Cannes, 15.05.2018, 00:33  Blickpunkt:Film | Festival
Thema: Festival de Cannes 2018

CANNES Tag 7: Black Cannes-Man

"BlacKkKlansman" legt den Finger in Amerikas offene rassistische Wunde (Bild: Universal) Großansicht
"BlacKkKlansman" legt den Finger in Amerikas offene rassistische Wunde (Bild: Universal)
Leicht hat es Thierry Frémaux nicht beim 71. Festival de Cannes. Zumindest die amerikanischen Trade-Magazine nutzen die Gelegenheit in den jeweils letzten Ausgaben ihrer diesjährigen Dailies, den vermeintlich angeschlagenen Festivalgiganten mit nicht ganz fairen Artikeln hart anzugehen. Nun ist Kritik vermutlich angebracht: Das neue Screeningsystem mit den Pressescreenings zeitgleich mit oder sogar erst am Tag nach den Weltpremieren hat seine Macken und sorgt für einiges Chaos rund um das Festivalpalais (und nicht gerade optimale Arbeitsbedingungen für Journalisten). Und natürlich haben sowohl die ungute Netflix-Debatte wie auch die angebliche Benachteiligung weiblicher Filmemacher für einigen Ärger gesorgt. Aber wenn in den Artikeln der wichtigsten amerikanischen Branchenmagazine undifferenziert die #metoo-Debatte um Harvey Weinstein mit der Anzahl der ausgewählten Filme von Regisseurinnen vermengt werden, drängt sich schon der Eindruck auf, man wolle Stimmung machen.

Dabei mag Frémaux in diesem Jahr nicht die größten Namen eingeladen haben, aber an der Qualität des Wettbewerbs gibt es nichts zu bemängeln. Pawel Pawlikowskis "Cold War" ist ein Instant-Classic, und auch die Werke von Jia Zhang-ke und Sergei Sebrenikoff waren überdurchschnittlich gut. Nun kam an Tag 7 mit dem neuen Film von Hirokazu Kore-eda noch ein Knüller dazu, und während Spike Lees mit Spannung erwarteter "BlacKkKlansman" Clip als Film selbst zwar einiges zu wünschen übrig lässt, hatte dieser als Meinstream-Polizeifilm getarnte historische Exkurs in Sachen Rassismus in den USA doch das Herz auf dem rechten Fleck: Man hätte sich vielleicht einen wilderen, subversiveren Film gewünscht, der nicht nur all das bestätigt, was man ohnehin schon weiß über die United States of AmeriKKKa, nicht zuletzt aufgrund der Filme von Spike Lee und der vielen afroamerikanischen Hiphop-Acts, die er inspiriert hat. Aber vielleicht ist auch ganz gut, dass es jetzt einen amerikanischen Film gibt, der das Zündeln des aktuellen amerikanischen Präsidenten mit den ultrarechten Kräften des Landes vorführt, aufdeckt und zumindest in Teilen der Lächerlichkeit Preis gibt. Vielleicht war es auch genau das, was man brauchte an einem Tag, an dem im Gazastreifen dutzende unschuldiger Menschen sterben mussten wegen der arroganten Entscheidung Donald Trumps, die amerikanische Botschaft in Israel nach Jerusalem zu verlegen.

In jedem Fall kann man seinen Spaß haben in diesem Film über den wahren Fall des afroamerikanischen Polizisten Ron Stallworth, dem es 1978 mit Hilfe eines weißen Kollegen gelang, den Ku Klux Klan zu infiltrieren. Der Film wird für viel Gesprächsstoff sorgen, weil Spike Lee den Klan rund um David Duke, gespielt in einer irren Darstellung von Topher Grace, als inkompetente Vollidioten darstellt. Ein bisschen bemüht waren manche Kunstgriffe wie der Einstieg mit einer Szene aus "Vom Winde verweht" Clip, in der stolz die Südstaatenflagge wehen darf, oder eine Szene, in der sich die Hauptfigur privat der attraktiven Präsidentin der Black-Power-Bewegung der lokalen Uni nähert, indem man sich gegenseitig über die Geschichte des Blaxploitationkinos aushorcht. Das sind doch alles eher Themen, wie man sie zu Beginn der Neunziger untergebracht hätte, und die anno 2018 ein bisschen schal wirken. Dafür funktioniert die Energie des Films mit Denzel Washingtons Sohn John David Washington und Adam Driver als sein Kompagnon, der Labsal für die Seele ist, aber doch auch in einer Weise gemacht wurde, dass man sichergehen kann, dass sicher niemand für die Argumente des Films gewonnen werden kann, der nicht ohnehin schon von ihnen überzeugt war. Wie Lee am Ende des Films ein brennendes Kreuz des Klans in die schrecklichsten Momente des Neonazi-Aufmarschs vom 12. August 2017 in Charlottesville überblendet und mit den Entschuldigungen Trumps kombiniert, mag man ihm als Agitprop-Stunt vorhalten, ist aber jetzt ein Statement für die vitale und revolutionäre Kraft des Kinos, wie sie jetzt, am 15. Mai 2018, immer noch von ihm ausgehen kann.

Menschlichkeit siegt in "Shoplifters" (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
Menschlichkeit siegt in "Shoplifters" (Bild: Festival de Cannes)
Rein als Film gelungener war der Beitrag des japanischen Cannes-Stammgasts Hirokazu Kore-eda, der im Wettbewerb zuletzt 2015 mit "Unsere kleine Schwester" Clip vertreten gewesen war, um danach mit "After the Storm" Clip (Un Certain Regard 2016) und dem eher verunglückten Justizthriller "The Third Murder" (Venedig 2017) zwei etwas schwächere Werke abzuliefern. "Shoplifters" greift die Grundidee von "Vater und Sohn" auf, der 2013 den Jurypreis gewann und dem damaligen Jurypräsidenten Steven Spielberg so gut gefiel, dass er sich die amerikanischen Remakerechte sicherte. Wieder beschäftigt Kore-eda die Frage, was Familie bedeutet, was es heißt, ein Vater oder eine Mutter zu sein: Ist es eine Frage der Biologie oder einfach eine Frage der Liebe? Anders als bei dem etwas konstruiert wirkenden "Vater und Sohn" ist dieser Themenkomplex hier aber nur der Ausgangspunkt für ein noch viel komplexeres Gebilde, das sich dem Zuschauer in seiner ganzen tragischen Tragweite erst nach und nach erschließt.

Zunächst erlebt man also eine japanische Familie, die am Existenzminimum lebt, obwohl der Vater Vollzeit auf dem Bau arbeitet und die Mutter Geld in einer Industriewäscherei verdient. Um über die Runden zu kommen, geht der Vater mit seinem etwa zehnjährigen Sohn auf kleinere Raubzüge in Supermärkten, die sie perfekt aufeinander abgestimmt souverän und ohne moralische Bedenken durchziehen. Als sie in der bitteren Kälte eine frierendes und offenbar misshandeltes Mädchen auf einem Balkon entdecken, nehmen sie es mit nach Hause und lassen es nach und nach, auch weil sich die leibliche Mutter nicht weiter um das Verschwinden ihres Kindes bemüht, bei sich in ihrem winzigen Wohnraum auf, mit großer Liebe und Zuneigung. Nach und nach werden Risse in der Fassade erkennbar, denn offenbar ist eben mit Ausnahme des liebevollen und rücksichtsvollen Umgangs miteinander so, wie es zunächst scheint. Mehr zu verraten, hieße den Spaß an dem Film zu schmälern. Aber man kann sagen, dass Kore-eda seinen mit Fehlern behafteten Hauptfiguren mit großer Menschlichkeit und Verständnis für ihre Schwächen und Fehler begegnet: Er beurteilt sie nicht - oder besser: nur nach dem, wie sie miteinander umgehen. Und das macht diesen am Ende so erschütternden Film zu einem großen und nachhaltigen Erlebnis.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

Mit einem Abo können Sie diesen Artikel kommentieren.


KOMMENTARE

  • Noch kein Kommentar vorhanden.

Mehr zum Thema

Produkte

Filmcharts

Unser kostenloses Angebot