München, 19.09.2003, 12:20  Blickpunkt:Film

Regisseur Leander Haußmann zu "Herr Lehmann"

Nach dem Erfolg von "Soloalbum Clip" mit fast drei Mio. Zuschauern fängt Leander Haußmann, einstmals Intendant des Bochumer Schauspielhauses, mit der Verfilmung des Kultromans "Herr Lehmann" (Delphi, 2. Oktober) das Lebensgefühl der Kreuzberger Szene in den Achtzigern ein.

Leander Haußmann
Leander Haußmann  
Blickpunkt:Film: Was gefiel Ihnen als "Ossi" an dieser "Wessi"-Geschichte?

Leander Haußmann: Das Thema habe ich mir in diesem Fall nicht ausgesucht. Ich durfte das Buch als einer der Ersten noch vor der Veröffentlichung lesen und fand es schon nach 20 Seiten aufregend. Der sehr innovative Charakter war mir sofort sehr nahe, Herr Lehmann schlägt eine Brücke vom Besonderen und Skurrilen zu den Menschen, die sich als normal empfinden. Die entdecken in dieser Person etwas, mit dem sie sich identifizieren können. Die Komik ist für mich auch sehr neu. Ich will den deutschen Film nicht denunzieren, aber die übliche Trennung von Komödie und Tragödie, von E und U, finde ich überholt. Diese Grenzen haben Amerikaner und Franzosen schon längst beseitigt. Wenn man bei uns einen komischen Film dreht, hat das nichts mit Tragik zu tun. Das Genre wird noch sehr simpel begriffen. Bei "Herr Lehmann" gibt es oft mitten in einer komischen Szene eine tragische oder melancholische Überraschung.

"Hauen und Stechen im filmischen Schaffen"

BF: Wie war die Zusammenarbeit mit Autor Sven Regener? Ein Hauen und Stechen?

LH: Hauen und Stechen zieht sich durch alle Bereiche des filmischen Schaffens. Das gehört dazu, nicht nur mit dem Autor. Der Regisseur ist immer das Teilchen, das alles auf den Punkt bringen und sagen muss, es geht doch darum, einen guten Film zu machen. Mit Sven Regener gab es eine große Auseinandersetzung, genau an der Nahtstelle, an der ich versuchen musste, mir diese Person, diesen Film zu Eigen zu machen. Der von mir provozierte Eklat war auch richtig. Die Qualität liegt darin, dass man sich am Ende wieder die Hand gibt und sagt, gehen wir auf Fassung sieben zurück. Die schönen Seiten der Zusammenarbeit sollte man nicht vergessen.

BF: War "Sonnenallee" ein Pfund, mit dem Sie wuchern konnten?

LH: Überhaupt nicht. Der Film ist mehr bei der Bevölkerung ein Klassiker als bei Cineasten, "Sonnenallee" lief so unter Anfängerglück. Wir haben uns nicht zurückgelehnt, sondern es ging schnell wieder an nächste Projekte. Davon sind drei gescheitert in der Drehbucharbeit. Dazwischen habe ich auch mehrere Theaterstücke inszeniert.

BF: Haben Sie bei Boje Buck Ihre Filmfamilie gefunden?

LH: Ich würde sagen ja. Es dauert lange, bis man sich versteht und respektiert, dem anderen vertraut. Film ist eine kollektive Angelegenheit. Man ist auf viele Helfer angewiesen, auf ihr Know-how und ihre Professionalität, da kann man von Glück reden, wenn die Chemie stimmt. Mein nächstes Projekt werde ich wieder mit Boje/Buck realisieren.

BF: Um was handelt es sich da?

LH: Der Arbeitstitel lautet "NVA Clip", es geht nicht nur um die Armee und das System der DDR. Die Komik entsteht über den Zynismus, ich stelle mir so etwas wie "M.A.S.H." vor. Der Staat braucht Mittelmäßigkeit und versucht, das Außerordentliche zu töten. Aber die halbwegs Pfiffigen können sich Wege zum Überleben suchen. Das ist etwa die Direktive des Films, der in Episoden ein noch zu bewältigendes Kapitel der Vergangenheit aufleben lässt. Es standen sich ja mal zwei deutsche Lager bewaffnet gegenüber. Hätten sie geschossen oder nicht - eine ethische Frage, die man sich jetzt stellen sollte.

BF: Welche Phase des Filmemachens interessiert den Theatermann am meisten?

LH: Eigentlich jede. Am unangenehmsten ist die Castingphase, das hat etwas von Arbeitsmarkt. Ich versuche, die Situation familiär zu halten und mich mit den Leuten zu beschäftigen. Dieses hinter der Sonnenbrille sitzen und auf andere zu gucken, ist mir peinlich.

BF: Wenn Sie könnten, wie Sie möchten - träumen Sie von einem bestimmten Projekt?

LH: Ich könnte mir vorstellen, ein paar deutsche Klassiker zu verfilmen, die ganz Großen, die in unser aller Herzen sind, wie es die Amerikaner und Engländer auch tun. Aber dazu bedarf es eines mutigen Sponsors, da muss man klotzen und große Sachen ausfahren wie "Die Nibelungen". Sicherlich keine trockene, sondern eine spannende, rasante und poppige Angelegenheit.

BF: So wie Baz Luhrmann "William Shakespeares Romeo & Julia"?

LH: Nur dazu: Eine Kassette meiner Aufführung ist bei ihm gelandet und der Schluss, dass Julia aufwacht und Romeo sich vergiftet, von mir geklaut. Da bin ich stolz drauf.

Quelle: Blickpunkt:Film

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