großansicht
Regisseur Hannu Salonen, Maximilian Brückner, die Produzenten Moritz Polter und Milla Bruneau, Clemens Schick (Bild: Bavaria Fiction/Fedyk)
Als die Bavaria einstieg, gab es noch eine größere Finanzierungslücke. Diese konnte unter der Miteinbeziehung von Lagardère geschlossen werden. Ein "sehr guter Weltvertrieb, der mit einer sehr ordentlichen MG (Anmerkung: Minimum Garantie) einstieg", so die Einschätzung von Moritz Polter, über den die Verhandlungen mit dem in Paris sitzenden Unternehmen liefen. Das Budget, für dessen Hauptteil Elisa aufkommt, liegt bei rund sechs Mio. Euro. Die Rolle von Bavaria Fiction fasst Polter folgendermaßen zusammen: "Wir sind kreativer Partner, der inhaltlich bei den Drehbüchern und der Besetzung involviert ist. Zudem haben wir Gespräche mit internationalen Sendern und Vertrieben geführt."

Bei Lagardère vermutet man hinter "Arctic Circle" gewaltiges Potential auf dem internationalen Markt und betrachtet es als perfekte Ergänzung des eigenen Line-Ups. "Wir sehen uns nicht als reinen Vertrieb französischer Produktionen, sondern als Vertrieb europäischer Produktionen", erläutert Emanuelle Bouilhaguet. "In den letzten Jahren haben wir unsere Aktivitäten auf viele weitere Länder wie Irland, Belgien, Polen, die Ukraine oder Italien ausgedehnt. Was uns noch fehlte war Finnland", sagt sie mit Augenzwinkern. "Zahlreiche nordische Serien kommen aus Schweden, Dänemark und Norwegen. Aber mit "Arctic Circle" könnte nun Finnland der nächste große Hit werden." Und ihr Kollege Frédérik Rangé hat bereits das passende Label parat. "Wir betrachten 'Arctic Circle' als Scandi Blanc." Und damit spielt er nicht nur auf die verschneite Winterlandschaft an. "Die Serie ist mainstreamiger, mit mehr Emotion im Vergleich zu vielen Scandi Noir-Produktionen." Und Moritz Polter traut "Arctic Circle" eine Türöffner-Funktion für Finnland als Koproduktionspartner zu. "Ich denke schon, dass Finnland durch diese Produktion auf die map kommen kann."

Nun wäre fast auf der Strecke geblieben, um was sich der "Arctic Circle" dreht: Die von Joona Tenna, dem Isländer Jón Atli Jonasson und Olli Tola ersonnene Geschichte handelt von einer Polizisten in Lappland (gespielt vom finnischen Superstar Iina Kuustonen), die eine halbtote Prostituierte auffindet. Der Kriminalfall erhält eine völlig neue Dimension als man in der Blutprobe des Opfers ein tödliches Virus entdeckt. Ein Multimillionär und Chef eines Pharmakonzerns (gespielt von Clemens Schick) finanziert die Reise eines deutschen Virologen, gespielt von Maximilian Brückner, nach Lappland, damit dieser die Untersuchungen in diesem mysteriösen Fall unterstützen kann. Viel mehr, wurde über den Inhalt noch nicht preis gegeben, aber dass sich daraus eine Geschichte mit Sogkraft entwickeln könnte, zeigten die ersten Muster, die vom in Helsinki abgehaltenen ersten Drehabschnitt im Herbst/Winter 2017 bereits zu sehen waren.

Für Hannu Salonen macht die Kombination aus dem Lappland-Setting mit einer guten Genremischung, einem großen Dramaanteil und starken Charakterbögen das Besondere von "Arctic Circle" aus. "Es gibt eine sehr smart geschriebene Hintergrundgeschichte - völlig up to date. Eine Mischung, die ich als Zuschauer lieben würde und so auch noch nicht gesehen habe."

Polter ist wiederum davon überzeugt, dass "Arctic Circle" auch deshalb etwas Besonderes wird, "weil es von Menschen produziert wird, die alle eine Vision teilen." Ohne Presale, also ohne deutschen Senderpartner an der Seite, sei das leichter der Fall. Diese gemeinsame Vision macht er an verschiedenen Faktoren fest: Die Serie soll finnisch wirken und nicht wie ein internationaler Mischmasch. Sie soll sich durch eine ganz eigene Atmosphäre auszeichnen, für die Hannu Salonen mit seiner erkennbaren Handschrift steht. "Er hat eine eigene Art der Schnittgeschwindigkeit und ist in dem, was er tut, manchmal fast mystisch. Das passt zu dem Stoff", so Polter. Bei der Bildegestaltung fiel die Wahl auf Gusse Gustafsson, einen jungen Finnenn. "Er dreht mit relativ wenig Licht und hat daher auch visuell sehr viel anzubieten. Eine eigene Form- und Farbsprache, die alle Partner überzeugte." Und ein weiterer wichtiger Punkt für eine gemeinsame Vision: Bei der Besetzung redeten die Finnen nicht den Deutschen, und die Deutschen nicht den Finnen hinein.

Bleibt die spannende Frage, wo man "Arctic Circle" in Deutschland zu sehen bekommt. Obwohl es bei ARD und ZDF Programmslots für internationale Crimeserien gibt, findet Moritz Polter nicht, es müsse unbedingt ins Free TV kommen. "Wir sprechen von horizontal erzähltem Fernsehen und es gibt Anfragen von Plattformen und von öffentlich-rechtlichen Sendern. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass es mehrere Windows gibt." Polter hofft auf eine Entscheidung vor der Mipcom im Oktober. Elisa plant die Ausstrahlung im Dezember. "Es wäre schön, wenn man in Deutschland parallel oder zumindest fast parallel damit herausgehen könnte." Dank des deficit financings ist die Bavaria in einer komfortablen Position. Und in der Branche werde man dank "Arctic Circle" spürbar anders wahrgenommen.

Und zum Abschluss nochmal Hannu Salonen in einer ganz essentiellen Frage: Wie ist das mit dem Polarlicht? "Wir hoffen auf Polarlichter und wir werden sie auch bekommen. Und wenn nicht, dann machen wir uns welche." Frank Heine

Frank Heine

NACHGEFRAGT BEI MAXIMILIAN BRÜCKNER

Im vergangenen Jahr sorgte der Münchner Schauspieler als Luther und als drogensüchtiger ?Hindafing?-Bürgermeister für Aufsehen. Vor ?Arctic Circle? drehte Brückner u.a. den Kinofilm ?Das schönste Paar? von Sven Taddicken und den RAF-Zweiteiler ?Der Mordanschlag?.  (Bild: Elisa Viihde/Yellow Film/Bavaria Fiction ) Großansicht
Maximilian Brückner spielt den Virologen Thomas Lorenz (Bild: Elisa Viihde/Yellow Film/Bavaria Fiction )


Was war der besondere Reiz, bei "Arctic Circle" mitzuspielen?

Ich liebe skandinavische Krimis und Thriller wie "Die Brücke". Die sind super geschrieben. Als ich das Buch von "Arctic Circle" gelesen habe, dachte ich: großartig. Die Idee, einen Virus zu konstruieren, der spezielle Populationen angreift, erscheint mir fast schon real. Deshalb glaube ich auch, dass das Thema zieht. Das fühlt sich nicht wie ein fernes Zukunftsszenario an, zu dem man keinen Bezug hat.

Wie fühlt sich denn das Drehen am Polarkreis an?

Wir haben jetzt nach sechs Wochen Helsinki den ersten Tag in Lappland gedreht. Ich dachte eigentlich, ich sei in der Serie der männliche Hauptdarsteller. Hauptdarsteller Nummer eins ist aber da draußen die Natur Lapplands. Die Kälte, die einem da entgegen schlägt, ist ein wesentlicher Teil dieser Produktion und in der Kombination mit dem hochspannenden Drehbuch, macht es das Besondere von "Arctic Circle" aus. Aber ich liebe diese extremen klimatischen Verhältnisse. Wir hatten minus 35 Grad, ein heftiger Wind ging und ich musste zwei Minuten lang meinen kleinen Finger in den Mund stecken, damit ich da irgendwie wieder ein Gefühl rein bekomme.

Wie ist es für Sie auf Englisch zu drehen? Ist das eine große Umstellung?

Mein Englisch war zunächst ziemlich schlecht. Letztes Jahr im Sommer, bei den Dreharbeiten zu "Schwarzach 23" habe ich mich mit meiner Kollegin Marlene Morreis in den Pausen auf das Casting für "Arctic Circle" vorbereitet. Wir Deutschen sprechen Englisch auf den Punkt, halt sehr deutsch. Das Englische geht aber immer nach oben und kommt mir wie eine Singsprache vor. Das weicht von der Mentalität, wie ich gelernt habe, Texte zu sprechen, stark ab. Es ist nicht nur eine andere Sprache, es ist auch eine andere Art zu sprechen. Ich habe dann in der Vorbereitung ganz viele Serien nur noch auf Englisch angeschaut.

Sie spielen einen Virologen, haben Sie sich darauf besonders vorbereitet?

Nein. Ich versuche, diesen Professor so normal wie möglich zu spielen, als Typ der zupacken kann und auf keinen Fall irgendwie hochgestochen und theoretisch. Ich habe versucht, diesen Typen auf den Boden zu holen und die Vorstellung, die man von einem Professor hat, zu brechen.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Hannu Salonen?

Die macht sehr viel Spaß. Ich habe mit Hannu schon drei Saarland-"Tatorte" gedreht. Man kann mit ihm noch wunderbar an der Rolle arbeiten, an einzelnen Sätzen feilen. Wenn man eine Idee hat, ist er dafür offen. Wenn ich etwas in einem Drehbuch als zu stereotyp empfinde, weil man es schon zu oft gesehen hat, spreche ich das an und mache einen anderen Vorschlag.

Wie erleben Sie das viel zitierte goldene Serienzeitalter?

Was in der Serienproduktion gerade vor sich geht, ist das Tollste, das uns jemals passiert ist. Verschiedene Länder mit ihren Schauspielern knallen aufeinander. Das ist hier auch der Fall. Es entsteht eine Art europäischer Film, und das finde ich sehr interessant. Da brechen gerade Dämme auf. Netflix ist ein Monster, das gefüttert werden muss.

Wie ist denn der Stand bei "Hindafing"? BR-Programmdirektor Reinhard Scolik kündigte an, es solle weitergehen.

Es gab schon zwei Treffen zum Brainstorming. Da kamen schon einige tolle, fast schon grenzwertige Ideen auf den Tisch. Die Figur, dieses Wiesel von einem Bürgermeister, hat noch viel Potential, da lässt sich noch einiges rausholen. Bei "Hindafing" konnte ich auch sehr stark auf die Rolle Einfluss nehmen. Ich war in dem Team auch der Dienstälteste. Das war eine tolle Zusammenarbeit, in der es immer um die beste Idee ging.

Frank Heine


Quelle: Blickpunkt:Film

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