Berlin, 04.05.2017, 08:54  Blickpunkt:Film | Kino

Produzent Jason Blum über "Get Out"

Jason Blum stellte "Get Out" in Berlin vor (Bild: Universal) Großansicht
Jason Blum stellte "Get Out" in Berlin vor (Bild: Universal)
Mit Blumhouse betreibt Jason Blum eine der interessantesten Produktionsfirmen in Hollywood. Jetzt ist sie nach dem Erfolg von "Split" und "Get Out", der heute in den deutschen Kinos anläuft, auch eine der erfolgreichsten. Im Gespräch mit Blickpunkt:Film spricht Blum über sein Erfolgsrezept.


Der Erfolg von "Get Out" war in dieser Form kaum absehbar. Wann merkten Sie, dass in dem Film mehr steckte, als man im Vorfeld hätte annehmen können?

Wir haben den Film erstmals im Januar in Sundance gezeigt, ironischerweise an dem Wochenende, an dem "Split" ins Kino kam. Es war eine Mitternachtsvorführung, und die Leute drehten durch. Danach wussten wir, dass wir etwas Besonderes hatten.

War Ihnen zu diesem Zeitpunkt schon bewusst, dass der Film mehr war als nur ein gut funktionierender Genrefilm?

Uns lag das Drehbuch für "Get Out" vor, dann habe ich mich mit Jordan Peelegetroffen. Und ich war sehr beeindruckt davon, was er mit dem Film machen wollte. Dabei wollte ich ihm helfen. Im Vorfeld weiß man nie, ob ein Film funktioniert. Wenn etwas interessant klingt, muss man es einfach machen. Bei "Get Out" war uns klar, dass es nur einen schmalen Grat geben würde, auf dem die Idee funktionieren könnte. Aber wir fanden, dass die Chance befand, einen zweiten "Purge" Clip an der Hand zu haben, einen Horrorfilm, der auch als politische Parabel funktioniert. "Purge" ist eine Warnung vor dem Missbrauch von Waffen. "Get Out" sah ich in derselben Tradition, eine Warnung vor Rassismus in den USA, speziell Rassismus der liberalen Eliten.

Warum genau hat der Film in den USA eine so große Begeisterung ausgelöst?

Er traf einen Nerv. Uns hat geholfen, dass er so kurz nach der Wahl Trumps in die Kinos kam. Das Timing hat gestimmt. Aber genauso hat uns geholfen, dass der Film toll ist und dass das Marketing einfach perfekt war. Einen solchen Erfolg hat man nicht zufällig. Da muss einfach alles zusammenpassen. Das passiert nicht oft. Aber wenn es dann passiert, knackt man den Jackpot.

Blumhouse war schon vor "Split" und "Get Out" erfolgreich. Welche Bedeutung hat es für Ihre Firma, in so kurzen Abständen die zwei umsatzstärksten Filme ihrer Geschichte in die Kinos gebracht zu haben, beide mit Hilfe ihres angestammten Studios Universal?

Unsere Philosophie wird das nicht ändern. Aber natürlich eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten, wenn man derartige Erfolge feiert. Wir erreichen jetzt mehr Menschen als zuvor, wir werden künftig eine größere Bandbreite an Filmen machen können, andere Filme, als wir noch vor einem Jahr gemacht haben. Aber Veränderung sollte einem ohnehin am Herzen liegen, wenn man nicht feststecken will. Man muss neue Dinge ausprobieren, sich immer wieder anders aufstellen. "Split" und "Get Out" haben die Basisarbeit geleistet, dass wir das jetzt nach unseren Vorstellungen umsetzen können.

"Get Out" erwies sich in den USA als Sensationserfolg (Bild: Universal) Großansicht
"Get Out" erwies sich in den USA als Sensationserfolg (Bild: Universal)
Wie soll das aussehen?


Erst einmal muss ich sagen, was wir nicht tun werden: Wir werden jetzt nicht durchdrehen. Die Hollywood-Konvention besagt, dass man nach einem Erfolg immer noch größere Filme machen muss. Das ist nicht unser Ding. Das haben wir nach dem Erfolg mit "Purge" nicht gemacht, das werden wir auch jetzt nicht tun. Das wäre nicht Blumhouse. Wir werden Low-Budget-Filmen treu bleiben. Das liegt uns. Das können wir. Ich kann mir aber vorstellen, etwas mehr Variation reinzubringen. Wir werden weiterhin Horrorfilme machen. Aber ich denke, dass wir uns mehr noch anderen Genres und Stilen öffnen werden. Vor allem möchte ich unsere Aktivitäten im Fernsehbereich ausweiten. Da sind wir jetzt schon sehr variabel. Es wird "Purge" als Serie geben. Genauso haben wir aber auch eine Doku über den geschassten Fox-News-Chef Roger Ailes gemacht. Das scheint mir ein spannender Weg zu sein.

Gerade vor dem Hintergrund Ihrer verstärkten Fernsehaktivitäten: Was muss ein Film heute haben, um im Kino auf sich aufmerksam zu machen?

Ein Film muss ein frisches, unverbrauchtes Konzept haben. In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass Stars ihre Zugkraft verloren haben. Fast alle machen heute Fernsehen, da kann man sie umsonst sehen. Warum sollte man also wegen ihnen Geld für ein Kinoticket ausgeben? Den Stars von heute fehlt das gewisse Geheimnis. Genau das müssen die Filme selbst jetzt leisten. Ein Film muss ein Konzept haben, das einen in wenigen Worten überzeugt. Man muss "Wow!" sagen, wenn man hört, um was es geht. Zwölf Stunden im Jahr sind alle Gesetze außer Kraft gesetzt! Der schlimmste Albtraum eines Schwarzen wird 90 Minuten lang buchstäblich Realität! Das rockt.

Warum machen Sie das so gut - und andere nicht?

Wir machen das nicht besser als andere Firmen. So vermessen bin ich nicht. Wir machen es aber mehr als andere Firmen. Weil unser Fokus klar definiert ist: Low-Budget-Filme. Andere Firmen fangen sofort an, nach den Sternen zu greifen und größere Filme zu machen, wenn sie einen Erfolg hatten. Das ist nicht unsere Ambition. Wir halten den Ball flach. Die Vorteile liegen auf der Hand. Man minimiert das finanzielle Risiko. Unseren Filmen ist es fast nicht möglich, Geld zu verlieren. Sollten sie es tatsächlich tun, geht davon die Welt nicht unter. Vor allem aber kann man inhaltliche Risiken eingehen, man kann verrückte Ideen ausprobieren. "Get Out" oder "Purge" haben abgefahrene Prämissen. Wenn diese Ideen mit einem Budget von 15 bis 20 Mio. Dollar verbunden wären, würde ich als Chef einer Produktionsfirma sagen: Viel zu riskant, das kann nicht gut gehen. Wenn diese Ideen für fünf Mio. Dollar umgesetzt werden können, sieht die Sache gleich ganz anders aus.

Sie haben mir im vergangenen Jahr erzählt, dass Sie bevorzugt mit Universal arbeiten. Warum?

Es ist das Studio, das uns versteht. Bei Universal versteht man, dass man eine Fünf-Mio.-Dollar-Produktion mit ebenso viel Vermarktungsaufwand in die Kinos bringen muss wie eine 100-Mio.-Dollar-Produktion, auch wenn es zunächst absurd erscheint, das Zehnfache des Budgets eines Films in die Werbung zu stecken. Universal hat diesen Dreh raus, man muss nicht jedes Mal wieder von Neuem diese Diskussion führen. Wir liefern das Produkt, und das Studio wertet es optimal aus. Wir haben 25 Filme miteinander gemacht, und wir kommen blendend miteinander aus. Davon profitieren gerade jetzt beide Seiten.

Der andere Tophit von Blumhouse und Universal in diesem Jahr: "Split" (Bild: Universal) Großansicht
Der andere Tophit von Blumhouse und Universal in diesem Jahr: "Split" (Bild: Universal)
War der Erfolg von "Split" und "Get Out" in diesem Ausmaß überhaupt nur möglich wegen der guten Zusammenarbeit mit dem Studio?


Davon bin ich fest überzeugt. Nur ein Gedankenspiel: Wenn wir "Get Out" komplett unabhängig gemacht und dann Käufern gezeigt hätten, wären die Chancen nicht schlecht gestanden, dass die Studios abwinken würden. Ich bin mir nicht sicher, ob wir einen Abnehmer gefunden hätten. Und ganz sicher hätten wir keinen Verleih gefunden, der bereit gewesen wäre, den Film auf 3000 Leinwänden zu starten. Man hätte ihn bestenfalls vorsichtig gestartet und dann abgewartet, ob er sein Publikum findet. Hätten wir dann 170 Mio. Dollar eingespielt? Ich wage es zu bezweifeln. In Deutschland wird "Get Out" auf mehr als 500 Leinwänden in die Kinos gebracht! Ich glaube nicht, dass ein anderes Studio sich so etwas trauen würde.

Wären Sie ohne die Unterstützung von Universal mutig genug gewesen, "Split" mitten im Januar zu starten?

Es hat geholfen, das Studio auf unserer Seite gehabt zu haben. Aber ich hatte Vertrauen in den Termin. Horrorfilme haben in der Vergangenheit immer wieder gut im Januar funktioniert. Da profitiert man von einre gewissen Müdigkeit des Publikums, das die Nase voll hat von den Prestigefilmen, die in der Oscar-Saison gestartet wurden. Die Leute haben wieder Lust auf Unterhaltung und warten nur auf den entsprechenden Film. "Glass", M. Night Shyamalans Fortsetzung von "Split", werden wir auch wieder im Januar bringen.

Sie haben bereits "The Visit Clip" mit Shyamalan gemacht und damit sein Comeback nach einer Reihe enttäuschender Big-Budget-Filme eingeleitet. Fällt er aus dem üblichen Blumhouse-Raster heraus?

Weniger als Jordan Peele, finde ich. Tatsächlich arbeiten wir mehr mit erfahrenen Filmemachern zusammen wie Scott Derrickson oder James Wan, Leute, die bereits einen Namen, aber nicht unbedingt immer nur Hits auf dem Buckel haben. Night gehört in diese Gruppe. Eher selten arbeiten wir mit Debütanten oder Nachwuchsfilmern zusammen. Jordan Peele und Joel Edgerton haben ihre ersten Filme bei uns gemacht, aber beide sind keine Neulinge, sie sind überaus erfahren, hatten einfach noch nie Regie geführt.

Wie begeistern Sie erfahrene Filmemacher für die Arbeit für Ihre Company?

Sie schätzen die Freiheit. Wenn Sie im Budget bleiben, reden wir ihnen nicht in ihre Arbeit rein. Sie haben Final Cut. Das ist eine tolle Ermutigung. Mit M. Night Shyamalan war ich vor etwa vier Jahren beim Abendessen und habe ihm vorgeschwärmt von den Vorzügen des Low-Budget-Filmemachens. "The Visit" hat er daraufhin auf eigene Faust realisiert, wir sind dann erst später an Bord gekommen.

War "Glass" bereits impliziert, als Sie die Arbeit an "Split" begannen?

In Nights Kopf vielleicht. Wenn es so gewesen sein sollte, dann war keiner von uns eingeweiht. Gepitcht hat er uns die Idee erst, als "Split" sich als Riesenerfolg erwies. Wir waren sofort begeistert. Er macht jetzt wieder das, was ihn vor fast 20 Jahren zu einem großen Filmemacher gemacht hat. Wenn Bruce Willisnicht mitgespielt hätte, wären wohl auch "The Sixth Sense" und "Unbreakable" Low-Budget-Filme gewesen. Was für Night überhaupt nicht funktioniert hat, waren die teuren Produktionen, wo seine Handschrift in Effekten verschwand.

Produzent Jason Blum (li.) sprach mit Studierenden der Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf" über sein Produktionskonzept und den Erfolg von "Get Out". Empfangen wurde er von Jens Eberth (Marketing Director UPI Germany, re.) und Jürgen Fabritius (Filmuniversität Babelsberg, Bildmitte) (Bild: Universal) Großansicht
Produzent Jason Blum (li.) sprach mit Studierenden der Filmuniversität Babelsberg "Konrad Wolf" über sein Produktionskonzept und den Erfolg von "Get Out". Empfangen wurde er von Jens Eberth (Marketing Director UPI Germany, re.) und Jürgen Fabritius (Filmuniversität Babelsberg, Bildmitte) (Bild: Universal)
Ein Fan teurer Filme sind Sie ganz allgemein nicht.


Nein. Hohe Budgets führen fast immer nur zu Verwässerung. Es gibt vielleicht drei Filmemacher, die mit hohen Budgets umgehen können. Einer ist James Cameron, die anderen beiden können Sie selbst benennen.

Und dennoch machen die Studios mittlerweile fast ausschließlich teure Tentpole-Filme.

Sie müssen. Sie sind enorm profitabel, wenn sie funktionieren. Und alle anderen machen sie auch. Das schraubt sich hoch. Wenn ich ein Studio leiten würde, würde ich diese Filme auch machen. Es führt kein Weg daran vorbei, wenn man im Geschäft bleiben will. Ich bin froh, in einer Position zu sein, in der sich diese Filme nicht machen muss, sondern selbst bestimmen kann, wie viel Geld ich in das jeweilige Projekt stecke. Ich ziehe meine Methode vor.

Das war nicht immer so. Stimmt es denn, dass Sie bei Ihrer Zeit bei Miramax "Blair Witch Project" abgelehnt haben?

Das stimmt. Diese Lektion habe ich nie vergessen. Als ich dann die Gelegenheit hatte, "Paranormal Activity" Clip zu kaufen, habe ich zugegriffen. Ein Fehler ist kein Fehler, wenn man ihn nicht ein zweites Mal macht, richtig? Ich konnte Paramount überzeugen, den Film ins Kino zu bringen. Das war die Blaupause, der entscheidende Aha-Moment: Unabhängig realisierte Filme, die von einem Studio ausgewertet werden. Das ist die andere Stärke der Studios, neben der Produktion großer Blockbuster für die ganze Welt: die Auswertung. Da macht ihnen keiner was vor, und am besten macht es, finde ich, Universal. Als die Rechnung auch bei "Insidious" Clip, "Sinister" Clip und "Purge" aufging, war mir bewusst, dass wir ein valides Modell hatten, in der Industrie zu bestehen und zu florieren.

Hilft es denn bei der Herstellung und Auswertung von Horrorfilmen, dass Sie selbst kein Fanboy sind, der nur an Horror interessiert ist?

Ich liebe Horrorfilme. Aber mehr noch als Horrorfilme liebe ich Filme. Das ist wichtig. Ich will nicht, dass "Get Out" oder "Split" nur als Horrorfilm wahrgenommen und mit anderen Horrorfilmen verglichen werden. Ich will, dass sie als Film wahrgenommen und mit allen anderen Filmen verglichen werden. Sie müssen im Markt bestehen. Wir sind keine Fanboys. Wir machen Horrorfilme, weil wir das Kino lieben.

Was wird der nächste große Film aus Ihrem Haus sein?

Ich setze auf "Half to Death" Clip, den wir in den USA pünktlich zu Halloween am Freitag, den 13. Oktober starten. Das ist ein großer, unterhaltsamer Horrorfilm mit einer tollen Prämisse, die vor allem viel Spaß macht. Christopher Landon hat Regie geführt, ein alter Freund von mir, der "Disturbia" Clip geschrieben und bei vier "Paranormal Activity"-Filmen mit dabei war.

Wird Jordan Peele wieder mit Ihnen arbeiten?

Noch ist nichts spruchreif, aber wir haben ein paar ziemlich gute Ideen, wie wir wieder zusammenkommen könnten.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.


Quelle: Blickpunkt:Film

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