Berlin, 06.06.2002, 10:35  Blickpunkt:Film

Regisseur Sam Raimi zu "Spider-Man"

Nach nur fünf Wochenenden ist "Spider-Man Clip" (Columbia TriStar) schon jetzt der fünfterfolgreichste Film an den US-Kinokassen überhaupt. Regisseur Sam Raimi kann den Erfolg kaum auskosten: Er arbeitet bereits mit Hochdruck an der Fortsetzung.

Sam Raimi
Sam Raimi  
Blickpunkt:Film: Wie haben Sie Peter Parker/Spider-Man gesehen und welche Elemente aus dem Comic sind erhalten geblieben?

Sam Raimi: Die Charakterisierung Peter Parkers, die die Autoren des Marvel-Verlags seit 1962 geschaffen haben, ist sehr reichhaltig. Ich habe versucht, alles in dem Film unterzubringen. Es ist seine Menschlichkeit, die Peter zu einem einmaligen Superhelden macht. Peter Parker ist in Wirklichkeit einer von uns. Wir können uns mit ihm identifizieren und ihm auf seinem Weg folgen, in dessen Verlauf er ein Held wird. Ich habe alles aus den Comics übernommen, das eine Aussage über den Menschen Peter Parker macht. Außerdem einige der Ideen zum Grünen Kobold, wie er zu Tode kommt und andere Elemente der Geschichte, die aus verschiedenen Comicerzählungen stammen, wie etwa die große Szene auf der Brücke.

BF: Wie funktionierte die Arbeit zwischen Ihnen, Autor David Koepp und Stan Lee?

SR: Stan Lee ist zwar der Executive Producer und der Erfinder von Spider-Man, doch in die Entwicklung des Films war er nicht besonders involviert. Wir hatten sein Vertrauen und seine Unterstützung bei der Umsetzung. Er war überzeugt davon, dass wir unsere Sache richtig machen würden. Dagegen arbeiteten wir eng mit Avid Arad, dem Präsidenten von Marvel Studios, zusammen, dessen Aufgabe es ist, die korrekte Umsetzung von Marvel-Helden in Live-Action- und Animationsfilme zu überwachen. Natürlich ist Stan Lees Einfluss und Präsenz in jedem Bild des Films zu spüren, weil David Koepp, ein weiterer Autor und ich nichts anderes taten, als herauszufinden, was wir an den "Spider-Man"-Comics so lieben, um das dann auf die Leinwand zu bringen.

BF: Wie haben Sie sichergestellt, dass sich "Spider-Man" von anderen Superheldenfilmen wie "Batman" und "X-Men" absetzt?

SR: Als ich "Spider-Man" gemacht habe, habe ich nicht über diese Filme nachgedacht. Wahrscheinlich unterscheidet sich "Spider-Man" deshalb so klar. Ich wollte nur meine Version dieser Figur, die ich als Kind so geliebt habe, auf die Leinwand bringen; ich wollte sie echt machen und den Zuschauer auf eine echte emotionale Reise mitnehmen. Gleichzeitig wollte ich Peter ein Abenteuer erleben lassen und zeigen, wie er zu einem erwachsenen Menschen heranwächst. Deshalb ist er ein Held: Weil Peter Parker zu einem jungen Mann heranwächst, der Verantwortung zu tragen lernt - und nicht, weil er die bösen Kerle verprügelt. Und darauf habe ich mich konzentriert.

BF: Also ist der Unterschied, dass Sie sich auf einen Teenager und seine Probleme konzentriert haben und nicht auf den Helden Spider-Man?

SR: Genauso ist es. Als ich mich mit den Columbia-Chefs traf, um mich als Regisseur zu bewerben, habe ich ihnen gesagt, dass ich genau diesen Film machen möchte. Ich wollte "Spider-Man" nicht über Spider-Man machen, sondern über Peter Parker. Ich wollte keinen Actionfilm machen, sondern ein romantisches Drama. Und ich wollte, dass Peter auf dieselbe Art und Weise ein Held wird, wie auch jeder Einzelne im Publikum ein Held werden könnte - es sollte nichts mit seinen Kräften zu tun haben.

BF: Haben Ihre Erfahrungen im Horror-Genre geholfen, "Spider-Man" zu machen?

SR: Filme mit übernatürlichen Themen, wie meine "Tanz der Teufel"-Trilogie, sind eine großartige Schule für Regisseure. Wenn man die Welt des Übernatürlichen kreiert, die eine eigene Welt außerhalb der unseren ist, hat man ein großartiges Experimentierfeld dafür, das Licht zu setzen, für Kamerabewegungen, Filmbelichtung oder die Verwendung bestimmter Linsen und Filter. Bei diesen Filmen konnte ich lernen, wie Soundeffekte oder durch Schnitt entstandene Effekte auf das Publikum wirken oder wie man Suspense erzeugt. Durch diese drei Filme und auch "Darkman" habe ich viel über Technik gelernt. In den neunziger Jahren wiederum habe ich dank all der großartigen Schauspieler in "Ein einfacher Plan Clip" und "The Gift" viel über Schauspiel erfahren. Als ich "Spider-Man" machte, spürte ich, dass ich all dies wirklich gebrauchen konnte. Ich glaube nicht, dass ich "Spider-Man" auch nur ein Jahr früher hätte machen können.

BF: Was hält "Spider-Man 2" für Peter Parker bereit?

SR: Was möchten Sie sehen?

BF: Wie wäre es damit, zu sehen, wie sich Peter Parker weiter entwickelt: seine Probleme als Student, seine Auseinandersetzungen mit J. Jonah Jameson, dem Chefredakteur des "Daily Bugle", seine Beziehung zu Mary Jane?

SR: Ich denke, dieser Ansatz ist richtig. Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, in welche Richtung er sich entwickelt, was aus ihm geworden ist, nachdem dieser Film geendet hat und was seine neue Ausgangsposition ist. Was sind seine neuen Ziele als Mensch? Was ist der nächste Schritt in seiner Entwicklung? Verantwortung endet nicht irgendwo. Sie zu leben, bedeutet ständiger Kampf. Mich würde interessieren, was aus Mary Jane und ihm wird. Werden sie zusammenkommen? Wird es eine andere Frau in Peters Leben geben? Wird er gegen seinen Schwur, anderen zu helfen, verstoßen? "Spider-Man 2" wird sich wieder auf den Menschen Peter Parker konzentrieren: Was will er, welche Konflikte muss er austragen? Das sind die klassischen Quellen eines Dramas, und die Frage ist: Wird er diese Konflikte lösen oder an ihnen scheitern? Man darf nicht vergessen: Das Scheitern könnte auch nur das Ende des ersten Akts sein.

Quelle: Blickpunkt:Film

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