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Fünf Jahre nach ihrem Regiedebüt "Lust auf Anderes" bezaubert Agnès Jaoui mit der delikaten Komödie "Schau mich an!
" (Prokino, 18. November): ein süffisanter Blick auf das bürgerliche Pariser Milieu, intellektuelle Egoisten, falsche Schönheitsideale und die Lust an der Musik.
Agnès Jaoui: Erst einmal ging es um das Vater-Tochter-Verhältnis, die Suche nach Liebe und Anerkennung eines jungen Mädchens, das von seinem Vater kaum beachtet, sondern gedemütigt wird und dessen Freundin obendrein nicht viel älter ist als sie selbst. Zusätzlich wollen wir die Menschen anders zeigen als im Fernsehen und in der Werbung, die unser Denken vereinnahmt. Mich regen diese künstlichen und unerreichbaren Schönheitsideale auf. Mit 15, 16, 17 ist man noch total unsicher, dazu kommt dann dieser Druck, superschlank zu sein und seinen gepiercten Nabel vorzuführen. Männer mit ihrem Drang zu Waschbrettbauch und Virilität sind auch nicht zu beneiden.
BF: Wie haben Sie Marilou Berry entdeckt?
AJ: Es war schwierig, eine leicht "pummelige" Schauspielerin überhaupt zu finden. Auf dem Video gefiel mir ihre etwas trotzige und traurige Art, die eine große Verletzbarkeit signalisierte. Als ich erfuhr, dass sie Josiane Balaskos Tochter ist, wusste ich nicht, ob ich nicht jemand anderem die Chance geben sollte. Aber warum hätte ich sie für ihre Herkunft strafen sollen? Sie war die ideale Lolita.
BF: Sie persiflieren, wie Ruhm falsche Freunde anzieht.
AJ: Es wundert mich, wie Menschen sich verbiegen, um etwas zu erreichen, anderen zu Gefallen sind und ihre Identität verleugnen. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die es karrieremäßig geschafft haben, sich ihrer Macht bewusst und nutzen sie aus - sie verlieren sich in einer Scheinwelt.
BF: Ob Sie das Drehbuch schreiben oder einen Film inszenieren, die Handlung spielt immer im bürgerlich-intellektuellen Milieu.
AJ: Ich bin eben Teil der "Bourgeoisie", mein Freundeskreis inspiriert mich. Aber es geht immer um das Menschliche. Eine Handlung im Industriellen- oder Arbeitermilieu zu entwerfen würde mir schwerer fallen. Ich verspreche Ihnen, unser nächster Film ist etwas weniger bourgeois.
BF: Wie arbeitet das Dream-Team Agnès Jaoui/Jean-Pierre Bacri beim Schreiben zusammen?
AJ: Wir schreiben und entdecken, dass wir plötzlich die gleichen Ideen haben. Dabei lesen wir die Szenen laut vor, um ein Gefühl für den Rhythmus zu bekommen. Wir sind unheimlich genau, achten auf jedes Komma. Die Dialoge sind ein Vergnügen, die packen wir aber erst an, wenn das Schwierigste geschafft ist und die Struktur steht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, ohne ihn ein Drehbuch zu schreiben oder mit jemand anderem.
Arbeit am Drehbuch mit Jean-Pierre Bacri
BF: Wie geht man nach einem Erfolg wie "Lust auf Anderes" den zweiten Film an?
AJ: Ich fühlte mich unter Druck, war anfangs verkrampft und wollte nicht enttäuschen. Deshalb dauerte der Schreibprozess so lang. Aber beim Drehen fiel die Anspannung von mir ab, ich fühlte mich in meinem Element, und das Selbstvertrauen war plötzlich wieder da. Ich bin zwar eine faule Person, bereite mich aber intensiv vor und arbeite mit Leuten, die ich kenne, auf die ich mich verlassen kann.
BF: Welche Kritik trifft Sie am härtesten?
AJ: Schlechte Kritiken bleiben mir im Gedächtnis. Über meine Qualitäten als Drehbuchautorin und Regisseurin habe ich meine Meinung, bin da nicht so leicht zu erschüttern. Als Schauspielerin fühle ich mich angreifbarer, da treffen mich Lob, Anerkennung und Kritik mitten ins Herz.
BF: Ihre Firma Les Film A4 hat "Schau mich an!" produziert. Autorin, Regisseurin, Schauspielerin - reicht Ihnen das nicht?
AJ: Für mich hat sich nichts geändert, ich hatte auch schon vorher alle künstlerischen Freiheiten. Aber nun haben wir eine Produktionsfirma mit fünf gleichberechtigten Leuten, und wir können uns auch anderen Projekten widmen, von denen wir momentan einige in der Pipeline haben, unter anderem mit Christophe Blanc und Moufida Tlatli. Ein weiteres Standbein kann nicht schaden, zumal die französische Filmkultur im Umbruch ist.
BF: Inwiefern?
AJ: Uns geht es nicht schlecht, verglichen mit der Situation in anderen europäischen Ländern. Doch trotz allen Beteuerungen zur kulturellen Identität geht die Schere auseinander wie in Hollywood. Es wird viel Geld in große Projekte gesteckt und wenig in Anfängerfilme oder die ganz normalen Produktionen. Keine gute Entwicklung.
Quelle: Blickpunkt:Film
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