Los Angeles, 05.03.2018, 09:58  Blickpunkt:Film | Kino
Thema: Awards-Season 2017/18

Oscars 2018: Prise der Veränderung

"Shape of Water" wurde als bester Film ausgezeichnet (Bild: Aaron Poole / A.M.P.A.S.) Großansicht
"Shape of Water" wurde als bester Film ausgezeichnet (Bild: Aaron Poole / A.M.P.A.S.)
Als Jordan Peele gegen 19 Uhr 30 Ortszeit auf die Bühne des Dolby Theaters gerufen wurde und den Oscar für das beste Originaldrehbuch entgegen nahm für sein Regiedebüt "Get Out", war die Luft raus aus den 90. Academy Awards, etwas mehr als eine Stunde, bevor der Gewinner des Besten Films bekannt gegeben wurde. Weil damit das auf zahllosen Filmblogs in endlosen Debatten über die Academy Awards skizzierte Szenario eingetreten war: Wenn Peele für seinen Überraschungsfilm des Jahres den Drehbuch-Oscar erhält (und nicht der eigentlich favorisierte Martin McDonagh für seinen "Three Billboards outside Ebbing, Missouri" Clip), dann hat der Film selbst keine Chance mehr auf die Hauptauszeichnung, weil ihm mit diesem einen Oscar für Peele bereits genug Ehre erwiesen wurde: "Get Out" ist gut, so die Denke der Academy. Aber eben nicht so gut, dass sein Macher für sein Debüt gleich zwei Statuen bekommen müsste.

Das war bedauerlich, weil in den letzten Tagen vor den 90. Oscars eben doch noch einmal so etwas wie Spannung aufgekommen war: Eine Stimmung hatte sich breit gemacht, "Get Out" könne gleich im Jahr nach "Moonlight" doch noch das Unmögliche wahr machen und den Favoriten "Shape of Water" Clip (und seinen vermeintlichen Kontrahenten "Three Billboards outside Ebbing, Missouri") stürzen. Vielleicht war der für nur vier Millionen Dollar entstandene Horrorfilm, der allein an den US-Kinokassen vor ziemlich genau einem Jahr 170 Millionen Dollar einspielen konnte und seither stets irgendwie ein Thema geblieben war, nicht der beste Film unter den neun für den besten Film nominierten Titeln. Aber es war der Film zum Jahr, der Film, über den gesprochen und der leidenschaftlich diskutiert wurde mit seinem "Die Frauen von Stepford"-Szenario, der den inhärenten Rassismus der weißen liberalen Eliten zum Anlass für einen der effektivsten Horrorfilme der letzten Jahre nahm. Es hätte also sein können, dass dem Film dafür der Hauptpreis einer sichtlich verjüngten und politisch engagierteren Academy zugesprochen wird, wie überhaupt eine gewisse politische Haltung und Korrektheit eine wichtigere Rolle spielt als die eigentliche Kunst des Filmemachens. Hätte. Aber auch der Aufwind der letzten Tage, der im Preis für den besten Film bei den Independent Spirit Awards, gipfelte, reichte nicht aus für die große Überraschung.

Frances McDormand legte eine wilde Rede hin (Bild: Valerie Durant / A.M.P.A.S.) Großansicht
Frances McDormand legte eine wilde Rede hin (Bild: Valerie Durant / A.M.P.A.S.)
Und so ging der Hauptpreis - und mit ihm Auszeichnungen für die beste Regie, die beste Musik und das beste Szenenbild - an den Film, der mit 13 Nominierungen als Favorit in die Veranstaltung gegangen war. "Shape of Water" von Guillermo Del Toro, der nach Alfonso Cuaron und Alejandro Gonzalez Inarritu der dritte mexikanische Filmemacher in den letzten fünf Jahren war, der mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde, konnte sicherlich auch deshalb gewinnen, weil er das perfekte Bindeglied zwischen klassischen Oscar-Filmen, zu denen "Die Verlegerin" Clip, "Darkest Hour" Clip wohl auch "Dunkirk" Clip zählen, und der neuen Garde - Titel also wie "Get Out" oder "Lady Bird" Clip - ist. Die fantastische Liebesgeschichte steht in der Tradition von Cocteau und Sirk, verweist auf das alte Hollywood und Musicals, hat aber auch eine Botschaft, die ganz im Hier und Jetzt ist, in der es um Verständnis und Akzeptanz des Anderen und Andersartigen geht, um Unschuld und Liebe in einer Welt, die mehr und mehr von Hass dominiert wird - und die Gewalt und Intoleranz eine klare Absage erteilt. Gleichzeitig ist der Film nie zu spezifisch, drängt seine Message nicht auf, sondern nimmt das Publikum mit auf einen Ritt, wie es klassisches Erzählkino zu bieten hat. Und obendrein ist Del Toro ein Mann, ein Kinoträumer, dem man jeden Filmpreis der Welt gönnt - und der auf der Bühne die richtigen Worte findet: "Ich bin ein Immigrant", sagte er und zählte weitere Kollegen hispanischer Herkunft auf, die mittlerweile auch die USA zu ihrer Heimat zählen. Er betonte aber auch: "Was unsere Kunst und unsere Industrie am besten kann, ist, die Linien im Sand verschwinden zu lassen. Wir müssen damit weitermachen, auch wenn die Welt uns erzählt, wir sollten sie vertiefen."

Keine Überraschung auch bei den Darstellerpreisen. Schon früh waren Frances McDormand, Gary Oldman, Allison Janney und Sam Rockwell als Favoriten gehandelt worden. Sie alle wurden auch ausgezeichnet - und unterstrichen mit prägnanten Reden, dass man zwar vielleicht auch Anderen den Oscar gewünscht hätte, Timothée Chalamet, Saoirse Ronan, Laurie Metcalf oder Willem Dafoe zum Beispiel, die zumindest eine Zeitlang ebenfalls hoch gehandelt worden waren, aber es auch an der Entscheidung, wie sie getroffen wurde, nichts zu mäkeln gab. Die kämpferischste Rede legte McDormand hin, die 21 Jahre nach "Fargo" zum zweiten Mal als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Sie ließ alle anderen weiblichen Oscar-Nominierten aufstehen und forderte Hollywood auf zuzuhören. "Wir alle haben Geschichten zu erzählen und Projekte, für die wir Finanzierung brauchen!" Oldman und Rockwell beschworen indes die Kraft des Kinos als solches, der sie es zu verdanken hatten, dass sie ihre Träume verwirklichen konnten." Rockwell und Janney waren jeweils zum ersten Mal nominiert, Oldman hatte davor eine Nominierung für "Dame, König, Ass, Spion" erhalten.

Jimmy Kimmel erwies sich als souveräner Moderator (Bild: Aaron Poole / A.M.P.A.S.) Großansicht
Jimmy Kimmel erwies sich als souveräner Moderator (Bild: Aaron Poole / A.M.P.A.S.)
Ein längst überfälliger Oscar ging an Kameramann Roger Deakins, der seit vielen Jahren als Kapazität in seinem Fach zählt und vor 2018 bereits 14 mal nominiert gewesen war, jedoch jedes Mal leer ausging. Nun hat es geklappt mit "Blade Runner 2049 Clip", eine hoch verdiente Auszeichnung. Ebenso freute man sich über die Auszeichnung eines anderen Giganten der Filmindustrie: Mit 89 Jahren ist James Ivory, der für das beste adaptierte Drehbuch für "Call Me By Your Name Clip" ausgezeichnet wurde, der älteste aktive Oscar-Gewinner in der Geschichte der Academy Awards. Und vielleicht war die Auszeichnung extrasüß für den Briten, weil er zunächst vorgehabt hatte, den Film gemeinsam mit Luca Guadagnino zu inszenieren, dann aber von dem Kollegen mehr oder weniger vom Regiestuhl verdrängt wurde.

Auch von deutscher Seite gab es Anlass zu Freude, auch wenn "Aus dem Nichts Clip" von Fatih Akin nicht zu den fünf für den Oscar für den besten nichtenglischsprachigen Film nominierten Titeln zählte. "Eine fantastische Frau Clip" von Sebastian Lelio setzte sich gegen die ziemlich starke Konkurrenz durch, eine chilenisch-amerikanisch-deutsch-spanische Koproduktion, die im Wettbewerb der Berlinale 2017 Weltpremiere gefeiert hatte. Deutscher Koproduktionspartner ist ausgerechnet die Berliner Komplizen Film, die vor einem Jahr mit "Toni Erdmann Clip" nach den Oscar-Sternen gegriffen hatte, sich damals aber Asghar Farhadis "The Salesman (Forushande) Clip" geschlagen geben musste. Außerdem konnte sich der deutsche Visuals-Effects-Spezialist Gerd Nefzer über einen Oscar freuen: Nefzer, der in Potsdam-Babelsberg arbeitet, war gemeinsam mit John Nelson, Paul Lambert und Richard R. Hoover für seine Mitwirkung an "Blade Runner 2049" ausgezeichnet worden.

Gerd Nefzer (dritter v.l.) war einer der deutschen Oscar-Gewinner (Bild: Aaron Poole / A.M.P.A.S.) Großansicht
Gerd Nefzer (dritter v.l.) war einer der deutschen Oscar-Gewinner (Bild: Aaron Poole / A.M.P.A.S.)
Soviel zu den Preisen, ein paar Worte noch zur Veranstaltung selbst, durch die zum zweiten Mal Late-Night-Moderator Jimmy Kimmel führte: Die schönste Geste war keine politische. Ein Jahr nach dem Super-GAU mit den vertauschten Umschlägen für den besten Film, der zunächst "La La Land Clip" zugesprochen worden war, bevor sich herausstellte, dass der Sieger tatsächlich "Moonlight" hieß, wurde es erneut Faye Dunaway und Warren Beatty zugestanden, den Oscar für den besten Film zu verkünden. Abgesehen davon, dass Beatty sich etwas schwer tat, den Umschlag zu öffnen, ging alles glatt. Niemand musste Jimmy Kimmels im Auftaktmonolog geäußerten Ratschlag befolgen, nach dem Aufrufen seines Namens erst einmal eine Minute zu warten, bis feststeht, dass kein Fehler gemacht wurde. Auch sonst teilte Kimmel, wie zu erwarten war fünf Monate nach Bekanntwerden des Weinstein-Skandals, kräftig aus in seiner Eingangsrede, in der es ihm auf gewohnt gekonnte Weise gelang, Pointen zu landen, aber auch eindringlich, emotional und aufrichtig zu wirken, als er mit Hollywood und sexuellem Missbrauch ins Gericht ging. Das Thema zog sich natürlich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung und fand ihren Höhepunkt in dem Moment, als Ashley Judd, Annabella Sciorra und Salma Hayek - jede von ihnen eines der Opfer Weinsteins - eine Reihe von Interviews mit Künstlern vorstellten, die sich mit #timesup auseinandersetzten und zu mehr Diversität und Inklusion aufriefen. Ein Thema, das wiederholt anklang, nicht immer auf positive Weise allerdings: Dass ausgerechnet Basketballstar Kobe Bryant, der 2003 wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt gewesen war und den Fall außerhalb des Gerichts geklärt hatte, für "Dear Basketball" in der Kategorie bester animierter Kurzfilm ausgezeichnet wurde, war ein kleiner Missklang im großen Konzert der Solidarität, das auch ein bisschen wie eine Absichtserklärung angesichts großer Umwälzungen im Filmgeschäft wirkte: Am Ende geht es doch darum, die Menschen im Kinosaal für zwei Stunden in eine andere Welt zu entführen und ihr Leben aus einer anderen Perspektive sehen zu lassen. Wenn man es so sieht, hat mit "Shape of Water" der ideale Titel gewonnen.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

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