Venedig (mk), 09.01.2004, 16:09  Blickpunkt:Film

Bernardo Bertolucci zu "Die Träumer"

Mit "Die Träumer Clip" (Concorde, 22. Januar) erweist Italiens Regie-Ikone Bernardo Bertolucci den Utopien einer rebellischen Generation im Frühjahr 1968 seine Referenz. Die Geschichte von Passion und Protest ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Jugend, sondern auch an das Kino selbst.

Bernardo Bertolucci<br /><span style="font-style:italic;">Foto: Kurt Krieger</span>
Bernardo Bertolucci
Foto: Kurt Krieger  
Blickpunkt:Film: Was bedeutet Ihnen im Nachhinein das Jahr 1968?

Bernardo Bertolucci: Die sechziger Jahre waren für mich die beste Zeit meines Lebens. Wir wurden plötzlich wach wie nach einem langen Schlaf und holten uns etwas zurück - die kollektive Erinnerung. Wenn wir damals schlafen gingen, wollten wir nicht in der Trivialität des nächsten Morgens erwachen, sondern in der Zukunft. Politik, Sex und Kino bildeten eine Symbiose.

BF: Inzwischen kriegen die 68er ziemlich Gegenwind.

BB: Auch ein Grund, diesen Film zu drehen. Viele Kids wissen nicht, was wirklich passiert ist oder was diese Generation geschaffen hat. Die Frauenbewegung, weniger autoritäre Erziehung, freier Sex - nicht nur diese Errungenschaften gehen auf 1968 zurück. Ich will nichts verherrlichen, aber Anstöße geben, sich mit den Folgen dieses Aufbruchs zu beschäftigen.

BF: Wie sind Sie auf Gilbert Adairs Buch gestoßen?

BB: Meine Frau drückte es mir in die Hand. Ich war sofort angetan von der Leichtigkeit, mit der die Dreiecksbeziehung geschildert und der Bezug zu den politischen Ereignissen hergestellt wurde. Ich überlegte mir damals gerade, die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die ich mit "1900" begonnen hatte, weiterzuspinnen. Jeremy Thomas, mein Produzent seit "Der letzte Kaiser Clip", hat mich bestärkt.

BF: Was verbindet Sie mit dem Engländer Adair, der nicht nur seinen Roman neu verfasste, sondern zudem auch das Drehbuch?

BB: Wir kannten uns zwar nicht, wurden aber beide durch unseren Aufenthalt in Paris geprägt. Wir gehörten zu den Filmfans, die die Cinémathèque Française als ih- re Heimat betrachteten. Bei dem Gedanken, diese für uns so bedeutungsvolle Zeit auf die Leinwand zu bringen, mussten wir aufpassen, nicht nur in Erinnerungen zu schwelgen.

Motivation für junge Menschen

BF: Sie verwenden sehr viel Filmausschnitte, auch von der Nouvelle Vague. Wollen Sie dem jungen Zuschauer diese Filmkultur wieder schmackhaft machen? Wie haben Sie die Rechte bekommen?

BB: Es wäre schön, wenn ich junge Menschen motivieren könnte, sich diese Filme wieder anzuschauen. Leider gibt es kaum Gelegenheit dazu. Und natürlich kosten Rechte eine Stange Geld. Aber Jean-Luc Godard hat mir beispielsweise angeboten, aus "Die Außenseiterbande" oder "Außer Atem Clip" das zu nehmen, was ich wollte.

BF: Was verbindet "Der letzte Tango in Paris" mit "Die Träumer"?

BB: Auf jeden Fall das Kammerspielartige. Was draußen passiert, verblasst sukzessive. In beiden Filmen spielt die Wohnung eine große Rolle, als quasi eigenständige "Figur". Sie dient den Personen als Spiegelfläche. Bei beiden Filmen fröne ich auch meiner Leidenschaft, on location zu drehen und nicht im Studio. Die damit einhergehenden Unsicherheiten fordern mich geradezu heraus.

BF: Sie gelten als Entdecker von Talenten wie Maria Schneider in "Der letzte Tango in Paris" oder Liv Tyler in "Gefühl und Verführung - Stealing Beauty". Wie sieht es mit den drei Protagonisten in "Die Träumer" aus?

Die drei Hauptdarsteller (v.l.): Michael Pitt, Eva Green und Louis Garrel
Die drei Hauptdarsteller (v.l.): Michael Pitt, Eva Green und Louis Garrel  

BB: Von Michael Pitt, Eva Green und Louis Garrel wird man noch hören. Bei Castings habe ich keine konkrete Vorstellung über das Äußere eines Schauspielers. Irgendwann macht es klick und ich weiß, dieser Mensch hat etwas mit dem Filmcharakter gemeinsam. Ein exaktes Kriterium könnte ich nicht benennen.

BF: Ihr Traum vom Kino, was ist davon geblieben?

BB: Den habe ich immer noch, nur wird es nicht leichter, ihn zu verwirklichen. Die Reglementierung bei Dreharbeiten steigt ins Unermessliche. Wenn ich dran denke, wie die Nouvelle-Vague-Regisseure auf der Straße drehen konnten, werde ich grün vor Neid. Der Druck und das Risiko bei teuren Produktionen nehmen zu, und der europäische Film kämpft wie ein Don Quichotte gegen die Hollywood-Walze. Film ist für viele eine reine Geldmaschine, keine Kunst. In den Multiplexen werden die Blockbuster rauf- und runtergespielt. Das kollidiert natürlich mit meinem Traum von Kino.

BF: Welche interessanten Regisseure von heute fallen Ihnen ad hoc ein?

BB: Ich bin kein Nostalgiker, der die Vergangenheit in rosa Farben malt und die Gegenwart düster sieht. Ich mag die Filme von Wong Kar-wai, Quentin Tarantino oder P.T. Anderson. Sie zeigen eine spezielle Handschrift. In jeder Epoche wachsen neue und spannende Talente nach. Man muss ihnen nur eine Chance geben.

Quelle: Blickpunkt:Film

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