Cannes, 25.06.2002, 12:43  Blickpunkt:Film

Jim Jarmusch zu "Ten Minutes Older - The Trumpet"

In dem Roadmovies-Projekt "Ten Minutes Older - The Trumpet" (Ottfilm, 26. Dezember) werfen sieben bekannte Regisseure, darunter Werner Herzog und Wim Wenders, jeweils einen zehnminütigen Blick auf die Vergänglichkeit von Zeit. In Jim Jarmuschs Beitrag "Int.Trailer.Night" geht es in eindrucksvollen Schwarzweißbildern um eine Drehpause im Wohnwagen.

Jim Jarmusch
Jim Jarmusch  
Blickpunkt:Film: Warum dreht ein renommierter Regisseur einen Kurzfilm?

Jim Jarmusch: Ich liebe Kurzfilme, sie sind oft viel präziser als auf 100 Minuten ausgewalzte Langfilme. Vor Jahren hatte ich viel Spaß an meiner Kurzfilm-Serie "Coffee and Cigarettes". "Stranger than Paradise Clip" entstand auch aus einem Kurzfilm. Außerdem schreibe ich auch gern Drehbücher für Kurzfilme.

BF: Wussten Sie, was Ihre Kollegen planten?

JJ: So richtig hat keiner die Katze aus dem Sack gelassen. Aki Kaurismäki murmelte mal vage irgendetwas von Bahnhof, Wim Wenders machte sibyllinische Andeutungen und von Spike Lee hörte ich immer nur "ich bin busy, aber ich schaff"s".

BF: Wie lange haben Sie an Ihrem Beitrag gearbeitet?

JJ: Die Story drehten wir in anderthalb Tagen, der Schnitt dauerte einige Wochen.

BF: Was waren die längsten zehn Minuten in Ihrem Leben?

JJ: Ich weiß nicht so genau, wahrscheinlich die Fahrt zum Arzt bei meiner Augeninfektion, vor Schmerz biss ich auf ein Stück Holz, eine Szene wie aus einem alten US-Western. Zeit ist etwas Willkürliches. Menschen haben kein richtiges Verhältnis dazu, oft existiert sie für uns gar nicht. Ich denke über Zeit nicht nach und schon mal gar nicht über Vergangenes, sondern blicke immer nach vorne. Ist ein Film fertig, schaue ich ihn mir nicht mehr an. Auf geht"s zu neuen Ufern.

BF: Zu welchen Projekten?

JJ: Sorry, aber dazu sage ich grundsätzlich nie etwas. Ich bin abergläubisch. Es steht nichts Aktuelles an. Nach meiner Augenkrankheit genieße ich den Augenblick, höre Musik, lese viel, reise, treffe Freunde.

BF: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihnen die Zeit davonläuft?

JJ: Manchmal. Aber ich setze mich keinem Druck mehr aus, deshalb fehlt es mir auch an Ehrgeiz. Was nutzen akribisch ausgearbeitete Pläne, wenn doch alles anders kommt. Die besten Dinge in meinem Leben passierten rein zufällig.

Im Schneideraum kommt die Stunde der Wahrheit

BF: Sie haben ein Faible für Musik, gewinnen renommierte Musiker wie Neil Young, John Lurie oder RZA zur Mitarbeit. Warum haben Sie sich eigentlich für das Medium Film entschieden?

JJ: Weil diese Kunstform alles in sich trägt - Musik, Rhythmus, Schauspiel, Design und Skulptur - in der Art wie man schneidet. Nicht zu vergessen kreative Zusammenarbeit. Ich schreibe immer allein, die Finanzierung halte ich für einen Akt krimineller Aktivität, das Drehen für eine Erholung, weil man sich endlich wieder unter Menschen bewegt, und beim Schnitt hockt man zu zweit in einem kleinen stickigen Raum, die interessanteste Phase. Filmemachen ist so etwas wie ein Riesenstück Marmor aus dem Berg zu brechen und daraus beispielsweise einen Bären zu formen. Im Schneideraum kommt dann die Stunde der Wahrheit. Sieht das Ganze nach Bär oder Hund aus.

BF: Wenn Finanzierung Stress für Sie bedeutet, muss "Ten Minutes Older" doch wie Urlaub gewesen sein, weil sich drei Produzenten um alles kümmerten.

JJ: Ja und nein. Ich bin ein ausgesprochener Kontrollfreak und über gern Einfluss aus, deshalb behalte ich auch mein Negativmaterial. Wenn die Finanzierung jemand anders macht, stört mich das auch, weil ich gewohnt bin, alles bis zum Vertrieb selbst in der Hand zu haben.

BF: Deshalb sind Sie Hollywood ferngeblieben?

JJ: In jüngeren Jahren kamen Angebote und ich habe mich gewundert, was die Studio-Executives eigentlich wollten. Die gucken wahrscheinlich in den Computer und wenn der einen Namen anzeigt, der fünf Mal in "Variety" stand, fragen sie einfach an. Auch wenn sie noch nie einen Film von diesem Menschen gesehen haben.

BF: Sie gelten als Ikone der Independent-Szene. Funktioniert die nur noch als Durchlauferhitzer für die Studios?

JJ: Nicht nur. Leute meiner Generation wie die Coen-Brüder machen Studiofilme und haben die Kontrolle nicht verloren. Es geht nicht darum, woher das Geld kommt oder wer den Film herausbringt, sondern darum, die eigene Vision zu bewahren und durchzusetzen. Es gibt tolle Talente wie Harmony Korine oder Wes Anderson, die stehen für Vielfalt weitab von ausgelutschtem Schemadenken.

BF: Stimmt es, dass Ihre Mutter alle Preise aufbewahrt?

JJ: Da sind sie gut aufgehoben. Ich verstehe die Preispolitik nicht, aber Awards helfen, Leuten für das nächste Projekt Geld aus der Tasche zu ziehen, also her damit.

BF: Rainer Werner Fassbinders Todestag jährt sich zum 20. Mal. Hat er Sie beeinflusst?

JJ: Seine persönliche Handschrift bleibt unerreicht, allein die Kameraeinstellungen bei "Katzelmacher" vergesse ich nicht. Es sind viele kleine Momenten und Szenen aus seinem Gesamtwerk, die sich mir eingeprägt haben.


Quelle: Blickpunkt:Film

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