Cannes, 17.05.2007, 07:54  Blickpunkt:Film
Thema: Cannes 2007

CANNES 07: Eine rauschende Blaubeerennacht

Eröffneten die 60. Filmfestspiele mit "My Blueberry Nights" - Wong Kar Wai, Norah Jones und Jude Law (Bild: Kurt Krieger) Großansicht
Eröffneten die 60. Filmfestspiele mit "My Blueberry Nights" - Wong Kar Wai, Norah Jones und Jude Law (Bild: Kurt Krieger)
Das 60. Festival de Cannes ist eröffnet. Mit einer standesgemäßen Zeremonie im Festival-Palais, der gefüllt war mit Stars von gestern und heute, darunter die Hauptdarsteller des Eröffnungsfilms und die von Stephen Frears angeführte Jury, wurde der maßgerechte Startschuss für eine Ausgabe des größten Filmfests der Welt gegeben, das nicht besser hätte beginnen können. Das lag zum einen an der charmanten Moderation von Diane Kruger, zum anderen und vor allem aber auch an einem Eröffnungsfilm, der die Herzen, nicht nur der Cineasten, höher schlagen ließ: Wo "The Da Vinci Code - Sakrileg Clip" im vergangenen Jahr trotz der nötigen Starpower wenig Begeisterung in Cannes hervorrief, da macht "My Blueberry Nights Clip" alles besser.

Jurypräsident Stephen Frears mit den weiblichen Jury-Mitgliedern Toni Collette, Maria de Medeiros, Stephen Frears, Sarah Polley und Maggie Cheung (Bild: Kurt Krieger) Großansicht
Jurypräsident Stephen Frears mit den weiblichen Jury-Mitgliedern Toni Collette, Maria de Medeiros, Stephen Frears, Sarah Polley und Maggie Cheung (Bild: Kurt Krieger)
Wong Kar Wais erster außerhalb von Hongkong und in englischer Sprache mit englischen und amerikanischen Schauspielern gedrehter Film mag bisweilen an Wim Wenders oder Jim Jarmusch und deren romantisierend-melancholischen Blick auf Amerika erinnern, ist aber doch unverkennbar ein Film von Wong, dem der Regisseur von Beginn an seinen Stempel aufdrückt, als könnte man dieses Land gar nicht anders filmen. Wie die immer wieder eingestreuten Großaufnahmen eines halb gegessenen Blaubeerkuchens, auf dem langsam ein Stück Vanilleeis zerschmilzt, ist auch der Film ständig in Fluss, bluten kräftige Farben ineinender und spiegeln so die Innenwelt seiner wie immer bei Wong traurigen und von der Liebe enttäuschten Protagonisten wider.

Erstmals mit einem Drehbuch arbeitend, das der Filmemacher mit dem amerikanischen Krimiautor Lawrence Block schrieb, erzählt er gewohnt fragmentarisch und schlaglichtartig von einer von Jazzsängerin Norah Jones gespielten New Yorkerin, die ihrem Kummer über eine enttäuschte Liebe nicht mehr länger in langen, schlaflosen Nächten in einem kleinen, von Jude Law geführten Café bei Blaubeerkuchen und Bier Zucker geben will, sondern zu einem Trip quer durchs Land aufbricht. Auf ihren einzelnen Stationen arbeitet sie als Kellnerin und lernt dabei Menschen kennen, die ebenfalls von ihren Enttäuschungen angetrieben werden. Eine Episode mit David Strathairn und Rachel Weisz entpuppt sich als weniger gelungen, wird aber mehr als wettgemacht von Jones' Zusammenspiel mit Natalie Portman als Spielerin, die alle Hoffnungen längst hat sausen lassen und in allen Menschen Lügnern sieht. Insofern bewegt sich Wong nur geographisch auf neuem Terrain. Dass er seine Helden am Schluss aber doch wieder zusammenführt, bei einem Stück Blaubeerkuchen, ist allerdings ungewohnt und macht den Film emotional gewinnender als seine meisterhaften Vorgänger "In the Mood for Love" und "2046 Clip".

Und in jedem Fall hoffnungsvoller als den zweiten Wettbewerbsfilm, "4 luni, 3 saptamini si 2 zile Clip" von dem jungen Rumänen Cristian Mungiu. Der erzählt eine triste und kompromisslose Geschichte aus dem Rumänien des Jahres 1987 unter Ceaucescu, in der zwei junge Studentinnen die Hölle erleben, weil eine der beiden eine - illegale - Abtreibung anstrebt. Tatsächlich ist Mungiu so unerbittlich in seiner Erzählung, dass man glauben könnte, er verstehe sich nicht als Anwalt seiner beiden Protagonistinnen, sondern als Sprachrohr der katholischen Kirche. In langen und eindringlichen lässt er die zwei Frauen leiden. Wie in einem perversen Slapstickfilm geht hier einfach alles schief, was man sich vorstellen kann, fordert ein Unglück immer gleich das nächste heraus. Das ist in der ersten Hälfte hochgradig spannend, doch mit der Zeit verliert man die Geduld mit den beiden Mädchen, die sich immer ein bisschen dämlicher anstellen, als man es glauben kann. Wenn sie am Schluss erschöpft und gezeichnet bei einer Zigarette zusammensitzen, ist man als Zuschauer genauso gerädert wie sie.

Eine Geschichte endloser Frustration erzählt auch David Fincher in seinem Wettbewerbsbeitrag "Zodiac - Die Spur des Killers Clip", der wahren Geschichte des nie geklärten Falles eines Triebtäters, der Ende der 60er-Jahre die Bay Area von San Francisco in Atem hält. Mit der von ihm gewohnten Perfektion und Detailgenauigkeit, aber auch einer von Fincher bislang noch nicht gesehenen Klarheit und Zurückhaltung wandelt sich der Film von einem Police-Procedure-Movie zu einer faszinierenden und ambivalenten Chronik einer Obsession, für die alle Beteiligten einen hohen Preis bezahlen müssen. Ein großartiger Film, der über seine volle dreistündige Laufzeit in seinen Bann schlägt, sich aber so konsequent den realen Ereignissen verpflichtet sieht, dass er den Zuschauer aber ohne das Gefühl eines Triumphs, ohne Katharsis entlässt.

Quelle: Blickpunkt:Film

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