München/Berlin, 26.06.2017, 10:33  Blickpunkt:Film | Produktion
Thema: Filmfest München 2017

Laupert & Grosch: "Für einen guten Film darf man sich ruhig anschnallen"

Die Berliner Jumpseat Filmproduktion von Niels Laupert und Benjamin Grosch geht mit "Whatever Happens" an den Start. Die Beziehungsgeschichte mit Fahri Yardim und Sylvia Hoeks feierte in der Reihe Neues Deutsches Kino Weltpremiere. Jumpseat entwickelt neben weiteren Projekten auch eine Serie für den internationalen Markt.

"Whatever Happens" ist das erste Projekt der Berliner Firma Jumpseat (Bild: Universum) Großansicht
"Whatever Happens" ist das erste Projekt der Berliner Firma Jumpseat (Bild: Universum)
Die Berliner Jumpseat Filmproduktion von Niels Laupert und Benjamin Grosch geht mit "Whatever Happens Clip" an den Start. Die Beziehungsgeschichte mit Fahri Yardim und Sylvia Hoeks feierte in der Reihe Neues Deutsches Kino beim Filmfest MünchenWeltpremiere. Jumpseat entwickelt neben weiteren Projekten auch eine Serie für den internationalen Markt.

Jumpseat entwickelt neben weiteren Projekten auch eine Serie für den internationalen Markt. "Wir sind schon lange beste Freunde" beschreibt Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Niels Laupert, der mit Sieben Tage Sonntag seinen viel beachteten Abschluss an derHFF München gab, die Beziehung zu seinem Partner Benjamin Grosch, einem Strategieberater mit Leidenschaft für Film, in der gemeinsamen Firma Jumpseat. "Wir haben in unserer Freizeit so viel über Stoffe gesprochen und über Themen, die wir im Kino verhandelt oder anders verhandelt sehen wollen, dass wir dachten, wir können das effektiver in einer Firma umsetzen"", erzählt Laupert von der Gründung von Jumpseat im Jahr 2013. Grosch unterstreicht: "Wir wollen ein ernstzunehmender Player werden. Unser Anspruch ist, Geschichten zu erzählen, die die Menschen bewegen und Themen aufgreifen, die für unsere Gesellschaft relevant sind." "Wir sind mit dem Anspruch angetreten, keine Auftragsproduktionen zu machen. Wir verfolgen die Idee des Produzenten als Rechteinhaber, sehen uns eher als Thinktank, der sich auf die Stoffentwicklung und die Finanzierung von Projekten konzentriert. Für die Umsetzung und Ausführung gehen wir auch gerne Partnerschaften ein" führt Laupert die Firmenstrategie aus.

Das erste angedachte Projekt von Jumpseat war ein Erster-Weltkriegs-Stoff, den das Duo auch weiter verfolgt, "eine Agentengeschichte um einen deutschen Lawrence von Arabien, die aber durchaus Bezüge zu aktuellen Konflikten aufweist" so der Pitch von Laupert. Später kamen weitere, produktionstechnisch einfacher umzusetzende Stoffe hinzu, wie die Liebesgeschichte "Whatever Happens" Clip. Sie beginnt mit dem Ende einer Beziehung, der Auflösung der gemeinsamen Wohnung eines ehemaligen Paares, das sich bei der Besichtigung der Wohnung erst kennengelernt hatte. "Einer meiner Lieblingsfilme ist "Kramer gegen Kramer", der auch vom Ende einer Beziehung erzählt, irgendwie zeitlos ist und mich immer wieder berührt. Mich hat bei "Whatever Happens" interessiert, wie heute eine Beziehung funktioniert" so Laupert. "Wir zeigen die Zentrifugalkräfte, der die Liebe heute ausgesetzt ist - vor allem den Anspruch, alles mit allem zu vereinbaren - Liebe, Familie, ambitionierter Beruf, Einsatz für die Gesellschaft" führt Grosch aus.

Die Finanzierung für "Whatever Happens" ergab sich, als Niels Laupert beim Coproduction Market auf dem Filmfestival in Rom beim letzten avisierten Treffen mit Lizenzhändlern und Vertrieben auf Jonathan Saubach von Telepool traf. Laupert erzählte ihm zuerst von der für einen Weltvertrieb vermeintlich interessanteren, weil internationalen Agentengeschichte und erst auf Nachfrage von der deutschsprachigen Liebesgeschichte. Auf Basis des Drehbuchs sicherte sich Telepool nur eine Woche später die deutschen Fernsehrechte. "Für uns war das wie ein Sechser im Lotto, wenn man bedenkt, wie kompliziert und langwierig eine Kinokoproduktion in unserer föderalistisch geprägten Senderlandschaft zum Teil sein kann. Telepool hat uns vertraut und viel Freiheit gelassen", so Laupert. Aus der Zusammenarbeit entstand eine enge Freundschaft mit Jonathan Saubach, der bei "Whatever Happens" auch als Koproduzent fungiert - weitere gemeinsame Projekte sind in Planung. Nach Telepool kam mit Universum Film der "favorisierte Verleihpartner", an Bord, der das Potenzial des "Crossover-Titels zwischen Mainstreamkomödien und Arthouse" erkannte. "Wir wollten einen Film drehen, der in die Richtung von US-Filmen wie Richard Linklaters Benedikt Böllhoff und Max Frauenknecht von ViaFilm in München gewinnen.

Gedreht wurde "Whatever Happens" Anfang 2016 dann auch in München. Die Wohnung des Paares wurde komplett in den Bavaria Studios von Szenenbildner Andreas Widmann gebaut. Das geschah "zum einen aus gestalterischen Gründen und zum anderen weil die Drehbedingungen an Originalmotiven in München immer schwieriger werden", so Laupert. Das Budget beträgt etwa 1,8 Mio. Euro. "Aber wir haben ein Production Value von mindestens drei bis vier Mio. Euro", betont Laupert, der ausführt: "Wir hatten ein tolles Team, das mit großem Herzblut dabei war und jeder einzelne hat einen riesigen Beitrag dazu geleistet, dass der Film jetzt so aussieht. Zu ihnen gehört etwa der für "Above and Below" Clip mit dem Deutschen Filmpreis prämierte Kameramann Markus Nestroy und Editor Bernd Schlegel, der bereits bei einem Kurzfilm von Laupert mitgearbeitet hatte und Whatever Happens nach fast einjähriger Schnittphase zu Ende brachte. "Im vergangenen Herbst waren wir noch nicht überzeugt und haben noch viel ausprobiert." Schlegel übernahm von Ueli Christen, der bereits für ein Folgeprojekt verpflichtet war, so lange er Zeit hatte, dann übernahm Felix Schmerbeck, bevor Schlegel den Schnitt finalisierte. "Man ist nie 100 Prozent zufrieden", kommentiert Laupert, "aber alle Partner sind glücklich. Und ich bin sehr glücklich mit unseren Schauspielern, Fahri Yardim, der sich hier von einer ganz anderen Seite zeigt, und Sylvia Hoeks, die ja gerade auch international Karriere macht und bei der Neuverfilmung von "Blade Runner" neben Ryan Gosling und Harrison Ford zu sehen ist. Die beiden sind eine tolle Konstellation! Aber natürlich ist ein Film immer auch ein Kampf." Der Film habe sich im Lauf der Produktion verändert, "Im Drehbuch waren die verscheiden Zeitebenen viel stärker verwoben und es wurde viel mehr hin und her gesprungen. Im Schnitt wurden hier dann größere Blöcke gebildet und die Schlussszene bspw. ist in den Anfangsblock gewandert" so Laupert Auch durch den Einsatz der Musik hebe sich viel verändert, do Grosch. "Die tolle Musik konnte ich nur dank der Unterstützung von Familie und Freunden zusammenstellen", so Laupert. Sein Großcousin Robert Laupert steuerte mit seiner Band L' Aupaire gleich mehrere Songs bei, die Bluegrassband St. Beaufort von Lauperts engem Freund Henric Hungerhoff tritt im Film auf und ist mit einem weiteren Song im Soundtrack vertreten.

"Whatever Happens" (Bild: Universum) Großansicht
"Whatever Happens" (Bild: Universum)


"Whatever Happens" feiert nun im Rahmen der Reihe Neues Deutsches Kino beim Filmfest München Weltpremiere und ist für den Förderpreis Deutsches Kino für Regie, Produktion und Drehbuch nominiert. "Uns verbindet viel mit München, Benjamin ist in München geboren und aufgewachsen, ich habe hier an der Filmhochschule erst Produktion und dann Regie studiert. Wir haben in München gedreht, wobei München einfach für eine moderne Großstadt steht und der Film auch in jeder anderen deutschen Stadt spielen könnte. Das Filmfest ist das zweitgrößte Publikumsfestival nach der Berlinale, und setzt seinen Fokus auf deutsche Produktionen. Das schafft eine ganz andere Aufmerksamkeit. Auf der Berlinale könnte ein Film wie unserer auch untergehen. Bereits mein erster Film, Sieben Tage Sonntag, lief in München. Und wir schätzen Christoph Gröner, der die Reihe Neues Deutsches Kino kuratiert, sehr", so Laupert zur Entscheidung für das Filmfest. "Wir sind sehr glücklich darüber, mit unserer ersten Jumpseat-Produktion hier zu laufen", fasst Grosch zusammen.

Die Zusammenarbeit mit Telepool setzt Jumpseat nun mit einer internationalen Serie fort, für die Grosch und Laupert einen Developmentdeal erhielten. Die horizontal erzählte Serie handelt von einer Gruppe Diplomatenkinder in Berlin, die Grenzerfahrungen machen. Laupert skizziert den Mix aus Politik und Thriller sowie Coming-of-Age und Subkultur als "House of Cards" Clip trifft "Gossip Girls" und führt aus: "Berlin lebt von den Kontrasten zwischen Darkroom im Berghain und Charity-Dinner bei einer NGO." Als Produktionspartner an Bord ist der bei internationalen Projekten erfahrene und langjährige Freund Henning Kamm, der nach seiner Zeit bei Detail Film zur Studio-Hamburg-Tochter Real Film gewechselt ist. Gedreht werden soll im nächsten Jahr. Jumpseat hat parallel noch weitere Kinostoffe in der Entwicklung, u. a. eine englischsprachige, romantische High-Concept-Komödie und einen deutschen Coming-of-Age-Stoff um eine schicksalhafte Nacht.

"Wir sind uns bewusst, dass wir uns in einem schwierigen Markt befinden", merkt Grosch an und führt aus: "Es gibt viel zu viele Filme, die fürs Kino produziert werden und zu wenig Kinogänger. Das wird sich in der nächsten Zeit auch nicht ändern. Aber es gibt einen neuen Markt für anspruchsvolle Unterhaltung - vor allem Content, der global funktioniert und für globale Plattformen wie Amazon oder Netflix interessant ist. Mit unserer Serie wollen wir uns in diesem Bereich positionieren. Es wird sich zeigen, ob wir unseren Anspruch auch auf Dauer einlösen können." Grosch und Laupert sind beide gleichermaßen in die Entwicklung und Finanzierung involviert, wobei Grosch insbesondere von seiner Erfahrung im Projektmanagement bei der Boston Consulting Group profitiert, bei der er weiterhin Partner und Geschäftsführer ist.

Der Name der Firma bezieht sich übrigens auf ein Erlebnis Lauperts bei der Bewerbung für die Filmhochschule in Babelsberg. Da er erst Tage vor dem Ende der Bewerbungsfrist vom Termin erfuhr, arbeitete er drei Tage und Nächte an den Unterlagen und weil nicht das Datum des Poststempels sondern der tatsächliche Eingang des Materials zählte, versuchte er in Frankfurt am frühen Abend noch einen Flieger nach Berlin zu bekommen, die aber alle ausgebucht waren. Schließlich ergatterte er noch einen Platz auf einem Jumpseat, der sonst der Crew vorbehalten ist, und kam eine halbe Stunde vor dem Ende der Frist in Babelsberg an. "Ein Kinostuhl ist bzw. war ja auch ein Klappstuhl, so die direkte Übersetzung von Jumpseat, und für einen guten Film darf man sich ruhig anschnallen" liefern Laupert und Grosch eine weitere Deutung des Namens. Eine spannende Geschichte und passende Metapher für das Kino, die Lust auf die Projekte der jungen Firma macht.


Quelle: Blickpunkt:Film

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