Los Angeles/München (rüst), 30.08.2004, 16:32  Blickpunkt:Film

Regisseur Gary Winick zu "30 über Nacht"

Mit "30 über Nacht Clip" (Columbia TriStar, 9. September) lieferte Gary Winick eine klassische Hollywoodkomödie. Seiner Firma InDigEnt ist darüber hinaus Vorreiter in sachen digitales Filmemachen - so auch bei Wim Wenders' "Land of Plenty Clip".

Gary Winick ist ein Vorreiter des digitalen Filmemachens
Gary Winick ist ein Vorreiter des digitalen Filmemachens  
Blickpunkt:Film: Nach vier Jahren digitalen Filmemachens haben Sie mit "30 über Nacht" Ihr erstes großes Studioprojekt abgeliefert. Wie schwer fiel die Umstellung?

Gary Winick: Besonders schwer war es, sich an eine Infrastruktur mit Hunderten von Mitarbeitern zu gewöhnen. Es ist natürlich angenehmer, wenn du so viel Unterstützung genießt und dich auf die Details der Story konzentrieren kannst. Aber bei einem klassischen Film in 35 Millimeter kannst du nicht so schnell und intim arbeiten.

BF: Sind digitale Kameras besser für die Arbeit mit Schauspielern geeignet?

GW: Sie verschaffen dir mehr Zeit, und das ist das Wichtigste für einen Filmemacher. Damit hast du die Chance, dich intensiver mit deinen Schauspielern auseinander zu setzen.

BF: Warum sind Sie dann zu einem Hollywood-Vehikel gewechselt?

GW: Man hat natürlich mehr Zeit, wenn das entsprechende Geld zur Verfügung steht. Der Erfolg von "Tadpole" beim Sundance Festival öffnete mir viele Türen bei den Studios. Eine unabhängige Produktion zu machen hat zwar etwas Befreiendes, aber man weiß nie, ob sie einen Verleih finden wird. Und die Vorstellung, einen Film mit viel Geld zu drehen, der sicher ins Kino kommt, war unwiderstehlich.

BF: Sie stehen besser da als viele unabhängige Filmemacher. Sie haben Ihre eigene Firma InDigEnt, mit der Sie digitale Filme mit Budgets von bis zu 100.000 Dollar produzieren.

GW: Mittlerweile haben mein Partner John Sloss und ich nach Absprache mit unserem Investor, IFC, die Budgetgrenze auf 300.000 Mio. Dollar angehoben. Ich hatte die Idee für die Gründung von InDigEnt, nachdem ich "Das Fest Clip" gesehen hatte. Da dachte ich, es wäre toll, mit dem digitalen Medium ein kreatives Kollektiv zu gründen, vergleichbar mit John Cassavetes' Arbeit in den 60er Jahren. Jeder, vom Schauspieler bis zum Make-up-Künstler, bekommt bei unseren Filmen das Gleiche bezahlt, nämlich 100 Dollar am Tag. Und jedem gehört ein Teil des Films. Als wir "Tadpole" für 3,5 Mio. Dollar an Miramax verkauften, haben wir gutes Geld verdient.

BF: Sehen Sie sich als Förderer der Digitalfilmer, die inzwischen immer zahlreicher werden?

GW: Das Gute bei digitalen Kameras ist, dass jetzt jeder Filme machen kann. Und das ist gleichzeitig das Schlechte daran. Wir arbeiten daher nur mit Leuten zusammen, die eine gewisse Erfahrung haben. Ethan Hawke drehte zum Beispiel seinen Erstlingsfilm "Chelsea Walls" für uns, Richard Linklater hat einige Filme mit uns realisiert, Steve Buscemi machte "Lonesome Friend" mit Liv Tyler.

BF: Sie haben auch Wim Wenders' Biennale-Beitrag "Land of Plenty" produziert.

GW: Wim hat sich an uns gewandt. Er und seine Firma Reverse Angle wollten nur eine Partnerschaft, was wir normalerweise nicht machen. Doch IFC war flexibel genug, eine Koproduktion zu ermöglichen.

BF: Hatten Sie auf seinen Film auch kreativen Einfluss?

GW: Jeder Filmemacher kann sich bei uns aussuchen, ob er unseren Input haben will oder nicht. Wim war sehr kooperativ, und wir haben ein paar Ideen eingebracht. Aber er ist ein legendärer Regisseur, der weiß, wie er Filme macht.

BF: Werden High-Definition-Digitalkameras 35 mm ersetzen?

GW: Noch ist 35 mm in vielen Fällen das bessere Medium. Nur bei bestimmten Effektfilmen hat HD-Technologie vielleicht Vorteile. Aber die Zukunft wird wahrscheinlich voll digital sein.

BF: Wenn Sie sich - unabhängig vom Budget - zwischen Digitalkameras und 35 mm entscheiden müssten, was würden Sie wählen?

"Technologie immer der Geschichte anpassen"

GW: Die Technologie, die für die Geschichte geeignet ist. Bei einer sehr intimen Story, wo ich mit einer möglichst kleinen Crew arbeiten möchte, würde ich eine einfache Digitalkamera nehmen - also keine HD, denn die ist viel zu unbeweglich.

BF: Werden Sie jetzt wieder eine Studioproduktion machen oder zu Ihren unabhängigen Digitalfilmen zurückkehren?

GW: Momentan verhandle ich mit Sony wegen eines Familienfilms - oder einer romantischen Komödie. Aber dann werde ich wieder einen Film für InDigEnt machen. Das Absurde dabei ist: Für die 37 Mio. Dollar, die "30 über Nacht" gekostet hat, könnte ich tatsächlich 111 digitale Produktionen drehen.

BF: Das hätten Sie den Finanziers sagen sollen.

GW: Habe ich auch. Aber Joe Roth meinte nur: Dieser eine Film für 37 Mio. Dollar wird mehr Geld einspielen als die 111 Digitalstreifen zusammen. Aber ich als Filmemacher sehe das anders: Lieber habe ich 111 Chancen statt einer.

Quelle: Blickpunkt:Film

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