Hamburg, 06.12.2001, 16:00  Blickpunkt:Film

Heinrich Breloer über seinen Dreiteiler "Die Manns"

"Einen Höhepunkt meiner Amtszeit als Intendant" nannte der ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen das neue Dokudrama von Heinrich Breloer: "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" (ARD: 17., 19. und 21.12., jeweils 20.15 Uhr). Blickpunkt:Film sprach mit dem Autor und Regisseur über den ca. 20 Mio. Mark teuren Dreiteiler.

Heinrich Breloer
Heinrich Breloer  
Blickpunkt:Film: War die Zeit für "Die Manns" jetzt erst reif? Oder hätten Sie diese große Familiengeschichte gern schon vor zehn Jahren erzählt?

Heinrich Breloer: Ich brauchte den Erfolg von "Todesspiel", um diese Geschichte so groß zu erzählen und auch so teuer zu besetzen, wie das notwendig ist. Die Sender hatten Angst, dass ich einen Literaturfilm mache, ein "mieses Oberlehrerstück". Ich sagte, das wird ein Familienfilm und das ist eine dramatische Familie, also fürchtet euch nicht vor Thomas Mann!

BF: War von Anfang an klar, dass Sie sich nicht auf die Brüder Heinrich und Thomas Mann konzentrieren würden?

HB: Es ist auf vielen Ebenen ein Familiensystem, die Mitglieder hängen miteinander subkutan zusammen, der eine lebt z.B. für den anderen etwas aus - das musste im Zusammenhang gezeigt werden. Sonst wäre die Wahrheit der Familie nicht getroffen gewesen.

Eine Handvoll Dollars für Mueller-Stahl

BF: Wie haben Sie so ein hochkarätiges Ensemble zusammen bekommen?

HB: Wer sollte Thomas Mann spielen? Es musste jemand sein, dem man auch zutraute, die "Buddenbrooks" geschrieben zu haben - und das kann nicht jemand, der morgen abend schon wieder einen Kommissar spielt. Armin Mueller-Stahl ist auch eine künstlerische Person, er schreibt Romane, spielt Geige, malt sehr begabt. Außerdem sieht man ihn nicht jeden Tag im deutschen Fernsehen, er lebt in Amerika. Ich habe ihm damals gesagt, das ist doch die schönste Rolle, mit der man nach Deutschland zurück kommen kann. Es waren auch harte Verhandlungen, die ich mit seinem US-Agenten führen musste. Bei den Dollars schluckten sie schon bei den Sendern.

BF: Hätten Sie den Film auch ohne Mueller-Stahl gemacht?

HB: Ich glaube, ja. Ich hatte natürlich eine Alternative. Es war für mich klar, dass diese Geschichte jetzt erzählt werden musste. Ich wusste, wenn noch Zeitzeugen leben würde, sind diese alle über 80. Es sind bereits an die zehn Personen nach den Interviews gestorben, wie die Sekretärin von Thomas Mann, Hilde Krahn-Reach. Es war der letzte Moment, um diese Stimmen (etwa 50 verschiedene) zu sammeln, die auch zum großen Teil in den drei 90-minütigen Dokus in den Dritten Programmen zu sehen sein werden: "Unterwegs zur Familie Mann".

"Die Manns" befanden sich bereits vier Wochen beim ZDF

BF: Warum haben Sie auf manche Geschichten aus dem Leben der Manns verzichtet?

HB: Ich hatte - gemeinsam mit Horst Königstein - fünf Teile geschrieben, sollte dann aber erst nur zwei machen. Ich war schon vier Wochen beim ZDF, bis man sich überlegte, dass ich es doch für die ARD machen soll, dann hat man drei Teile genehmigt. Ich musste mich aber trotzdem auf Hauptlinien und -konflikte konzentrieren. Es war ein echter Kampf, um durchzusetzen, dass ich 105 statt 90 Minuten drehen konnte. Das war das Äußerste, was ich machen durfte. Ich habe dennoch mehr Spielszenen gedreht, auch die werden dann in den Dokumentation zu sehen sein.

BF: Wie lange haben Sie insgesamt an den "Manns" gearbeitet?

HB: Vier Jahre: ein Jahr Recherche, ein Jahr Drehen, ein Jahr Schneideraum und jetzt die Endarbeiten. Dazu kommt noch der Roman, den ich aus den Drehbüchern geschrieben habe sowie ein zweites Buch, in dem ich die Interviews herausgebe. Die insgesamt sechs Filme werden mit einem Making-of auf DVD herausgegeben. Ich will nicht, dass das Material im Archiv versinkt.

BF: Sie haben über Ihre anderen Dokudramen gesagt, Sie möchten damit "Wahrheitsanker werfen". Welche Wahrheit sollte nun, wo doch so viel bekannt ist, transportiert werden?

HB: Sie werden sich wundern, wie wenig die meisten Menschen über die Familie Mann wissen. Ich dachte, dass man sie wie Unbekannte vorstellen muss. Im Unterschied zu den reinen Fiktionsstücken, die wir in der Biopicture-Serie in diesem Jahr erlebt haben, hat man hier doch das Gefühl, es ist keine reine Erfindung, keine wüsten Fantasien über Figuren der Zeitgeschichte. Da sich in den "Manns" Doku-Ebene und Spielszenen ergänzen, denkt man nicht "gut erfunden", sondern "so könnte es gewesen sein". Durch die Dokumente werden Wahrheitsanker geworfen.

BF: Wie ist es Ihnen gelungen, Elisabeth Mann Borgese zum Reden zu bringen? Sie hatte ja bis zu ihrem 80. Lebensjahr gesagt, sie wolle nie über ihre Familie sprechen.

HB: Sie war zunächst sehr skeptisch, ob ich ein vertrauenswürdiger Mensch sei, hat sich dann aber sehr auf ihr Gefühl verlassen. Am Anfang wollte sie, glaube ich, Thomas Mann ein Denkmal bauen. Sie wollte den Germanisten mit meiner Hilfe richtig einen Einschenken (lacht) und alles gerade rücken - der kalte Dichter usw. - alles Quatsch. Wir sind einmal um die Welt gereist und ich habe ihr, in geduldiger Form, Dokumente vorgelegt, und sie hat sich offen dem Gespräch gestellt. Denn wir haben die Recherche, den ganzen Gesprächsverlauf mit gedreht.

BF: Manchmal scheint es, als ob Sie von ihr etwas hören wollen, was Sie aus Ihren Recherchen eigentlich bereits wissen.

HB: Wir wollten wissen, wie weit sie, als das Kind, das immer Zuhause war, eingebunden war. Sie war die letzte Zeugin, mit wem sollte man sonst versuchen, nah an die Wirklichkeit und Wahrheit in Thomas Manns Leben heran zu kommen? Ich bin gut mit ihr befreundet, und sie hat gerade noch einmal gesagt, dass sie sich überhaupt nicht unfair behandelt fühlte. Sie war sehr gerührt über die drei Filme, hatte danach Tränen in den Augen und hat mir später ein E-Mail geschickt, das alles wahr und rechtens ist.

BF: Hatten Sie manchmal das Gefühl, jetzt habe ich ihr - Elisabeth Mann Borgese ist immerhin über 80 - zu viel zugemutet?

HB: Nein, im Gegenteil. Ich hatte gegenüber den Zuschauern ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, nicht genug gefragt zu haben. Denn es war die letzte Gelegenheit, an die Wahrheit heranzukommen. Ich wusste, sie weiß viel mehr und musste immer überlegen, mit welchen Mitteln ich das noch für uns alle an Land ziehen konnte. Denn - das hat sie verstanden - wir zeigen ja kein schlechtes Bild von Thomas Mann, sondern in welchen Nöten er war. Wenn wir ihn als einen Menschen kennenlernen, der Qual und Leid durchläuft, bewundern wir ihn ja sogar noch mehr, weil es ihn menschlicher und freundlicher macht.

Schwerer Verzicht auf "zwei Minuten Titanic"

BF: War "Die Manns" Ihre bislang schwierigste Arbeit?

HB: Es war vor allem eine besonders schöne Arbeit. Ich habe vorher Barschel, Engholm, "Kollege Otto", Wehner gemacht - und wenn man so durch die Kanäle der deutschen Geschichte schreiten muss, ist es wunderbarer, mal wieder unter anständigen Menschen zu sein (lacht).

BF: Hatten Sie zwischendurch trotzdem Resignationsphasen?

HB: Wenn Redakteure ganze Seiten durchstreichen und manchmal kurz vor Drehbeginn mit glühenden Kugeln durch die Bücher schießen - das ist schade. Ich musste einen Tag vor der letzten Besprechung 2,5 oder drei Mio. Mark herausstreichen und danach die losen Fäden wieder zusammen bringen. Ich habe trotzdem einige Szenen gedreht, ohne dass es bemerkt wurde, weil ich mir Zeit heraus gearbeitet und die Schauspieler heimlich die Texte gelesen und gelernt hatten. Auch die Szene, in der Monika Mann ertrinkt, hätte ich gern in dem Tauchbecken in Malta gedreht, in dem auch "Das Boot" aufgenommen wurde. Es hätte gar nicht viel gekostet und hätte für zwei Minuten wie Titanic" ausgesehen - aber nein, es ging nicht.

BF: Sind Sie insgesamt mit der ARD zufrieden?

HB: Selbstverständlich. So ein aufwändiges Projekt können sie nur mit den Öffentlich-Rechtlichen realisieren, das macht ein Privatsender nicht so schnell mit.

BF: Sie starten in der ARD gegen den Quotenfresser "Wer wird Millionär?"...

HB: Das ist ungeheuer schwer - da verlieren Sie zwei Millionen ohne Gnade. Ich war sehr dankbar, das Günter Struve "Die Manns" selbst nicht in der Quote so hoch angesetzt hat und mich freistellt von dem ganz großen Quotendruck.

Quelle: Blickpunkt:Film

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