Superbanner
 
München, 31.01.2002, 12:19  Blickpunkt:Film

Ari Hantke drehte mit Costa-Gavras in Rumänien

Für Constantin Costa-Gavras" Berlinale-Beitrag "Der Stellvertreter Clip" (Concorde, 30. Mai), der im offiziellen Wettbewerb läuft, war Ari Hantke als einer von zwei Deutschen im Team für das Production Design verantwortlich. Beim Dreh in Rumänien baute er den Ceausescu-Palast zum Vatikan um.

Ari Hantke
Ari Hantke  
"Le vicaire", so der Originaltitel der deutsch-französischen Koproduktion, liegt Rolf Hochhuths politisch provokative Tragödie aus dem Jahr 1963 zugrunde. Es geht um das Konkordat zwischen der katholischen Kirche und dem Naziregime; die Geschichte spielt in der Zeit von 1942 bis 1945. Im August 2000 fand der erste Kontakt zwischen Regisseur Costa-Gavras und Ari Hantke statt, und bereits im April 2001 fiel in Rumänien die letzte Klappe für den Film "Der Stellvertreter" (Produktion: Claude Berri/KG Productions/CP International; mit Ulrich Tukur, Ulrich Mühe und Mathieu Kassovitz in den Hauptrollen). Für einen historischen Stoff dieser Dimension mit den bekannten europäischen Finanzgrenzen ein ziemlicher Kraftakt. Nur insgesamt vier Monate blieben Ari Hantke und Assistent Oliver Hoese, um die Motivsuche, die Kulissen und die Außen- wie Innenrequisite zu vollenden und den 70-tägigen Dreh in 60 verschiedenen Motiven zu gewährleisten.

Gleich zu Beginn der vorbereitenden Gespräche fiel durch die Idee des Herstellungsleiters Yvon Crenn die Wahl auf Rumänien als Drehort. Zum einen waren die finanziellen Mittel im Vergleich zu amerikanischen Produktionen begrenzt, zum anderen war klar, dass die Produktion mit einem derart provokativen Stoff nie eine Drehgenehmigung für den Vatikan erhalten würde, wo ein großer Teil der Geschichte spielt. Gedreht wurde daher in Bukarest, im Ceausescu-Palast, in den ehemaligen Buftea Studios, in der Barockkirche in Brasov (Kronstadt) und in Sibiu (Hermannstadt). Aber zuvor hatte sich Ari Hantke auf eine Art "Zeitreise" begeben, die ihn in Museen und durch Bücher führte, auf der Suche nach Abbildungen, um eine größtmögliche Authentizität der historischen Kulisse zu gewährleisten. Laut Hantke ist die hohe Authentizität bei historischen Stoffen eine Grundvoraussetzung dafür, dass die Inhalte bei Medien wie Zuschauern akzeptiert werden. Vor allem der Zuschauer, der bei sperrigen Stoffen nach einer Fluchtmöglichkeit aus dem Film suche, lege sehr großen Wert auf die detailgetreue Abbildung der dargestellten Realität.

So wurde der ausschließlich schneeweiße marmorne Ceausescu-Palast mit farbiger Folie (Boden und Wandflächen, Gemälde) und mit Plastiken und Statuen aus Styropor in den Vatikan verwandelt. Eine eigens in Bukarest konstruierte Styroporschneidemaschine erwies dabei den bis zu 150 lokalen Mitarbeitern große Dienste.

Mathieu Kassovitz in "Der Stellvertreter"
Mathieu Kassovitz in "Der Stellvertreter"  
Authentische Deko mit einfachsten Mitteln

"Denn", so Ari Hantke, "vor Ort gibt es begnadete Bildhauer, die zum größten Teil direkt von der Universität rekrutiert wurden, aber an handwerklichen Aus-rüstungen mangelt es vollständig." So werde immer noch schlicht genagelt und gehämmert, Schrauben besäßen Seltenheitswert. Die 20 am Rande von Bukarest nachgebildeten KZ-Baracken wurden mit Styroporflocken, Salz und Vliesmatten komplett in ein Winterkleid gewickelt, da es zum Drehzeitpunkt einfach nicht schneien wollte. Der Computer erledigte schließlich den Rest. Das Lager ist in der Endfassung 300 Baracken groß. Und Ari Hantke ermöglicht dem Zuschauer auch einen Blick in die Privatgemächer des Papstes Pius XII. Eine Reportage aus "Paris Match" stand für diesen Arbeitsabschnitt Pate.

Natürlich sei der Termindruck und das Eintauchen in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte nicht einfach zu verarbeiten, so Hantke, aber die Arbeit habe ihn dennoch fasziniert: "Einer Persönlichkeit wie Costa-Gavras bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können, ist mehr als spannend." Ein Oscar-Preisträger vom Kaliber Gavras verfolge eine Vision und gehe unbeirrbar seinen Weg.

Und historische Stoffe liegen Hantke sowieso im Blut.

Der heute 58-jährige Production Designer arbeitet seit 25 Jahren für Film und Fernsehen und hat bereits für einige historische und gleichermaßen aufwändige Kulissen ("Tristan und Isolde", "Regina auf den Stufen", "Die Wiesingers") gesorgt. Dass nach einem Film die Kulissen wieder verschwinden müssen und die Arbeit damit dem Erdboden gleichgemacht wird, stört den ausgebildeten Architekten nicht. So habe er sich schon als Architekt nie wirklich für die fertigen Bauten interessiert, sondern immer mehr für die Planung, die Entwürfe und das Entstehen der Projekte.

Bei der Ausstattung für "Der Stellvertreter" bleiben allerdings einige Kulissen nicht nur auf dem Filmdatenträger erhalten: Die Rumänen waren von den farbigen Folien und Gemälden im Ceausescu-Palast derart angetan, dass vieles nach Drehende so bleiben sollte.


Quelle: Blickpunkt:Film

Mit einem Abo können Sie diesen Artikel kommentieren.


KOMMENTARE

  • Noch kein Kommentar vorhanden.

Filmcharts

Unser kostenloses Angebot