Berlin, 14.02.2002, 12:59  Blickpunkt:Film

Ehrenbär-Gewinner Robert Altman zu "Gosford Park"

Auf der Berlinale wurde "Gosford Park Clip" (Ottfilm, 11. April) anlässlich der Auszeichnung Robert Altmans mit einem Ehrenbären für sein Lebenswerk im Wettbewerb außer Konkurrenz gezeigt. Soeben wurde der Film, der Altman einen Golden Globe einbrachte, für sieben Oscars nominiert.

Am 10. Februar wurde Robert Altman
für sein Lebenswerk geehrt
Am 10. Februar wurde Robert Altman für sein Lebenswerk geehrt  
Blickpunkt:Film: Was hat Sie an einem Porträt der englischen Klassengesellschaft interessiert?

Robert Altman: Ich habe noch nie davor einen Murder-Mystery-Film gedreht. Und ich suche nach Genres, die neu für mich sind. Ich bin kein sonderlich kreativer Filmemacher, also halte ich Ausschau nach Genres und gebe ihnen meinen persönlichen Dreh.

BF: Was gefällt Ihnen am Spiel mit Genres?

RA: Ich glaube nicht, dass ich jemals einen Film gedreht habe, der nicht von dem Film eines anderen Filmemachers inspiriert gewesen wäre, den ich bereits gesehen hatte. Wenn ich nicht so arbeiten würde, hätte ich Angst, dass ich mich wiederholen könnte. Wenn es so weit kommen würde, dann bräuchte ich nicht mehr zur Arbeit erscheinen.

"Alle haben den gleichen Meister: das Geld"

BF: Ihre Verweigerung, die Regeln der Genres und Hollywoods mitzuspielen, hat sie zum Außenseiter gemacht.

RA: Ich bin ein Außenseiter, weil an dem, von dem ich ausgeschlossen werde, etwas Grundlegendes verkehrt ist. Da drinnen spielen alle das gleiche Spiel auf die gleiche Weise und haben den gleichen Meister. Leider ist dieser Meister das Geld.

BF: Übernehmen Sie gern die Rolle des Außenseiters?

RA: Nein. Auch ich gehe gern auf die Party. Ich bin wie ein einbeiniger Mann. Dem gefällt es zwar auch nicht, so durchs Leben gehen zu müssen, aber er muss trotzdem damit fertig werden.

BF: Ärgert es Sie, dass die Kritiker Ihre Filme lieben, sie aber dennoch kaum beim Publikum reüssieren?

RA: Natürlich würde ich mir mehr Erfolg wünschen, aber ich bin lange genug in diesem Geschäft, um zu wissen, dass das nicht passieren wird. Aber dieses Wissen kann kein Kriterium für meine kreativen Entscheidungen sein. Wenn ich es versuchen würde, würde ich versagen. Ich muss die Dinge so machen, wie ich sie mache. Ich hole das Maximum aus meinen Möglichkeiten heraus und hoffe, dass dem Publikum gefällt, was es sieht.

BF: Wie würden Sie das Genre des Murder-Mysterys bewerten?

RA: Das ist alles etwas unrealistisch und albern, aber auch sehr unterhaltsam? Deshalb wollten wir einen Film im Stil von Agatha Christie machen, in dem all das passiert, was man erwartet, der aber tatsächlich etwas ganz anderes erzählt, über eine Sozialstruktur, in der ein Mord geschieht. Es ist also kein Whodunnit, sondern fast so etwas wie ein Who-cares-whodunnit?

BF: Sie haben den Film im Jahr 1932 angesiedelt. Damals waren Sie selbst ein Kind. Haben Ihnen die Erinnerungen an diese Zeit bei der Realisierung des Films geholfen?

RA: Ich glaube schon. Wenn ich die Schauspielerinnen in ihren Kleidern sah, schwebten mir Bilder meiner Mutter und meiner Tanten vor, wie sie damals aussahen. Ich habe keine spezifischen Erinnerungen an die Zeit, aber intellektuell war mir absolut klar, dass ich zu dieser Zeit bereits am Leben war. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mir noch kein Film so viel Spaß gemacht hat wie dieser. Es war eine überraschend wunderbare Erfahrung.

BF: Sie zeigen eine Gesellschaft, deren Zeit fast abgelaufen ist.

RA: Die Zeit läuft ab, weil wir uns alle auf diesem Fluss bewegen, der unablässig weiterfließt. Ursprünglich war der Film im Jahr 1934 angesiedelt, aber wir entschieden uns für den November 1932, weil ich nicht wollte, dass Hitler zum Zeitpunkt der Handlung an der Macht ist.

"Filmpreise sind für mich kostenlose Werbung"

Es ist ein englischer Film mit einem englischen Thema, und da wollte ich mich nicht aufs Glatteis wagen. Gerade die britische Oberschicht war damals sehr für die Nazis, weil sie hoffte, dass die Maschine Hitlers ein Schutzschild vor den Russen bilden würde - und dann drehte sich das Monster um und biss sie in den Arsch. Aber das hat mich als Filmthema nicht interessiert, weil es schon viel zu oft behandelt wurde und den Film überladen hätte. Zu viel Information hat leider allzu leicht falsche Information als Resultat.

BF: Warum haben Sie die amerikanischen Filmemacher in "Gosford Park" untergebracht?

RA: Für mich waren Sie Referenzpunkte, um mich in einer mir fremden Welt zurecht zu finden. Der Produzent ist eine Erfindung, aber was er über die Charlie-Chan-Filme und alles weitere in Hollywood sagt, ist Fakt, ebenso wie der Schauspieler Ivar Novello, der sehr genau recherchiert wurde. Sie sind wie Eisenbahnschienen, die uns in den Film mitten hinein führen.

BF: Hätten Sie den Film auch in Hollywood drehen können?

RA: Nein, absolut undenkbar. Dafür hätten die Agenten der Schauspieler schon gesorgt.

BF: Wie wichtig sind Ihnen Filmpreise?

RA: Kostenlose Werbung für meinen Film.

BF: Und der Ehrenbär?

RA: Noch mehr kostenlose Werbung für meinen Film.

Quelle: Blickpunkt:Film

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