Sorgte in Cannes für einen Eklat: Wong Kar-wais "2046"
Der Eklat um den zu spät aus Asien abgeschickten Print von Wong Kar-wais Wettbewerbsbeitrag "2046" wirft einen Schatten auf das Festival de Cannes, das in den letzten Tagen deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Daraus resultierte, dass die Pressevorführung um 8.30 Uhr und erste offizielle Vorführung um 14.30 Uhr am gestrigen Donnerstag abgesagt werden mussten. Olivier Assayas erklärte sich bereit, sein sehr intensives und ebenso gelungenes Drama "Clean" vom ursprünglichen gestrigen Pressetermin um 19 Uhr auf den 8.30-Uhr-Termin vorzuziehen und diesen Platz für Wongs Film zu räumen. Für Aufregung sorgte dabei nicht nur die Tatsache, dass die Verlegung vom großen Saal Lumière in den deutlich kleineren Saal Debussy dafür verantwortlich war, dass viele Pressevertreter den Film überhaupt nicht sehen konnten, sondern auch der Umstand, dass auf einmal doch zwei Kopien von dem Film auftauchten, an dem man angeblich so lange gearbeitet hatte, dass man nur einen Print ziehen konnte. Man vermutet hinter dem einzigartigen Durcheinander eine gezielte Aktion Wongs, um die Aufmerksamkeit noch stärker auf seinen Film zu lenken.
Hat es sich gelohnt? Nun, "2046" ist sicherlich das komplexeste und ambitionierteste Werk des Filmemachers aus Hongkong, das wie ein Begleitfilm zu seinem Vorgänger "In the Mood for Love" wirkt. Ebenfalls in den 60er Jahren angesiedelt und erneut mit Tony Leung in der Rolle eines Journalisten, der diesmal aber kein gehörnter Ehemann, sondern ein Weiberheld ist, der keine Liebe finden kann und aufgrund seiner Erfahrungen den bitteren Science-Fiction-Roman "2046" schreibt. Ein exquisit gefilmtes, manchmal etwas prätentiöses Kammerspiel, das seine emotionale Wirkung langsam, aber effektiv entfaltet. Ob Wong allerdings ein Anwärter auf die Goldene Palme ist, scheint fraglich. Favorisiert wird nach wie vor "The Motorcycle Diaries", wobei zu erfahren war, dass sich Jurypräsident Quentin Tarantino für Park Chan-wooks "Old Boy" stark macht, während auch "Fahrenheit 911" Eindruck auf die Jury machte. Bei den Darstellerpreisen darf sich auch der letzte Film des Wettbewerbs, "The Life and Death of Peter Sellers", Chancen ausrechnen: Geoffrey Rush lieferte eine Tour de Force als von seinen inneren Dämonen getriebener Komödiant Peter Sellers. Bei den Schauspielerinnen fielen vor allem Maggie Cheung als ehemals drogenabhängige Rock 'n' Rollerin, die ihr Leben wieder auf die Reihe bringen will, in "Clean" auf, sowie die hinreißende Newcomerin Marilou Berry in Agnès Jaouis "Comme une image", den Prokino für Deutschland gekauft hat. Noch ohne deutschen Verleih ist nach wie vor der deutsche Wettbewerbsbeitrag "Die fetten Jahre sind vorbei", um den es ein erbittertes Wettbieten geben soll.
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