US Top 50
Takers
Die Goldene Palme für Gus Van Sants HBO-Highschool-Drama "Elephant
" plus Preis für die Beste Regie - damit war die Überraschung perfekt. Aufgerüttelt durch das Columbine-Massaker erzählt Van Sant von Jugendlichen und Gewalt im Schulalltag, verzichtet dabei auf Erklärungen oder Antworten.
Gus Van Sant: Ich wollte einfach mal wieder etwas persönlicher und in einem überschaubaren Rahmen arbeiten. Bei einer großen Produktion steht man unter größerem Stress und hat im-mer Angst, die Erwartungen der Geldgeber nicht zu erfüllen. Hier konnte ich meine kreative Freiheit ausleben, ohne jemandem finanziell verpflichtet zu sein. Das empfinde ich als Vorteil.
BF: Sie haben sehr viel improvisiert und arbeiteten mit Laien.
GVS: Nur die Handlung war vorgegeben, aber keine Dialoge. Bis auf drei Erwachsene spielten die Studenten sich selbst. Es geht nicht darum, was sie sagen, sondern darum, einen vordergründig ganz normalen Tag zu beobachten. Amateurschauspieler entwickeln eine ganz andere Intensität, geben sehr viel von sich preis. So wie die wirklich wahren Profis. Brando spielt immer Brando.
BF: Wollen Sie zeigen, dass Gewalt ohne Motivation passiert?
GVS: Von 1997 bis 1999 erschütterten einige Schul-Massaker die Öffentlichkeit, ein gefundenes Fressen für die Medien, die sich wie die Geier darauf stürzten. Das Publikum weiß Bescheid. Ich erzähle nur, will keine Antworten geben, sondern dazu ermutigen, über mögliche Gründe nachzudenken. Persönlich sehe ich die Ursache in der zunehmenden Isolation, in einer eisigen Sozialstruktur, die Jugendliche aus der Bahn wirft. Die Columbine-Mörder glaubten nicht mehr an eine Zukunft und wollten sich töten, rissen ihre Schulkameraden mit in den Tod.
BF: Aber Sie machen es sich etwas leicht. Wer Beethoven am Klavier klimpert, Hitler-Dokumentationen sieht und homoerotische Neigungen hat, muss nicht zwangsläufig zum Killer werden.
GVS: Die beiden Jungs sind nicht schwul, die Küsse in der Dusche sind mehr ein verzweifelter Akt vor der Tat. Natürlich gibt es vielfältige Gründe, ich zeige nur die Vorbereitung eines Massakers. Wenn ich die Ursachen genau aufdröseln würde, wäre das schon wieder ein Hollywood-Movie. "Elephant" ist auch keine Nachstellung von Columbine, sondern orientiert sich an mehreren ähnlichen Ereignissen, sogar an meinem eigenen Schulalltag. Im Kino tun wir immer so, als wüssten wir alles, dabei wissen wir in Wirklichkeit gar nichts. Diese rigide Schablone will ich knacken.
Keine Nachstellung von Columbine
BF: Fühlen Sie eine große Verantwortung bei dem Thema?
GVS: Da befinde ich mich in einer Grauzone, wie weit ich gehen kann. Jeder Filmemacher trägt Verantwortung und muss gerade bei der Verfilmung einer solchen wahren Begebenheit Umsicht walten lassen und auf spektakuläre, waffenverherrlichende Szenen verzichten. Ich mag keine Gewalt um der Gewalt willen.
BF: Wie kamen Sie mit HBO ins Geschäft? Läuft "Elephant" auch im Kino?
GVS: Ein Dokumentarfilm oder ein TV-Movie über Jugendliche und Gewalt ist leichter zu verkaufen, bei einem Spielfilm dagegen schrecken Produzenten zurück. Da ich keinen Unterschied zwischen einem Kino- und einem Fernsehfilm mache, war ich mit dem Angebot von HBO zufrieden. Der Film läuft zunächst im Fernsehen, dann ist auch ein Kinostart geplant, aber noch nicht ganz sicher.
BF: Hoffen Sie auch auf eine internationale Kinoauswertung?
GVS: "Elephant" mag sehr amerikanisch wirken, aber das Phänomen Gewalt an öffentlichen Schulen ist nicht auf die USA beschränkt. Denken Sie an Erfurt. Deshalb glaube ich, dass ich international Interesse wecke.
BF: Ist der Titel "Elephant" eine Referenz an Larry Clark?
GVS: Zu Beginn habe ich an Clarks gleichnamigen Kurzfilm von 1989 über Gewalt in Nordirland gedacht. Aber mein Film spielt in einem anderen Kontext. Wir haben verschiedene Intentionen und Ansätze. Clark fokussiert sich primär auf 14- bis 16-Jährige, ihre Sexualität und Drogenkonsum. Ich nutze diese Zeitspanne als Blick in eine bestimmte Lebenssituation.
BF: Mit "Gerry" und "Elephant" kehren Sie zu Ihren Wurzeln zurück. Bleibt es dabei oder lockt ein größeres Projekt?
GVS: Ich zehre noch von der Erfahrung dieser beiden Filme, da konnte ich mit cinematografischen Parametern spielen, ausloten, was akzeptabel ist und was nicht, warum diese oder jene Einstellung. Ich bin aber nicht da-rauf fixiert, sondern beschäftige mich mit einigen neuen Projekten ganz unterschiedlicher Preisklasse. Meine Karriere begann mit unkonventionellen Geschichten und Charakteren. Bis auf "Good Will Hunting" und "Forrester - Gefunden!" habe ich keinen Film für ein bestimmtes Publikum gemacht. Das Schöne am Filmgeschäft ist, dass ich jedes Jahr wechseln kann, von einem sehr konventionellen und traditionellem Werk zu einem experimentellen und innovativen. Mir macht es Spaß, die Konventionen zu brechen und neue Stoffe und Wege zu finden.
Quelle: Blickpunkt:Film
Takers
Karate Kid
Salt
The Expendables
Alle deutschen Kinostarts und TV-Movie-Sendetermine plus geplante, laufende und fertiggestellte deutsche und internationale Produktionen.
Noch kein Kommentar vorhanden.
Mit einem Abo können Sie diesen Artikel kommentieren.