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München, 19.04.2018, 09:02  Blickpunkt:Film | TV

Sat.1: "Wir haben freie Sendeplätze"

Sat.1 will den Dienstag - der neuen RTL-Konkurrenz zum Trotz - mit deutscher Fiction voll machen. Eine der Kernaussagen von Yvonne Weber im Interview mit BF in Blickrichtung Kreative: "Bringt uns Eure besten Ideen".

Yvonne Weber, Vice President Deutsche Fiction bei ProSiebenSat.1 TV Deutschland (Bild: Sat.1) Großansicht
Yvonne Weber, Vice President Deutsche Fiction bei ProSiebenSat.1 TV Deutschland (Bild: Sat.1)
Wann haben Sie zum letzten Mal mit Ihrem RTL-Kollegen Philipp Steffens gesprochen?


(Lacht) Mit Philipp? Das ist eine Weile her.

Dabei gäbe es jede Menge Gesprächsbedarf. Stichwort: "Den Dienstag übernehmen wir." Wie empfinden Sie es, dass RTL seit einigen Wochen dienstags auch auf deutsche Fiction setzt?

Ich sehe das sportlich. Wenn viel deutsche Fiction entwickelt und umgesetzt wird, ist das gut für uns alle in der Branche. Sat.1 strahlt schon seit über 20 Jahren am Dienstag deutsche Filme und Serien aus. Und nun werden wir den Dienstag wieder komplett mit deutscher Fiction in Erstausstrahlung bespielen. Dazu brauchen wir unbedingt neue Stoffe, in erster Linie Serien und Reihen.

Starkes Statement. Wir müssen trotzdem noch einmal nachhaken. Am 10. April zeigte RTL die Serie "Jenny - Echt gerecht", Sie die wirklich gelungene Tragikomödie "Entdecke die Mandy in dir" - und Tagessieger wird RTL II mit 10 Prozent Marktanteil für die Reality-Doku "Hartz und herzlich". Das ist doch keine Situation, die der deutschen Fiction hilft?

Wir haben diese Situation nicht herbeigeführt. Wir machen deutsche Fiction für unsere Zuschauer und nicht gegen andere Sender. Wir leisten uns deutsche Serien und Reihen, weil wir dafür brennen und weil wir das Potenzial für den Zuschauermarkt erkennen. Wenn die deutsche Fiction nicht funktioniert, schadet das der kompletten Produktionslandschaft in Deutschland. Und wenn wir und RTL mit deutscher Fiction gegeneinander ausstrahlen, potenziert das den Schaden.

Aber diese ungünstige Situation berührt in keiner Weise Ihre Bestrebungen auf dem Fiction-Sektor?

Es treibt uns eher an, das Beste aus unseren Entwicklungen herauszuholen. Wir glauben an unser Programm. Deswegen haben wir auch gerade die dritte Staffel von "Einstein" bei Zeitsprung in Auftrag gegeben.

Was konkret gab den Ausschlag zum Weitermachen? Die Ergebnisse der ersten Staffel haben Sie ja nicht mehr erreicht.

Die hervorragende Zuschauerbindung, eine treue Fangemeinde und der großartige Cast, allen voran Tom Beck als Einstein. Daran erkennt man die Kraft eines Formats. Wir wissen genau, welches Potential diese Serie noch in sich trägt.

2016 gab es bereits die Ansage, dass Sie die Schlagzahl bei den Eigenproduktionen stark erhöhen wollen. Diese Fiction-Offensive ist noch dabei sich zu entfalten. Können Sie trotzdem schon Zwischenbilanz ziehen?

Wir haben die Zahl unserer Erstausstrahlungen schon deutlich erhöht und werden unser Portfolio im Bereich Deutsche Serien und Reihen weiter ausbauen. Gute Fiction braucht Zeit und Geduld in der Entwicklung und viel Sorgfalt in der Produktion und Ausführung. Erst dann wird sie wahrnehmbar für die Branche und am Ende auch für die Zuschauer.

Lässt sich also zusammenfassen, dass der Dienstag inzwischen der uneingeschränkte Fiction-Sendeplatz ist, egal für welche Formate?

Wir befinden uns quasi noch in der Aufwärmphase und schieben ganz viele Projekte an. Mit großartigen Partnern auf Produzenten- und Autorenseite, die uns ihre stärksten Ideen anvertrauen. Aber um den Dienstagabend komplett mit Erstausstrahlungen zu bestücken, brauchen wir noch viel mehr Programm, vor allem Serien. Deshalb unser Aufruf an die Branche: Bringt uns Eure besten Ideen, wir haben freie Sendeplätze.

Serie "Einstein" mit Tom Beck in der Titelrolle wird mit einer 3. Staffel fortgesetzt (Bild: Sat.1/Wolfgang Ennenbach) Großansicht
Serie "Einstein" mit Tom Beck in der Titelrolle wird mit einer 3. Staffel fortgesetzt (Bild: Sat.1/Wolfgang Ennenbach)
Auf welche Genres legen Sie besonderen Wert, sind Sie auch für Neues offen?


Wir entwickeln derzeit im Bereich Krimi und Crimedy, aber auch Medical und Dramedy. Das Hauptaugenmerk liegt im seriellen Bereich auf Procedurals, aber das Genre ist erst mal offen. Wir freuen uns über alle Vorschläge von Kreativen und lassen uns auch mit Ideen und Formaten überzeugen, die wir bislang noch nicht realisiert haben. Ein Beispiel dafür ist die Sitcom "Die Läusemutter" (AT), eine sehr innovative, politisch inkorrekte und dabei sehr charmante Sitcom aus Holland. Die Serie stammt von der niederländischen Produktionsfirma Bing Film, die für uns auch die Adaption umsetzen wird.

Gibt es denn Serienprojekte, bei denen Sie schon weiter sind?

Ja, unsere neueste Serie heißt "Der Bulle und das Biest" (AT) und stammt von Bantry Bay - mit einem Cop und einem Hund in den Hauptrollen. Wir sind bereits in der Produktionsvorbereitung der ersten Staffel.

Ein Hund und ein Polizist. War da nicht mal was?

Ja, da kommt zusammen, was zusammengehört: Produzentin Gerda Müller wird die Serie für uns umsetzen. Sie hat schon den Serienerfolg "Der letzte Bulle" für Sat.1 produziert.

Was wird aus "Good Cop, Fat Cop"?

Wir haben die Serie pilotiert und befinden uns derzeit noch in der Bewertung.

Sie suchen nahezu ausschließlich Procedurals. Man hört immer wieder, dass sich die Autoren durch den Serienhype aber verstärkt auf horizontal erzählte Geschichten fokussieren. Haben Sie dadurch ein Problem?

Das Image der Procedurals hat wirklich gelitten, war nicht mehr en vogue.

Und schuld daran sind wir Journalisten. Das war ja mehr Medien- als Senderthema.

Danke (lacht). Wir strahlen als Sender in einem wöchentlichen Slot aus. Das macht es schwieriger für die horizontale Erzählweise. Aber wir werden uns nicht grundsätzlich und von vornherein einer horizontalen Serie verschließen. Wer jedoch eine klare Vision von einem Procedural hat, kann bei uns ein großes Feuer entzünden. Wir haben auch schon Ideen auf dem Tisch, bei denen wir den neuen Spirit spüren.

Trotzdem noch einmal zu den horizontalen Serien: Bei "Bad Banks" hat man aktuell gesehen, wie viel so eine Serie für das Renommee eines Senders, vielleicht sogar für die ganze deutsche Branche leisten kann, obwohl die lineare Ausstrahlung nicht so gut funktioniert hat. Sind genau aus diesem Grund solche Projekte für Sie kaum möglich?

"Bad Banks" ist ohne Frage eine Serie von höchster Güte, für die auch ich mit Sendeplatzkonventionen brechen würde. Trotzdem wäre sie kein Programm für den Dienstagabend. Publikum und Renommee sind bei uns klar getrennt in Pflicht und Kür. Horizontale Serien sind im Event-Bereich auch bei uns denkbar. Wir suchen aber generell nach deutlich breitenwirksameren Aufstellungen im Bereich Figuren, Setting und Tonalität.

Großes Thema war zuletzt auch das Comeback der täglichen Vorabendserie bei Sat.1. Wie ist der aktuelle Stand, es soll vier Piloten geben?

Wir haben bereits drei Piloten abgedreht, der vierte kommt auch bald. Drei der vier Piloten sind von UFA Serial Drama, einer von Producers at Work. Von der UFA kommen zwei klassische, sehr frische Telenovelas und eine authentische Daily Soap. PaW bereitet die etwas dreistere Variante der Daily Soap vor.

Wie ist der weitere Ablauf?

Wir sehen uns alle vier Piloten genau an, dann entscheiden wir. Gerne würden wir schon diesen Herbst on air gehen. Aber wir schicken den größten "Frachter" los, den es in der Fiction gibt. Bei einem solchen Unterfangen kann Zeit nie schaden.

Geduld ist also gefragt. Gibt es die auch auf höherer Ebene bei ihrem Unterfangen den Dienstagabendsendeplatz wieder voll zu bekommen?

Ja. Unsere Mission lautet: durchgängige Bespielung des Dienstagabend mit Deutscher Fiction, noch mehr Erstausstrahlungen und das vor allem mit Serienprojekten.

Diese bemerkenswerte Haltung wird auch nicht durch die bisweilen enttäuschenden Resultate von Erstausstrahlungen wie gerade "Liebe auf den ersten Trick" oder "Love is in the Air" ins Wanken gebracht?

Nein.

Wie gehen Sie mit solchen Ergebnissen um?

Das tut weh. Allen Beteiligten. Aber Scheitern gehört dazu. Auch wenn manche Projekte nicht den gewünschten Erfolg erzielen, hält uns das nicht davon ab, weiterhin romantische Komödien zu machen. Denn wir wissen, dass dieses Genre zu unserer DNA gehört.

Nächstes große Sat.1-Event: Der Zweiteiler "Der Staatsfeind" mit Henning Baum (Bild: Sat.1) Großansicht
Nächstes große Sat.1-Event: Der Zweiteiler "Der Staatsfeind" mit Henning Baum (Bild: Sat.1)
Der Dienstag galt immer als klassicher Rom-Com-Sendeplatz. Aber findet nicht gerade ein Wandel statt? Auf der einen Seite gibt es die erwähnten Quotenenttäuschungen, auf der anderen wurde ein Thrillerstoff, "Das Nebelhaus" zum erfolgreichsten Sat.1-Film.


Wir wollen Genrevielfalt. Mit Filmen wie "Jack the Ripper", "Das Nebelhaus" und "Keine zweite Chance" gibt es ein klares Bekenntnis zu "Hochspannung im Herbst", so haben wir das gelabelt. Teil unserer Strategie ist es, im Herbst 2018 erneut mit einer Gänsehaut-Strecke an den Start zu gehen. Für unsere Komödien-Strecke entwickeln wir ein ähnliches Label.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die romantischen Komödien ins Hintertreffen geraten sind?

Wir haben im Bereich Romantic Comedy nicht so viele überzeugende Stoffe auf den Tisch bekommen, wie wir uns das gewünscht hätten. Aber auch bei diesem Genre gilt: Bekommen wir gute Stoffe, werden wir auch weiterhin romantische Komödie machen.

Wie ist die Situation im Eventbereich?

Wir zeigen den Event Zweiteiler "Der Staatsfeind" am 8. und 15. Mai. Henning Baum spielt auf beeindruckende Weise einen Vater und Polizisten, dem nicht nur ein Mord, sondern eine ungeheuerliche Verschwörung in die Schuhe geschoben wird. Und das lässt er sich natürlich nicht gefallen. Mit der Constantin Film entwickeln wir die Event-Reihe "Münchner Freiheit" (AT) und einen Event-Zweiteiler zum Thema Amoklauf. Mit Wiedemann & Berg planen wir die Verfilmung des Bestsellers "Blackout - Morgen ist es zu spät" von Marc Elsberg und mit Dreamtool entwickeln wir den Mehrteiler "Circus Krone".

Sie haben es schon angedeutet. Reihen werden wieder ein Thema für Sat.1. Was gibt es da zu sehen?

Mit "Das Nebelhaus" und Felicitas Woll als Ermittlerin Doro Kagel haben wir die erste Reihe schon erfolgreich gestartet. Im Herbst knüpfen wir an mit Michael Tsokos' True-Crime-Reihe "Zersetzt". Darin spielt Tim Bergmann einen Gerichtsmediziner. Professor Tsokos ist Leiter der Gerichtsmedizin an der Berliner Charité und hat mehrere Romane geschrieben, an denen wir uns die Rechte gesichert haben. Es folgt die Andreas-Franz-Reihe mit dem Roman "Jung, blond, tot", ebenfalls eine Bestsellerverfilmung, in der Sandra Borgmann die Ermittlerin Julia Durant spielt. Die Dreharbeiten beginnen Ende April. Außerdem werden wir zwei Romane der britischen Bestsellerautorin Jojo Moyes verfilmen mit Senator Film als Produktionspartner.

Das Interview führte Frank Heine


Quelle: Blickpunkt:Film

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