Berlin, 11.06.2003, 16:36  Blickpunkt:Film

Regisseur Hans-Christian Schmid zu "Lichter"

Mit dem Berlinale-Beitrag "Lichter Clip" (Prokino, 31. Juli) wagt sich Hans-Christian Schmid auf das Terrain des Episodenfilms. Sein Drama um Suche nach Heimat und einen Platz im Leben erhielt gerade die Lola in Silber.

Hans-Christian Schmid mit einem erwachsenen Thema
Hans-Christian Schmid mit einem erwachsenen Thema  
Blickpunkt:Film: Erstmals keine Coming-of-Age-Geschichte. Heißt das, der Regisseur Schmid ist erwachsen geworden?

Hans-Christian Schmid: Vielleicht. Nach "Crazy Clip" war es mir ein Bedürfnis, von dieser Thematik Abstand zu nehmen, wobei sich das in ein paar Jahren wieder ändern kann. Ich merkte schon bei der Arbeit, dies ist eine Art Schlusspunkt. Ich versuche, "Crazy", "23" und "Nach Fünf im Urwald" als ein Kapitel zu sehen.

BF: Sie konzentrieren sich auch nicht mehr nur auf eine Figur oder Gruppe, sondern verknüpfen mehrere Mikrokosmen.

HCS: Ein Episodenfilm hat mich als Erzähler schon lange gereizt. Ich wollte ausprobieren, wie man Geschichten bearbeitet und verknüpft, wie man kürzt, damit alle Platz haben. Der Fokus lag nicht auf einer Person wie Karl Koch in "23", sondern auf einem Ort an der deutsch-polnischen Grenze. Wir stellten uns die Frage, wer lebt dort, was spielt sich da ab?

BF: Gab es einen konkreten Ausgangspunkt?

HCS: Ein "SZ"-Artikel über Flüchtlinge aus Pakistan, die nach London wollten und dann von einem Schlepper in Slubice ausgesetzt wurden mit mehr oder weniger denselben Worten wie die vom Lastwagenfahrer in "Lichter". Sie sollten sich tagsüber im Wald verstecken und abends auf die Lichter zugehen, das sei London. Bei mir hieß das Ziel im goldenen Westen Berlin. Die unglaubliche Situation war Auslöser für zwei Geschichten, die anderen kamen im Verlauf der Recherche dazu, wie die von den jugendlichen Zigarettenschmugglern, von denen uns ein Bundesgrenzschützer berichtete. Da waren wir schnell bei einem Ensemblefilm. Auf einige Episoden musste ich verzichten.

BF: Erfordert ein Ensemblefilm eine andere Herangehensweise bei der Ausarbeitung?

HCS: Ich versuche, mich auf eine Episode, die man in nur zwei Wochen dreht, genauso einzulassen wie auf ein ganz norma-les Spielfilmprojekt. Mir gefiel der spannende Wechsel, manchmal hatte ich das Gefühl, einen neuen Film anzufangen innerhalb dieser sechs Wochen. Es herrschte auch die notwendige Intimität am Set, schon deswegen, weil wir alle in einem Hotel in Frankfurt an der Oder wohnten. Es fährt also nicht jeder abends nach Hause in sein Leben zurück, sondern alle sitzen aufeinander, so richtig jugendherbergsmäßig.

BF: Wie definieren Sie Ihre Position als Filmemacher in der deutschen Filmszene?

HCS: Wir sind ganz schöne Egoisten und arbeiten vor uns hin, manchmal wünsche ich mir mehr Kontakt untereinander. Ich sehe mich als jemanden, der versucht, sich mit der Wirklichkeit zu beschäftigen. Die deutsche Filmlandschaft - ein weites Feld. Viele meinen, es müsste mehr Geld her. Kreativität ist keine Frage von Geld. Vor zwei Jahren als Jurypräsident des Internationalen Studentenfilmfestivals München habe ich festgestellt, die mit Abstand stärksten Filme stammten von Schulen aus dem Osten. Es muss also etwas mit der intelligenten Verteilung von Geld zu tun haben und mit einer Filmkultur. Die ist bei uns sehr gebrochen. Es reicht nicht, fünf Drehbuch-Workshops zu eröffnen und damit zu rechnen, dass dann in zwei Jahren die guten Bücher kommen. Das muss sich langsam entwickeln.

BF: Sie arbeiten seit Jahren "en famille" mit Michael Gutmann als Koautor und dem Produzentenduo Claussen + Wöbke. Fehlt es bei einem so eingespielten Team nicht manchmal an Reibungsflächen?

HCS: Wir reiben uns heftig und schwelgen nicht in eitel Harmonie. Ich halte es für einen großen Vorteil, mich nicht abstrampeln zu müssen, um die richtigen Produzenten zu finden, sondern dass ich mit Jakob Claussen, Thomas Wöbke und auch mit Michael Gutmann immer auf Gesprächspartner treffe, denen ich vertrauen kann.

Quelle: Blickpunkt:Film

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