Cannes, 25.07.2002, 17:53  Blickpunkt:Film

Disney-Trickfilmchef Tom Schumacher zu "Lilo & Stitch"

Tom Schumacher arbeitet seit mehr als 15 Jahren bei Disney. Seit dem Ausstieg seines einstigen Partners Peter Schneider, der vorübergehend die Leitung der Filmabteilung von Buena Vista übernahm, führt Schumacher die Zeichentrick- und Theaterabteilung des Majors allein.

Tom Schumacher
Tom Schumacher  
Blickpunkt:Film: Mit "Lilo & Stitch Clip" hat Disneys Zeichentrickabteilung Neuland betreten. War das eine bewusste Entscheidung?

Tom Schumacher: Die bewusste Entscheidung war, dass ich mit Chris Sanders arbeiten wollte. Ich bin seit 15 Jahren bei der Firma, und er war der erste Künstler, den ich damals bei der Arbeit an Storyboards sah. Seither liebe ich seinen Stil, den Look seiner Zeichnungen. Während wir an "Mulan" arbeiteten, ermutigte ich ihn, Vorschläge für einen Film zu machen. Als wir gemeinsam eine Karaokebar besuchten, steckte er mir die Idee zu "Lilo & Stitch". Eines war klar: Wenn Chris diesen Film machen würde, würde das Ergebnis einzigartig werden. Ungewöhnlich, aber im Kern doch Disney, durch und durch.

BF: Sie haben den Film vermarktet, indem Sie Stitch in den Trailern in zahlreichen Disney-Klassikern auftauchen ließen.

TS: Wir mussten einen eleganten Weg finden, eine so ungewöhnliche Figur wie Stitch einem breiten Publikum vorzustellen. Wenn man einfach nur Clips von ihm zeigt, wird man nicht warm mit ihm. Weil er im Film die Erde erobert, hatten die Regisseure die Idee: Wie wäre es, wenn Stitch in der Werbekampagne Disney erobert? Eigentlich ist Disney sehr pingelig, was diese Dinge anbetrifft, aber in diesem Fall gaben wir grünes Licht. Für uns ist es einfach ein pfiffiger In-Joke.

BF: Ist "Lilo & Stitch" auch als Reaktion auf die Konkurrenz von Dreamworks zu sehen?

TS: Lassen Sie es mich deutlich ausdrücken: Dreamworks hatte einen Hit, Betonung auf "einen". Wenn es nach mehr aussieht, liegt das an der guten Öffentlichkeitsarbeit von Jeffrey Katzenberg. Der eine Hit war ein toller Film. Hut ab. Als ich bei Disney anfing, sahen Jeffrey und ich uns einer gewaltigen Konkurrenz ausgesetzt. Don Bluth hatte gerade mit "Feivel - Der Mauswanderer" den erfolgreichsten Zeichentrickfilm aller Zeiten ins Kino gebracht, er spielte 49,5 Mio. Dollar ein. Disneys Zeichentrickabteilung war am Boden. Die Filme waren mies, die Zeichner verließen uns und gingen nach Irland, um bei Don Bluth zu arbeiten, Spielbergs Amblimation saß uns im Nacken. Das war eine harte Zeit. Konkurrenz im Zeichentrickgeschäft gab es schon immer. Das ist nichts Neues. Die einzige Konkurrenz, die mir Sorgen bereitet, sind die Filme, die im Kino sind, wenn ich meine Filme starte.

BF: Wurde "Der Prinz von Ägypten Clip", der erste Zeichentrickfilm von Dreamworks, nicht als Konkurrenz angesehen?

TS: Das werde ich immer gefragt. Aber da gab es keine Konkurrenzsituation. Die Ironie ist, dass dessen Regisseurin Brenda Chapman mit Kevin Lima, dem Regisseur unseres "Tarzan", verheiratet ist. Wir gehen ständig miteinander weg und erkundigen uns, wie es dem jeweiligen Projekt gerade geht. "Die Monster AG Clip" startete ein halbes Jahr nach "Shrek Clip". Wo ist da die Konkurrenz? Wir mussten uns gegen "Harry Potter Clip" und "Herr der Ringe Clip" durchsetzen - das war Konkurrenz.

Dreamworks-Konkurrenz bereitet keine Sorgen

BF: Aber auf künstlerischer Ebene befinden Sie sich doch im Wettstreit mit den anderen Studios?

TS: Wir sind im Wettstreit mit uns selbst. Wir machen inhäusige CGI-Filme und aushäusige Projekte mit unserem Partner Pixar, wir machen traditionelle Zeichentrickfilme wie "Lilo & Stitch" mit seinen Wasserfarbhintergründen, und traditionelle Zeichentrickfilme mit CGI-Hilfe wie "Tarzan" und "Der Schatzplanet Clip", der im Winter kommt. Das sind die Werkzeuge der Animationsabteilung. "Lilo & Stitch" sollte die klassische Form zelebrieren. Das ist uns gelungen.

BF: Erhöht der Erfolg der Pixar-Filme den Druck auf Ihre eigene Zeichentrickabteilung?

TS: Es ist die gleiche Company, die Filme vermarktet und in die Kinos bringt. Meine Rolle als Abteilungschef ist bei den Pixar-Filmen absolut die gleiche wie bei unseren eigenen. Jetzt sage ich Ihnen, wo es Druck gibt: Welche Entscheidungen wird Steve Jobs, Chef von Apple und Ko-Chef von Pixar, treffen? Er muss das Beste für seine Aktionäre tun. Welche Entscheidungen wird Disney-Chef Michael Eisner treffen? Er muss das Beste für seine Aktionäre tun. Das ist zunächst die Grundlage für eine sehr aufregende geschäftliche Partnerschaft. Der Druck entsteht an der Wall Street. Uns Filmemacher berührt das aber nicht: Wir treffen kreative Entscheidungen. Und wer so viel Erfolg hat wie meine Abteilung, hat auch weitestgehend freie Hand.

BF: Was erwarten Sie sich von dem neuen Studiochef Dick Cook?

TS: Ich kenne ihn, seitdem ich bei der Firma bin. Wir berichten beide direkt an Michael Eisner. Nur im Fall von Vermarktung und Verleih kreuzen sich unsere Wege, und ich kann mir niemanden vorstellen, der unterstützender und hilfsbereiter wäre. Er ist unglaublich bodenständig und bleibt unberührt von all den Machtspielen in Hollywood. Das kann man gar nicht hoch genug einschätzen.

BF: Welche Trickfilme kommen in nächster Zeit auf uns zu?

TS: Im Winter werden wir "Der Schatzplanet" veröffentlichen, ein Zeichentrick-Science-Fiction-Update von Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel". Danach kommen Pixars "Finding Nemo" und "Home on the Range", eine gezeichnete Westernkomödie über drei Kühe, in die Kinos. Und dann "Bears", ein großes Trickfilmepos mit Musik von Phil Collins.

Quelle: Blickpunkt:Film

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