Berlin, 17.02.2017, 15:18  Blickpunkt:Film | Kino
Thema: Berlinale 2017

Innovationstreiber Filmwirtschaft

SPIO-Präsident Alfred Holighaus, Jörg Pohlman (Arri) und Martin Moszkowicz (Constantin) (Bild: SPIO/Hercher) Großansicht
SPIO-Präsident Alfred Holighaus, Jörg Pohlman (Arri) und Martin Moszkowicz (Constantin) (Bild: SPIO/Hercher)
Wer an die Filmwirtschaft denkt, hat - K.I.T.T. hin oder her - womöglich nicht unmittelbar auch selbstfahrende Autos oder hochentwickelte 3D-Operationsmikroskope im Hinterkopf. Und doch haben diese Dinge sehr viel miteinander zu tun, denn die digitale Filmtechnik eröffnet erhebliche und wertvolle Synergien "mit neuen Disziplinen, die sich auf jede erdenkliche Weise mit audiovisuellen Inhalten beschäftigen: von der Kameratechnik in selbstfahrenden Autos bis zur digitalen Animation virtueller Realitäten", wie es Alfred Holighaus auf einer erstmals zur Berlinale abgehaltenen Informationsveranstaltung der SPIO formulierte.

Dass diese Runde unter dem Motto "The Big Picture: Die deutsche Filmwirtschaft als Innovationstreiber und Partner der Industrie 4.0" gerade in diesem Jahr ins Leben gerufen wurde, ist vermutlich kein Zufall, steht die Politik doch in gewisser Weise an einem Scheideweg hinsichtlich einer strategischen Entscheidung in Sachen Film- und Medienförderung (auch wenn der nächste Schritt wohl eher nicht vor der neuen Legislaturperiode erfolgen wird). Unzählige andere Länder haben die Frage nach einer industriepolitischen Maßnahme längst in deren Sinne beantwortet - und Deutschland zusehends abgehängt. Eine nicht eben neue Erkenntnis, die durch eine aktuelle Studie des Bundeswirtschaftsministeriums aber noch einmal nachhaltig bestätigt wurde.

Nicht dass man nicht dankbar für den jüngsten Schritt der Kulturstaatsministerin in Sachen DFFF wäre - ganz im Gegenteil, wie Constantin-Vorstand Martin Moszkowicz als einer der Gastredner betonte. Dass man das Modell wider Erwarten so kurzfristig aufgestockt hatte, sei eine tolle Sache. Aber um Deutschland wieder nachhaltig auf die Landkarte für Großproduktionen zu setzen und das wahre Potenzial der Filmwirtschaft zu heben, sei dieser Ansatz nicht ausreichend. "Wir müssen wegkommen von einer Art 'Bedürftigenförderung', wir müssen einen industriepolitischen Ansatz verfolgen, der diese Zukunftsindustrie in die Lage versetzt, sich mit Produktionen aus Hollywood zu messen!"

Auf Seite von Technik und Dienstleistungen - übrigens auch das eine klare Aussage der BMWi-Studie - ist Deutschland hingegen längst auf Hollywood-Niveau, teils sogar maßgeblicher Player, wie Arri-Vorstand Jörg Pohlman kurz skizzierte. Die Alexa-Kamerareihe (gerade erst wieder mit einem Technik-Oscar prämiert) ist das Instrument der Wahl für den Großteil der Academy-Award-Nominierten in den Königskategorien. Auch Pohlman, dessen Unternehmen auf Basis des Know-Hows im Kamera- und Lichtbereich übrigens jene Medizinsparte gegründet hat, aus deren Portfolio das eingangs erwähnte Mikroskop stammt, unterstrich zwar, dass er die 25 Mio. Euro an DFFF-Aufstockung als positives Signal erkenne. Allerdings müsse man dieses ins Verhältnis zum tatsächlichen Bedarf setzen, der bestehe, um internationalen Produktionen einen konkurrenzfähigen Anreiz zu bieten. Im vergangenen Jahr jedenfalls habe man im Rental-Bereich alleine in Budapest mehr Umsatz generiert als hierzulande bundesweit. Zudem wies er auf technologische Innovationen wie beispielsweise Dolby Vision hin, die kaum eine deutsche Produktion unter den heutigen Umständen in der Lage sei zu finanzieren. Generell auf das Fördersystem in Deutschland blickend, sprach sich Pohlman sehr deutlich dafür aus, sich nicht "im Klein-Klein zu verheddern". Gefragt sei zuallererst mehr Qualität, nicht mehr Quantität.

Auch wenn die volkswirtschaftliche Bedeutung der deutschen Film- und TV-Branche bislang womöglich hie und da unterschätzt wurde (etwas, das sich spätestens mit der BMWi-Studie ändern sollte) und der Fokus der aktuellen Debatte völlig zurecht auf diesem Punkt liegt: Die wichtige Rolle des Films als Kulturbotschafter wurde beim SPIO-Termin nicht nur gestreift, sondern sehr nachhaltig von Andreas Görgen, dem Leiter der Kultur- und Kommunikationsabteilung im Auswärtigen Amt, betont. Als Experten für Filmproduktion betrachte man sich in seiner Behörde zwar nicht. Insofern wolle man auch nicht beurteilen, welcher Weg der richtige zum erstrebenswerten Ziel sei, den deutschen Film in Entstehung wie Auswertung weiter zu internationalisieren. Aber man gebe der Kreativwirtschaft sehr gerne Unterstützung in der Außendarstellung.

Was die Außenwirkung des deutschen Films betrifft, hatte Martin Moszkowicz übrigens noch eine Zahl zu präsentieren, die schon für sich genommen illustrierte, wie viel Luft noch nach oben ist. Außerhalb der EU liege der Marktanteil für europäische Filme bei gerade einmal drei Prozent - und davon entfallen wiederum lediglich vier Prozent auf deutsche Produktionen. Für ein Land, dass sich ansonsten als Exportweltmeister rühmt, womöglich eine Tatsache, die Ehrgeiz wecken könnte und sollte. Oder wie es der Constantin-Vorstand formulierte: "Die Kreativindustrie ist bereits heute der maßgebliche in die Zukunft gerichtete Wirtschaftszweig in Deutschland und der Welt. Gerade wir, ein rohstoffarmes und exportorientiertes Land, müssen dies erkennen und gezielt fördern, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen."

Marc Mensch


Quelle: Blickpunkt:Film

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