Superbanner
 
Cannes, 10.05.2018, 12:58  Blickpunkt:Film | Festival
Thema: Festival de Cannes 2018

CANNES Tag 2: Russ'n'Roll

Elektrisierend: "Leto" (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
Elektrisierend: "Leto" (Bild: Festival de Cannes)
Das 71. Festival de Cannes hat eine erste kleine Sensation: Kirill Serebrenikovs "Leto" ist eine leidenschaftliche Ode an die Sprengkraft des Rock'n'Roll - und ein subversives Stück Agitprop gegen Unterdrückung und Zensur in seiner Heimat Russland. Dass der Regisseur in seiner Heimat wegen angeblicher Steuerhinterziehung Hausarrest hat und deshalb dem Festival in Cannes nicht beiwohnen kann, verleiht seinem wunderbaren Film über die Anfänge des russischen Rock zusätzliche Sprengkraft: Der Regisseur - einer der bekanntesten Theaterregisseure Russlands - wurde während der Dreharbeiten festgenommen. Der Dreh wurde mit Hilfe genauer Notizen und Anweisungen abgeschlossen; den Schnitt realisierte Serebrennikov in seiner Wohnung.

Lose erzählt diese Momentaufnahme eines Sommers zu Beginn der Achtzigerjahre in Leningrad von Entdeckung und Aufstieg der russischen Rocklegende Viktor Ksoi, der ab 1985 mit seiner Band Kino Pionierarbeit leistete, bis er 1990 im Alter von 28 Jahren bei einem Autounfall aus dem Leben gerissen wurde. Diesen realen Hintergrund nutzt Serebrennikov allerdings nur als Sprungbrett, um anhand einer zärtlichen Dreiecksgeschichte zwischen Viktor, seinem Mentor Mike und dessen Frau Natasha mit schier unendlichem Einfallsreichtum von der befreienden Kraft der Rockmusik gerade in einem totalitären System - ein "Almost Famous" aus dem Ostblock, in berauschenden Schwarzweiß-Breitwandbildern festgehalten. Oder einfach gesagt: einer der besten Rockmusik aller Zeiten, dessen wilde erste 90 Minuten einfach elektrisierend sind, um dann in eine bittersüße Coda zu münden, die dem Film ein bisschen seiner ursprünglichen Wucht nimmt.

Wenn "Leto" Standards wie "The Passenger" von Iggy Pop, "A Perfect Day" von Lou reed oder "Psycho Killer" von den Talking Heads in neuen Versionen anspielt, wirken sie nicht abgenudelt und schon tausendmal gehört: Sie sind ein Versprechen, sein Leben so führen zu können, wie man sich tatsächlich fühlt. Entsprechend explodieren sie in Fantasysequenzen: Wildfremde Menschen fangen im Bus an zu singen, das Kleid einer Frau erstrahlt in prallem Rot, eine Konfrontation mit der Staatspolizei in einem Zug mündet in eine wilde Schlägerei - und doch werden diese Momente der Rebellion immer wieder eingefangen von einem wiederholt auftauchenden Erzähler, der in die Kamera sagt, dass diese Szenen niemals wirklich passiert sind. Der Film lässt jedoch keinen Zweifel daran, dass es besser gewesen wäre, wenn sie passiert wären. Das Leben in der UdSSR unter Breschnew hat es unmöglich gemacht. Liebevoll zeigt "Leto" die Zeit, wo man auf Schwarzmärkten auf die Jagd nach Bowie-Alben geht, mühevoll die Texte in Notizbücher transkribiert und übersetzt oder endlose Debatten mit den Zensurbehörden über die Inhalte der eigenen Songs führt, um in den staatlich unterstützten "Rockclubs" auftreten zu können. Am stärksten in Erinnerung bleibt Mike, der eigentliche Pionier, der erst immer im Schatten seiner Idole - Bowie, T. Rex, The Doors - steht und schließlich von dem Jungen überholt wird, den er bereitwillig fördert. Ja, "Leto" ist ausufernd, undiszipliniert, chaotisch, vielleicht überambitioniert. Aber eben auch voller Lust am Leben und Liebe für die Musik. Und das ist ziemlich wunderbar.

Straight Story aus Ägypten: "Yomeddine" (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
Straight Story aus Ägypten: "Yomeddine" (Bild: Festival de Cannes)
Davor hatte es im Wettbewerb einen weniger ambitionierten, aber ebenfalls vom Herzen kommenden Film gegeben. Dem ägyptisch-österreichischen Filmemacher A.B. Shawky ist das Kunststück gelungen, gleich mit seinem Debüt im Wettbewerb des Festival de Cannes zu landen, mit einem Film, den man weder aus Ägypten noch im Palmenrennen vermuten würde. "Yomeddine" ist ein mit leichter Hand erzähltes Roadmovie mit westlich geprägter, gefälliger Erzählung und Bildern eines Ägypten von unten, eines Landes, das die weniger Glücklichen in Dreck und Armut versinken lässt. Und das einen höchst ungewöhnlichen Helden bereithält, den etwa 40-jährigen Beshay, der in einer Leprakolonie lebt: Die lange schon nicht mehr ansteckende Krankheit hat tiefe Narben und Verformungen verlassen bei dem sanftmütigen Mann mit den ebenso traurigen wie humorvoll blitzenden Augen. Sein Gesicht ist eine Kraterlandschaft, seine Hände bestenfalls noch Stummel. Aber er ist respektiert in seinem Umfeld, wo er sich Geld verdient, indem er eine Müllhalde nach noch brauchbaren Gegenständen durchwühlt. Beshay liebt das Leben, aber nicht unbedingt sein Leben, weshalb er nach dem Tod seiner Frau seine buchstäblich sieben Sachen auf einen klapprigen Karren packt und mit seinem getreuen Esel aufbricht, um nach seinem Vater zu suchen: Er will wissen, warum der ihn damals zu Beginn seiner Krankheit als Jungen in die Leprakolonie gegeben hat und nie mehr zurückgekehrt ist. Begleitet wird Beshay von einem zehnjährigen Waisenjungen, der außerdem ein weiser Junge ist und der beste Freund, den man sich für eine solche Reise wünschen kann. An Lynchs "Straight Story" fühlt man sich erinnert, wenn die beiden mittellosen Helden im Schneckentempo durchs Land kriechen, einem ungewissen Ziel entgegen. Ein großes Herz schlägt in diesem Film, der sich manchmal anfühlt, wie ein ganz simpel erzählter, bescheidener Kinderfilm, beflügelt vom Geist eines Satyajit Ray, wenn Beshay und Kompagnon Land und Leute kennenlernen. Es sind beileibe keine verschwendeten 97 Minuten, die man mit dem Film verbringt, aber ein bisschen rätselt man doch, warum "Yomeddine" im Wettbewerb landen musste: Er ist eine interessante und auch bewegende Novität, aber für einen großen Film doch zu uneins in Ton und Erzählung.

Unerbittlich: "Donbass" (Bild: Festival de Cannes) Großansicht
Unerbittlich: "Donbass" (Bild: Festival de Cannes)
Was Sergei Loznitsa in seinem neuen Film, "Donbass", mit dem die Nebenreihe Un Certain Regard eröffnet wurde, zum System erhebt. 13 manchmal nur thematisch zusammenhängende Sequenzen erzählen keine Geschichte im eigentlichen Sinne, sondern sind als Reigen konzipiert, der am Ende wieder da ankommt, wo er angefangen hat, und den Zuschauer durch eine zweistündige Horrorshow schickt - eine wütende, verzweifelte Anklage gegen den anhaltenden Konflikt in der Ostukraine, die das Land nach vier Jahren anhaltenden Krieg zur Hölle auf Erden hat werden lassen. Dabei liegt es im Wesen der Form, dass man dem entmenschten Treiben distanziert zusieht, anders als bei Loznitsas letztjährigem, im Wettbewerb gezeigten "Die Sanfte", sein bisher bester Film, bei dem man einer Protagonistin bei einer albtraumhaften Odyssee auf der Suche nach ihrem Mann folgte. Hier ist man allein mit dem Schrecken der Bilder, die Loznitsa formal brillant heraufbeschwört: Alles beginnt in einem kleinen Wohnwagen, wo Statisten für Auftritte in von Russland produzierten Fake News vorbereitet werden. Dort endet der Film schließlich auch, nachdem man Zeuge einer Welt geworden ist, in der die öffentliche Ordnung zusammengebrochen ist und Militär und Willkür regieren. Man kann es "kafkaesk" nennen oder, auf Neuenglisch, einen "Clusterfuck", aber es gibt kein Entrinnen aus dem Wahnsinn, ob man nun ein deutscher Journalist ist, der drangsaliert wird, ein Geschäftsmann, dem das Auto von Soldaten gestohlen wurde und der nun nachträglich die Papiere unterzeichnen soll, das ihnen den Besitz überschreibt, oder der ukrainische Soldat, der an einen Lichtmast gefesselt und der blinden Wut des Mobs überlassen wird. Das ist alles konsequent und wie gewohnt bei Loznitsa blitzsauber umgesetzt. Aber das bedeutet auch, dass es keinen Ausweg gibt, keinen Funken Hoffnung. Als Zuschauer fühlt man sich danach selbst wie geprügelt.

Thomas Schultze


Quelle: Blickpunkt:Film

Mit einem Abo können Sie diesen Artikel kommentieren.


KOMMENTARE

  • Noch kein Kommentar vorhanden.

Filmcharts

Unser kostenloses Angebot