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Hamburg, 26.08.1999, 00:00  Blickpunkt:Film

Psychologische Studie über Krisen am Drehort

Konflikte am Set kosten nicht nur Zeit und Nerven, bei Ausgaben von bis zu 60.000 Mark pro Drehtag sind sie auch ökonomisch bedrohlich. Eine Hamburger Psychologin untersuchte typische Krisenherde und will professionelle Beratung anbieten.

Ein Filmset bietet viele Reibungspunkte: Da rivalisieren Schauspieler untereinander, es gibt heimliche Regisseure oder es werden Regieanweisungen boykottiert. Doch Verzögerungen zerren an den Nerven aller Beteiligter, zumal etwa für eine Fernsehproduktion 40.000 bis 60.000 Mark pro Drehtag anfallen können. Konflikte sind also auch ein Wirtschaftsfaktor. In einer Studie der Hamburger Psychologin Anne Grobe mit dem Titel "Krisenmanagement am Set" äußerten sich 17 Spielfilmregisseure anonym über Konflikte und Lösungsstrategien. Grobe suchte für ihre Arbeit "Schnittfelder zwischen Film und Psychologie": "Wie geht man mit Streß und Konflikten am Set um und kann das Beste aus dem Team herausholen?", beschreibt sie die Kernfragen der Studie.

Sie stellte fest, daß bei nahezu jeder Produktion ähnliche Konflikte entstehen. Meinungsverschiedenheiten über die Filmgestaltung, Zeit- und Mitteldefizite, unvorhergesehene Störungen oder Frontenbildungen zwischen den Beteiligten können ein Filmprojekt erheblich gefährden, so das Resultat. Dem Regisseur kommt dabei eine Schlüsselposition zu: Er muß eine ständige Balance zwischen kooperativem und direktivem Führungsstil halten. "Das Ausmaß der Befähigung eines Regisseurs zu dieser Jonglage entscheidet über seinen Erfolg", so Grobe, wobei erschwerend dazukomme, "daß der Umgang mit Konflikten in der Ausbildung von Filmschaffenden noch eine untergeordnete Rolle spielt." Wie in anderen Wirtschaftszweigen gebe es auch beim Film Situationen, die eine externe Moderation ratsam erscheinen lassen. Auch an der Studie nicht beteiligte Filmschaffende sehen darin Vorteile. Der freiberufliche Produktionsleiter Patrick Brandt meint, vor allem bei größeren Produktionsbetrieben gebe es "zu wenig Kommunikation zwischen den Abteilungen, man geht davon aus, daß die Mitarbeiter ihre Aufgaben kennen". Krisenmanager könnten Konflikte rechtzeitig erkennen und die Verantwortlichen darauf hinweisen. Regisseurin Maria Theresia Wagner kann sich vorstellen, manche Konfliktgespräche zu delegieren. "Ein Konfliktmoderator könnte sich um Störfaktoren kümmern, die mich als Regisseurin nicht direkt betreffen, beispielsweise Fragen des Caterings."

Grobe will ihre Erkenntnisse nun beruflich als Filmteampsychologin nutzen, aber auch training on the job in Form von Seminaren und Workshops anbieten. Mit dem Coach und Berater Jürgen Steinhoff bietet sie am 30. und 31. Oktober das Seminar "Zielorientiert und motivierend agieren am Set" an, das Anleitung zur Entwicklung von Konfliktlösungsstrategien vermitteln soll. "Beim Film arbeiten die Teams meist nur für eine begrenzte Zeit zusammen", sagt Grobe, charakteristisch seien immenser Erfolgs- und Zeitdruck. "Das kann man mit Projektteams in der Industrie vergleichen", ergänzt Steinhoff: "Ziel ist es, zu lernen, sich auf schwierige Situationen und Menschen bewußter vorzubereiten." Dazu sollen auch Fälle aus der Praxis simuliert werden, "um Wiederholungen von destruktiven Konflikten bei späteren Produktionen zu vermeiden", so die Psychologin.


Quelle: Blickpunkt:Film

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