London, 08.01.2002, 14:47  Blickpunkt:Film

Pixar-Vizechef John Lasseter zu "Die Monster AG"

"Die Monster AG Clip" (Buena Vista, 31. Januar), das neueste Produkt der Pixar Animation Studios, spielte in den USA bereits knapp 240 Mio. Dollar ein. Nun tritt die Kuschelmonster-Fantasie ihren Siegeszug in Deutschland an und sollte das mäßige Einspiel von Disneys "Atlantis Clip" wieder wettmachen.

John Lasseter
John Lasseter  
Blickpunkt:Film: "Atlantis" brachte Disney nicht den erhofften Erfolg. Müssen Sie das mit der "Monster AG" ausbügeln?

John Lasseter: Die Zahlen sprechen natürlich für sich. Unser Film hat in den USA in kürzester Zeit mehr als doppelt so viel eingespielt wie "Atlantis" im ganzen Jahr. Trotzdem bedeutet das nicht das Ende des Zeichentrickfilms. Es gibt noch genügend Filme dieser Art, die in den letzten Jahren erfolgreich waren. Es gibt immer wieder Diskussionen, ob computeranimierte Filme wie "Monster AG" die Zeichentrickkunst ersetzen könnten. Das kann ich nur mit einem klaren Nein beantworten.

BF: Obwohl Ihre bisherigen Filme wie "Toy Story Clip" und "Das große Krabbeln" alle Kassenerfolge waren.

JL: Unsere Technik ist relativ neu, und das lockt immer noch viele Zuschauer an. Aber das war immer so, wenn eine neue Technik aufkam. Als die Fotografie erfunden wurde, prognostizierte man das Ende der Malerei, genauso wie manche jetzt das Ende des Zeichentrickfilms heraufbeschwören. Aber sobald ein computeranimierter Film floppt, wird man die Wiedergeburt des klassischen Animationsfilms feiern.

BF: Könnte man nicht "Final Fantasy Clip" als einen solchen Flop bezeichnen?

JL: Was vielleicht auch daran gelegen haben könnte, dass man menschliche Figuren am Computer erzeugte. Seit es die Computeranimation gibt, sind Künstler auf der Suche nach dem heiligen Gral, um Menschen so fotorealistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Wir von Pixar waren daran nie interessiert. Es macht auch gar keinen Sinn. Wenn man Menschen zeigen will, sollte man richtige vor die Kamera stellen. Zuschauer können sich besser mit ihnen identifizieren, und billiger ist es auch noch.

BF: Ihre Stars sind jetzt zwei putzige Monster. Muss man bei der Entwicklung solcher Figuren darauf achten, dass sie später auch als Spielzeugpuppen Absatz finden?

JL: Es gibt nichts Schöneres, als Figuren zu erfinden, mit denen man später als Puppe spielen kann. Ich selbst bin ein großer Spielzeugfanatiker, und daher ist es mir sehr wichtig, keinen Müll fürs Kinderzimmer zu produzieren. Deshalb haben wir uns schon im Vorfeld mit großen Spielzeugherstellern zusammengetan. Natürlich stecken dahinter geschäftliche Interessen. Inzwischen ist es gang und gäbe, dieses Zusatzgeschäft anzukurbeln, wie jetzt auch mit "Harry Potter Clip" und "Der Herr der Ringe Clip". Trotzdem garantiere ich, dass es in erster Linie immer auf die Story ankommt.

BF: Aber mit den Filmen und Figuren ist Pixar so reich geworden, dass Sie sich von Disney am liebsten trennen würden?

JL: Das ist nur ein Gerücht. Wir haben ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Disney. Kreativ arbeiten wir sogar sehr eng mit Disney-Präsident Thomas Schumacher zusammen, der zweimal im Monat bei uns vorbeischaut, um sich einen Überblick über unsere nächsten Projekte zu machen. Aber auch zur Marketing- und Distributionsabteilung haben wir einen guten Draht, weil sie auf diesem Gebiet einfach die Bes-ten sind. Warum sollen wir ein schlechtes Klima schaffen wollen? Vertraglich müssen wir noch drei gemeinsame Filme schaffen. Was danach kommt, weiß keiner. Das ist aber noch so weit weg, dass wir uns darüber noch nicht den Kopf zerbrechen.

BF: Gehört zu diesen drei Filmen auch der dritte Teil von "Toy Story"?

JL: Der Vertrag wurde nach "Toy Story" geschlossen und beinhaltet fünf Filme, zu denen "Das große Krabbeln" und "Die Monster AG" gehören. Über die nächsten drei Projekte verrate ich nichts. Ob "Toy Story 3" realisiert wird, steht noch nicht fest. Fortsetzungen entstehen bei Pixar nur, wenn wir eine tolle Idee dafür haben. Das war auch der einzige Grund, weshalb "Toy Story 2" entstand.

"Unsere Filme basieren auf Originalgeschichten"

BF: Wie entstand die Idee zu "Die Monster AG"?

JL: Jeder von uns kennt die kindliche Angst, allein im Bett zu liegen und sich vorzustellen, dass gleich ein Monster aus dem Schrank oder unter dem Bett hervorgekrochen kommt. Das war eine tolle Grundlage für eine Story, die allerdings mehrere Phasen durchlief. Unsere Filme basieren nur auf Originalgeschichten, die wir uns selbst ausgedacht haben. Bisher haben wir noch kein Märchen oder eine Fernsehserie adaptiert. Das ist eine große Herausforderung.

BF: Welche Änderungen waren entscheidend?

JL: Ursprünglich sollte ein Erwachsener im Mittelpunkt der Geschichte stehen, der plötzlich überall die Monster aus seiner Kindheit sieht. Das wäre ein komplett anderer Film geworden, der die Kinder vielleicht nicht so angesprochen hätte. Erst als wir auf die Idee kamen, eine eigene Monsterwelt zu entwickeln, nahm das Drehbuch Gestalt an. Als die erste Fassung von "Die Monster AG" im Frühjahr fertig war und zum ersten Mal Kindern gezeigt wurde, mussten wir feststellen, dass sich kaum ein Kind amüsierte. Warum? Unser Film begann völlig unvermittelt mit der Szene, in der ein kleiner Junge im Bett nachts von einem Monster angeschrien wird. Die kleinen Zuschauer erschreckten sich dermaßen, dass sie sich nicht mehr beruhigten. Es war zu gruselig, und so drehten wir einen Titelvorspann mit vielen bunten Türen, um den Zuschauern gleich zum Anfang zu vermitteln, dass "Die Monster AG" garantiert ein spaßiger Film ist, bei dem es viel zu Lachen gibt.

Quelle: Blickpunkt:Film

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