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Martin Scorsese erfüllte sich mit dem Mammutprojekt "Gangs of New York
" (Fox, 20. Februar) einen lang gehegten Traum und kämpfte hart dafür. Mit dem Endprodukt, für das er auch Kompromisse eingegangen ist und das seine enormen Kosten bereits eingespielt hat, ist er zufrieden. Die Vorgeschichte New Yorks läuft als Abschlussfilm auf der Berlinale.
Martin Scorsese: Das hat mit meiner Vergangenheit zu tun. Ich bin im New Yorker Stadtteil Five Points aufgewachsen und fing schon früh an, mich für die Menschen zu interessieren, die dort einmal gelebt haben. So kam es, dass ich mich immer mehr mit dem New York des 19. Jahrhunderts auseinander setzte und feststellte, dass sich zu jener Zeit das Amerika herausbildete, wie wir es heute kennen.
"Wir feilschten fast um jede Szene"
BF: Um Ihren Traum zu realisieren, haben Sie Zeitplan und Budget immer wieder überzogen. Gab es deshalb zwischen Ihnen und Produzent Harvey Weinstein immer wieder Streitereien?
MS: Ich hatte die Freiheit, das Drehbuch immer wieder neu zu bearbeiten. Ein Film entsteht meiner Ansicht nach beim Drehen. Der Vorteil war, dass alle Sets bereits standen, und ich entscheiden konnte, die Szene mal an dieser Straßenecke oder mal an der anderen zu drehen. Doch wenn man so arbeitet, weiß man nie, wie viel Geld man letztlich ausgeben wird. Harvey sah sich das eine Zeitlang an. Nach zwei Monaten war er besorgt, nach fünf Monaten bat er mich um ein Treffen. Ich wollte nicht hören, was er zu sagen hatte, musste aber auch seine Position verstehen. Wir feilschten fast um jede Szene, stritten sogar um den Elefanten, den ich in der Endschlacht durchs Bild laufen lassen wollte. Heute klingt das lustig, damals konnten wir überhaupt nicht darüber lachen.
BF: Warum war Ihnen die Szene mit dem Elefanten so wichtig?
MS: Ich habe auf meinem Elefanten bestanden, weil man den Zusammenbruch einer Zivilisation nicht schöner und absurder verdeutlichen kann als mit wilden Tieren. Harvey Weinstein war schließlich einverstanden, verlangte aber, dass die Szene vom Second-Unit-Regisseur Vic Armstrong gedreht wird.
BF: Es heißt, Sie mussten Ihren Film dennoch kürzen.
MS: Nein, das ist schon meine Version. Es gibt auch keine herausgeschnittenen Szenen, wie so oft in den Medien behauptet wurde. Ich kann mir nicht erklären, wie dieses Gerücht entstanden ist. Als ich die Szenen erstmals zusammenstellte, kam ich auf drei Stunden und 38 Minuten, und das war noch nicht mal der Grobschnitt. Das größte Problem war, die Geschichte zwischen den drei Hauptakteuren am Schneidetisch zu stutzen, ohne dabei den geschichtlichen Hintergrund zu verfälschen.
BF: Man wirft Ihnen vor, dass der Film zu gewalttätig sei.
MS: Diese Leute wird es immer geben, und ich werde sie anscheinend nie erreichen. Wie soll man Menschen darstellen, die jeden Tag um ihr Leben kämpften? Ich glorifiziere nicht Gewalt, sondern will damit die Tragik zum Ausdruck bringen. Wenn Leonardo DiCaprio und Daniel Day-Lewis am Ende zerstört am Boden liegen, symbolisiert das auch die Nutzlosigkeit von Gewalt. Aber ich musste schon immer mit den Zensurbehörden kämpfen und manche Kompromisse eingehen. Bei "Gangs of New York" war ich dazu allerdings bereit.
BF: Inwieweit hatte der 11. September 2001 Einfluss?
MS: Natürlich meinte Harvey Weinstein, dass wir "Gangs of New York", wie einst geplant war, nicht im Dezember 2001 ins Kino bringen können. Was mir ganz recht war, weil ich den Film sowieso noch nicht fertig hatte. Dennoch haben wir auch im Nachhinein keine bedeutenden Änderungen vorgenommen. Sogar die Skyline mit dem World Trade Center, die zum Schluss eingeblendet wird, entspricht der Drehbuchfassung von 1978. Viele schlugen vor, das WTC nicht zu zeigen, womit ich nicht einverstanden war. Schließlich geht es im Film um Menschen, die an dieser Skyline mitgearbeitet haben, und nicht um diejenigen, die sie zerstört haben.
BF: Die Feuerwehrmänner kommen allerdings nicht als Helden herüber. Gab es wegen dieser Szene Diskussionen?
MS: Ja, ich war es sogar, der zu Harvey ging und meinte, dass das ein schlechtes Licht auf die heutigen Feuerwehrmänner werfen könnte. Er hatte auch schon darüber nachgedacht, argumentierte aber, dass sich die Feuerwehrstationen so gebildet haben. Anfangs waren es Banden, die darum stritten, ob man die Spritzen mit eigener Hand oder mit Pferden zur Feuerstelle ziehen sollte.
BF: Schon vor 30 Jahren spielten Sie mit dem Gedanken, das Buch von Herbert Asbury zu drehen. Ist es der Film geworden, den Sie sich damals vorstellten?
MS: Nein, es gab im Laufe der Zeit natürlich viele Veränderungen. Ich glaube, damals hätte ich es mir noch nicht zugetraut, so eine Geschichte zu verfilmen. Ich wäre wahrscheinlich nicht mal in der Lage gewesen, ein Drehbuch zu verfassen. Jetzt, wo der Film fertig ist, kann ich nur sagen, dass an der Grundidee nichts verändert wurde. Aber so ganz habe ich dieses gigantische Projekt noch immer nicht abgeschlossen. Erst kürzlich hatte ich einen Traum, in dem mir Thelma Shoonmaker, die für den Schnitt verantwortlich war, erzählte, dass noch weitere Szenen gebraucht werden. Ich war begeistert, noch weitere drehen zu können. Ich fing schon mit den Vorbereitungen an, als ich mir plötzlich sagte: Wach bloß auf. Wie wird Harvey darauf reagieren?
Quelle: Blickpunkt:Film
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