Cannes, 17.09.2002, 15:27  Blickpunkt:Film

Mike Leigh im Gespräch zu "All or Nothing"

Mit "All or Nothing" (Tobis StudioCanal, 14. November) trifft Mike Leigh, bekannt für seine unorthodoxe Arbeitsweise, mal wieder mitten ins Herz. Sein tragikomischer Blick auf das Leben der "ordinary people" in einer Hochhaussiedlung gehört zu den Highlights des Hamburger Filmfests.

Mike Leigh
Mike Leigh  
Blickpunkt:Film: Kehren Sie nach dem Kostümfilm "Topsy-Turvy" mit "All or Nothing Clip" zu Ihren Wurzeln zurück, der Betrachtung von Menschen als Opfer sozialer Umstände?

Mike Leigh: Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Jeder Film ist für mich eine Einheit. "Nackt" unterschied sich stark von seinem Vorgänger "Life is Sweet" und "Lügen und Geheimnisse Clip" wiederum von "Nackt", dann kam mit "Topsy-Turvy" etwas völlig anderes. Der nächste Film ist der nächste Film, ganz einfach. "All or Nothing" ist auch keine Momentaufnahme aus England, London oder Europa, sondern eine universelle Geschichte. Überall auf der Welt verlieren Menschen ihre Liebe, stehen plötzlich vor einer Wende im Leben, versuchen eine Neuorientierung. Diese Bruchstellen faszinieren mich.

"Vielleicht verschrecke ich manche Stars"

BF: Warum arbeiten Sie zumeist mit unbekannten Darstellern?

ML: Ich habe mit Jim Broadbent gearbeitet und jetzt zum vierten Mal mit Timothy Spall, beide haben einen Namen in England. Vielleicht verschrecke ich manche weniger risikofreudige Stars durch meine Arbeitsweise. Jeder Schauspieler muss meine Regeln akzeptieren, das heißt er weiß nicht genau, wie die Handlung verläuft oder sich die Figur entwickelt. Die Besetzung ergibt sich organisch. Ich suche erst einmal die Schauspieler, daraus erwachsen neue inhaltliche Aspekte. Alison Garland und James Corden kamen mir beim Casting wie Geschwister vor, das stimulierte mich. Hätte ich sie nicht gefunden, wäre der Film anders geworden. Das endgültige Skript entsteht während der Improvisation und Proben, die diesmal sechs Monate dauerten. Ich liebe den kreativen Prozess der Zusammenarbeit, die gemeinsame Schaffung der Charaktere. Dazu gehört auch eine authentische Sprache als Funktion der Umgebung. Nicht dieses elitäre Gequatsche, sondern Klartext. Da sagt man eben "verpiss dich" oder "hau ab". Bei den Dreharbeiten ist allerdings Schluss mit der Improvisation.

BF: Neben Simon Channing Williams ist erstmals auch Produzent Alain Sarde mit im Boot.

ML: Er war weniger in die praktische Arbeit involviert, sondern ermöglichte vielmehr das Projekt. Ein Ausnahmeproduzent von seltener Sensibilität. Seit 22 Jahren sind Williams und ich ein Team, er schafft es immer wieder, Geldgeber zu überzeugen, auch wenn mein Eigensinn nicht jedem passt. Dann lässt man mich normalerweise in Ruhe drehen. Nur die Art der Einmischung in die Postproduktion variiert, um es mal diplomatisch auszudrücken. Mit Ciby 2000 lag ich bei "Lügen und Geheimnisse" wegen zwei Szenen im Dauer-Clinch. Mit Alain Sarde war es dagegen himmlisch. Nach Sichtung der Rohfassung sagte er nur, macht weiter so, ihr habt mich zum Weinen gebracht. So stellten wir ohne irgendeine Intervention die Kinofassung her. In Hollywood unvorstellbar.

"Koproduktionen, aber keinen Euro-Pudding"

BF: Europäische Koproduktionen als Überlebensstrategie?

ML: Koproduktionen ja, sie sind notwendig und sinnvoll, aber bitte keinen Euro-Pudding. Ich erinnere mich an einen Freund und seinen Film über Hooligans. Auf Grund deutscher Koproduzenten musste er in Deutschland drehen und so tun, als spiele alles in England. Manchmal spinnen die Förderer eben. Ich halte es für ganz natürlich, dass wir Europäer zusammenrücken, um das Monster Hollywood in die Schranken zu weisen.

BF: Was nur in den seltensten Fällen gelingt.

ML: Traurig genug. Es macht mich wütend, wenn ich sehe, wie Hollywood das Weltkino in seinen Klauen hält. Die US-Majors kontrollieren die Leinwände und die Produktion. Ich bin mit dem amerikanischen Film aufgewachsen und liebe ihn. Inzwischen wird viel Schrott produziert. Bei Industrie-Screenings meiner Filme in Los Angeles klopfen mir die Executives auf die Schulter und jammern, dass sie so etwas leider nicht zustande bringen wegen der verhärteten Strukturen. Das ganze System leidet an Verstopfung, zu viele Jobs blockieren eine innovative Entwicklung. Hollywood erinnert mich an ein großes Biest, das sich immer weiter aufbläht und dabei zur Unbeweglichkeit erstarrt. Technisch sind uns die Amerikaner voraus, aber die Emotionalität der Geschichten stagniert.

BF: Fühlen Sie sich eigentlich der Dogma-Idee verbunden?

ML: Man sollte sie nicht zu ernst nehmen. Die Dänen sind seriöse Spaßvögel, haben das Film-Rad aber nicht neu erfunden. Ich arbeite schon lange mit der Handkamera, ohne daraus ein Ideologie zu stricken.

BF: Werden Sie mit der Zeit nachsichtiger? Ich habe das Gefühl, es gibt mehr Vergebung und Verständnis in "All or Nothing" als in früheren Filmen.

ML: Wahrscheinlich eine Alterserscheinung und Ergebnis von Erfahrung, auch als Vater. Das heißt aber nicht, dass ich bequem werde, das Leben ist immer noch hart. Ich bin alles, nur kein Weichzeichner.

Quelle: Blickpunkt:Film

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