Nach "Cabin Fever" legte Eli Roth mit "Hostel" (Sony, 27. April) einen weiteren Horror-Hit vor. Er landete sogar auf Platz eins der US-Charts und war so lukrativ, dass Teil zwei bereits in Arbeit ist.
Seit "Cabin Fever" werden Sie als Wunderkind des Horrorgenres gefeiert. Hollywood muss Sie mit Angeboten überhäufen. Das kann man wohl sagen, aber die meisten Drehbücher kann man vergessen. Ich traf mich mit vielen Studiobossen und bekam immer wieder zu hören, was man bei einem Horrorfilm alles nicht darf. Bei einem möglichen Projekt kam ich bei Universal mal mit dem Vorschlag, einen Zehnjährigen in der Anfangsszene von seinem Kuschelteddy zerstückeln zu lassen, was natürlich abgelehnt wurde.
Mit welcher Begründung? Dass Kinder im Film nicht gekillt werden dürfen. Ich antwortete, dass Kinder nun mal getötet werden und sie sich nur mal Fritz Langs "M" ansehen müssten. Darauf wurde mir vorgerechnet, dass ein Horrorfilm von 40 Mio. Dollar für ein breites Publikum bestimmt ist, und das nicht möglich wäre, wenn er erst ab 18 Jahren freigegeben wäre. In Hollywood geht man auf Nummer sicher, und das widerspricht nun mal der Natur eines Horrorfilms, der in Gefahrengebiete eindringt, die uns Angst machen.
Wie viel Geld stand Ihnen für "Hostel" zur Verfügung? Vier Mio. Dollar. Aber das ist mir lieber als mit 25 Mio. einen Film zu machen, der sich nichts traut. Selbst bei "Hostel" gab es Diskussionen, als man bei Sony die Folterszenen sah und mir gesagt wurde, so einen Film könnte Sony nicht herausbringen. In Europa schon, aber nicht in Amerika, wo die Zuschauer entsetzt wären, dass Sony so etwas wagt. Deshalb kam "Hostel" dort unter dem Label von Sonys Kooperationspartner Lionsgate in die Kinos.
Gab es mit den Sexszenen in "Hostel" ebenfalls Probleme? Sex im Film ist in Amerika ein richtiges Tabuthema. Da gibt es Fernsehserien wie "24" und "CSI", in denen es viel Gewalt gibt und die Leute lieben es. Aber sobald die Brustwarzen von Janet Jackson zu sehen sind, gerät das Land in Aufruhr. Besonders aus religiösen Vereinigungen kommt dann viel Widerstand. Sie sind so gut organisiert, dass sie ihre Macht voll ausspielen können.
Waren Sie gezwungen, Szenen herauszuschneiden? Nein, überhaupt nicht, womit plötzlich das Studio ein Problem hatte. Die Bosse rechneten nicht mit einem "R-Rated" für "Hostel" und fürchteten um ihr DVD-Geschäft mit einer "Unrated"-Version. Also erweiterte ich die Szene mit dem Auge um etwa 20 Sekunden, was keinen großen Unterschied macht. Nervös war ich nur bei den Sexszenen. Ich war mir nicht sicher, wie weit ich gehen könnte und engagierte für Nahaufnahmen sogar zwei Pornodarsteller. Bei Sony fragte man sich, was hat der Kerl nur vor. Aber ich habe alles drin, was ich wollte.
Wie ist die Idee zu "Hostel" überhaupt entstanden? Nach "Cabin Fever" kamen die Produzenten Chris Briggs und Mike Fleiss auf mich zu und sagten, wir müssten mal was gemeinsam auf die Beine stellen. Wir hatten alle Erfahrungen mit Rucksackreisen durch Europa und dachten, dass könnte eine tolle Welt für einen Horrorfilm sein. Es blieb zunächst dabei, mehr fiel uns erst einmal nicht ein. Bis ich im Internet auf eine Seite stieß, auf der angeboten wurde, dass man für eine Summe von 10.000 Dollar in Thailand einen Menschen in den Kopf schießen dürfte. Das fand ich so ungeheuerlich, dass ich daraus einen Dokumentarfilm machen wollte. Es war jedoch zu schwierig, an Informationen zu kommen. Da kam mir der Geistesblitz, das als Ausgangssituation für "Hostel" zu nehmen. Innerhalb von zwei Wochen hatte ich das Drehbuch fertig.
Bei "Cabin Fever" ließen Sie sich durch Horrorklassiker wie "Tanz der Teufel" und "Blutgericht in Texas" beeinflussen. Welche Filme standen bei "Hostel" Pate? Mit "Cabin Fever" war ich auf vielen Filmfestivals rund um den Erdball und sah Filme aus Japan und Südkorea, die in Amerika nie zu sehen waren. Einer, der mich dabei besonders inspirierte, war Takashi Miike und sein Film "Audition". Andere Klassiker, durch die ich mich beeinflussen ließ, waren "Spurlos verschwunden" aus Holland und "The Wicker Man" aus Großbritannien.
"Die Leute wollen schreien. Deshalb gehen sie ins Kino."
Schürt der Film nicht zusätzlich die Paranoia der Amerikaner vor allem, was fremd ist? "Hostel" reflektiert absolut die momentanen Ängste meiner Landsleute. Laut neuesten Umfragen besitzen nur zwölf Prozent aller Amerikaner einen Reisepass. Sie verlassen nicht mehr ihre Umgebungen, weil sie von der Bush-Administration paralysiert wurden. Sie fühlen sich nicht mehr geschützt, und selbst der Armee trauen sie nach der Katastrophe in New Orleans nicht mehr. Wo waren Polizei und Armee, als in einer so großen Metropole Menschen auf ihren Dächern auf Hilfe warteten und Frauen vergewaltigt wurden? Die Leute haben Angst und wollen schreien. Deshalb gehen sie ins Kino, der einzige Ort, wo sie schreien dürfen.
Gibt es noch Filme, die Ihnen Angst einjagen können? Gus Van Sants "Elephant" hat mich ziemlich verstört, weil er so nah an der Wirklichkeit war. "L.A. Crash" ließ mich dagegen kalt, weil er so unrealistisch war und kein Mensch so redet wie in diesem Film. Ein Film, der mir allerdings richtig das Fürchten beigebracht hat, war "Im Dutzend billiger". 80 Mio. Dollar werden für so einen Mist ausgegeben.
Was regt Sie dabei so auf? Ich habe gehört, dass es in den Studios ernsthafte Diskussionen darüber gab, warum man 80 Mio. für einen Film verpulvert, wenn Regisseure wie ich mit vier Mio. auskommen und das Zwölffache wieder einspielen. "Hostel" hat keine Stars, dafür eine Menge Gewalt und scheuchte Disneys "Die Chroniken von Narnia" in den USA sofort vom ersten Platz. Die großen Studios haben keinen Kontakt mehr zum Publikum. Zumindest wenn es um das erwachsene Publikum geht. Ich drehe Horrorfilme für Erwachsende und treffe damit einen Nerv.
Befürchten Sie nicht, auf dieses Genre festgelegt zu werden? Als nächstes bereite ich "Hostel 2" vor, danach folgt die Stephen King-Verfilmung "Cell" und wegen einiger Komödien bin ich auch schon in Gesprächen. Vor "Cabin Fever" drehte ich etwa 20 animierte Kurzfilme. Darauf war ich spezialisiert. Nun sind es Horrorfilme, worüber ich mir nicht weiter den Kopf zerbreche. Ich habe noch sehr viel über Film zu lernen, bewundere Leute wie Quentin Tarantino und Sam Raimi und weiß, wie man da hinkommt. Ich liebe Horrorfilme, weil sie mir die Chance zum Experimentieren geben, wodurch ich als Regisseur nur besser und besser werden kann.
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